Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Phantomschmerz, der nicht vergehen will

Heftige, emotional geführte politische Diskussionen gingen diesem Jubiläum voraus. War es doch in Rußland nicht einmal möglich, sich wenigstens auf die Überschrift dieses Festes zu einigen, da das sechzigjährige Kaliningrad bekanntlich auf 700 Jahre alten preußischen Fundamenten ruht. Genaugenommen sollte es darum eine Doppelfeier werden. Seit 1945 gibt es die „Kaliningradskaya Oblast“, den das nördliche Ostpreußen umfassenden sowjetrussischen Verwaltungsbezirk, der Stalin als Kriegbeute zugesprochen worden war, und gleichfalls vor sechzig Jahren wurde die ostpreußische Hauptstadt, nach einem willfährig-bedeutungslosen Subjekt des Kremlherrschers, in Kaliningrad umbenannt. Aber an diesem günstig gelegenen Ort am Pregel ist auch vor 750 Jahren vom Böhmenkönig Ottokar jene Burg Königsberg auf dem pruzzischen Hügel Tuwangste gegründet worden. Natürlich schien es unmöglich, zur Feier des Stadtjubiläums sich offiziell der 750 Jahre Königsbergs zu erinnern. Denn zu groß war besonders bei den Veteranen und der älteren Generation, die ihr Leben in den Trümmern der deutschen Stadt begann, der Widerstand gegen eine womöglich preußisch akzentuierte Erinnerung. Soviel Blut ist hier vergossen worden, so viele Russen starben bei dem Kampf gegen die „deutsche faschistische Bestie“. Und jetzt sollte man sich dieser deutschen Stadt erinnern, für deren Eroberung man einst so große Opfer gebracht hatte? So lauteten die Einwände. Präsident Wladimir Putin wollte und konnte sich solcher Argumentation nicht verschließen. Die Planung der Feier wurde von Putin direkt beeinflußt Verschiedene Ideen zu der politisch höchst diffizilen Namensgebung entstanden: „750 Jahre Kaliningrad“, was aber von Putin als unsinnig abgetan wurde. „750 Jahre Königsberg/Kaliningrad“ war wiederum den Veteranen zu wenig. Andererseits konnte recht einfach die Einbeziehung des sechzigjährigen Jubliläums der Gründung des Gebiets auch die Veteranen zufriedenstellen. Sie, die 1945 den Neubeginn hier wagten und allmählich die Oblast entstehen halfen, können sich persönlich bei der Feier repräsentiert fühlen. So einigte man sich auch terminologisch auf ein Doppeljubiläum: „750 Jahre Königsberg und 60 Jahre Kaliningradskaya Oblast“ lautete zunächst der offizielle Name der Feier. Wladimir Putins Frau Ludmila, eine geborene Kaliningraderin, konnte ihren Mann direkt über die Stimmung in Stadt und Gebiet informieren und trug erheblich zu dieser Entscheidung des Präsidenten bei. Die Erinnerung an sechzig Jahre Oblast trat dann aber in den Hintergrund, Putin entschloß sich schließlich doch aus innenpolitischen Erwägungen zu „750 Jahre Kaliningrad“. Er war sich natürlich der historischen Fragwürdigkeit bewußt und ließ es deshalb zu, daß man bei einigen Einzelveranstaltungen im Rahmen des dreitägigen Festprogramms „750 Jahre unsere Stadt“ auf den Plakaten lesen konnte. Seit über einem Jahr hatte die Stadtverwaltung unter intensivem persönlichem Einsatz von Bürgermeister Juri Savenko dieses Fest vorbereitet. Daneben gab es zahlreiche Einzelinitiativen von Privatpersonen und der lokalen Wirtschaft, doch fehlte lange eine Zustimmung oder eindeutige Stellungnahme Moskaus dazu. Die Gebietsverwaltung unter Gouverneur Wladimir Jegorow verhielt sich demgegenüber merkwürdig apathisch, brachte kaum Initiativen zu den geplanten Feiern ein, was letztlich der Grund war, daß kaum noch von einem Jubiläum „60 Jahre Kaliningradskaja Oblast“ die Rede war. Erst im September 2004 entschied Moskau sehr zögernd, die Stadtfeier mit immerhin knapp vierzig Millionen Euro offiziell zu unterstützen. Damit sollten die Straßen, Parks und Plätze verbessert und verschönert und noch vorhandene historische Gebäude renoviert und rekonstruiert werden. Bis April 2005 wurde aber, als regierte in der Moskauer Bürokratie noch immer der Geist Oblomows, nicht einmal ein Abschlag überwiesen. Fast war es zu spät, um die geplanten Verschönerungsmaßnahmen rechtzeitig bis zum Beginn der Feierlichkeiten Anfang Juli durchführen zu können. Einige der geplanten Projekte konnten nicht mehr realisiert werden. Beispielsweise wurde die Brücke über den Moskovski Prospekt (Sackheim) und den Pregel nicht fertiggestellt. E.T.A. Hoffmann, an den bis dato nur ein Stein in der Nähe des Schloßteichs erinnert, bekam sein vorgesehenes Denkmal nicht. Ebenso erfolgte der Ausbau der Bastion Kronprinz am Litauischen Wall zu einer Galerie zeitgenössischer Kunst nur in Ansätzen. Immerhin hat Ludmila Putins persönliches Wunschprojekt eines Russischen Kulturzentrums mit Bibliothek einige Fortschritte gemacht. Es soll zum Begegnungszentrum mit Künstlern aus dem ganzen großen Rest-Rußland avancieren, um die Exklave auch kulturell besser an das Mutterland anzuschließen. 2008 soll es seine Arbeit aufnehmen. Fehlorganisation der Feier mit glücklichem Resultat Aber es gelang, das Königstor mit großem Aufwand zu restaurieren. Die Statuen der preußischen Herrscher erhielten ihre Köpfe zurück, derer sie während der Verwüstungsorgien des Jahres 1945 verlustig gegangen waren. Und es erscheint merkwürdig: Sowenig man sich bewußt an Königsberg erinnern wollte, wurde gerade dieses Königstor, dieses Relikt der preußischen Ära, zum offiziellen Symbol der Festlichkeiten. Stilisiert und mit den russischen Nationalfarben versehen, schmückte es Fähnchen, Plakate, ja selbst Einkaufstüten. Die Königstraße (Uliza Frunze) wurde zugunsten einer kleinen Grünfläche vor dem Tor in ihrem Verlauf verlegt. Doch zum gigantomanischen Zentralprojekt aller Vorhaben wuchs sich die Fertigstellung der gewaltigen Erlöserkathedrale aus – zusammen mit der völligen Neugestaltung des Ploschtschad Pobedy (vormals Hansaplatz) am früheren Eingang zur Ostmesse. Sie war in schier endloser, Tag und Nacht währender Arbeit zumindest äußerlich am 1. Juli fertiggestellt. Nach der in Moskau neben dem Kreml stehenden Kirche ist sie die größte ihrer Art in Rußland und bietet 5.000 Menschen Platz. Sogar das Lenindenkmal mußte dieser Neugestaltung des größten innerstädtischen Platzes weichen. Die öde städtebauliche Brache eines überdimensionierten Parkplatzes wich einer gepflegten Flanieranlage, geschmückt mit historisierenden Kandelabern, Bänken, einer großen steinernen Kompaßrose. Viel Geld verschlang der Straßenbau. Die innerstädtischen großen Verkehrsachsen waren teilweise in sehr schlechtem Zustand. Der Sowjetski Prospekt (Stresemannstraße), die Königstraße (Uliza Frunze), der Moskovski Prospekt (Sackheim und Ober- und Unterlaak), Newski Prospekt (Cranzer Allee) zählten deshalb zu den vordringlichsten Projekten. Genaues wußte man über die offiziellen Feiern und deren Rahmenprogramme bis etwa einen Monat vor deren Beginn noch nicht, da sie bewußt mit Überraschungseffekt konzipiert waren. Einige Länder wie Polen und Schweden ließen über ihre diplomatischen Vertretungen kleine landestypische Grünanlagen errichten. Moskauer Investoren wollten eine Art Freilichtmuseum südlich der Dominsel errichten: ein Fischerdorf aus dem 16. Jahrhundert sollte originalgetreu wiedererrichtet werden, im Innern der kleinen Häuser werden aber moderne Wohnungen und Dienstleistungseinrichtungen entstehen. Das wurde zwar auch nicht erreicht, doch entstand in unmittelbarer Nachbarschaft im Zug der früheren Kaiserbrücke eine historisierende Fußgängerbrücke über den Fluß, die mit Kandelabern an „Alt-Königsberg“ erinnern möchte. Die letzten Wochen vor dem Jubiläum brachten in der Stadt das öffentliche Leben zum Erliegen. Die finanziellen Mittel aus Moskau trafen verspätet ein – um die Straßenreparaturen noch vor dem Stadtfest beenden zu können, begann man die Arbeiten an allen Orten gleichzeitig. Das führte zu einem völligen Verkehrschaos. Busse und Straßenbahnen mußten zumindest im Zentrum ihre Fahrten vollständig einstellen, soweit sie nicht auf Alternativrouten ausweichen konnten. Die Popularität des Festes sank deshalb gegen Null, doch als dann am 1. Juli alle diese Maßnahmen beendet waren, war der Großteil der Bevölkerung von dem Geschaffenen begeistert. Da fast alle Projekte auf den persönlichen Einsatz des Bürgermeisters Savenko zurückgehen, stieg dessen Beliebtheit ungeheuer. Mit der Einweihung des Königstors und der Enthüllung der Statuen der preußischen Herrscher begann am 1. Juli das offizielle Festprogramm. Die drei ersten Julitage waren vollgestopft mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen. Militärische Aufmärsche, Platzkonzerte, Rockmusik, Showveranstaltungen mit Heißluftballons, mit Wasserfahrzeugen auf und über dem Schloßteich und noch so manches andere ließen das Stadtfest zu einem gigantischen Volksfest werden. In Deutschland herrscht Desinteresse und Unkenntnis Während der Festlichkeiten herrschte größte Verstimmung bei den polnischen und litauischen Nachbarn, da deren Präsidenten zu den Feiern im Gegensatz zu Gerhard Schröder und Jacques Chirac nicht geladen waren. Putin entschuldigte es damit, daß es sich um eine „innerrussische Feier“ handele. Schröder, gefragt, wie er es sehe, bei den Feiern teilzunehmen, erklärte kurz zögernd und meinend, dabei diplomatisch zu sein, daß „Kaliningrad mit der deutschen Geschichte jahrhundertelang verbunden gewesen sei“. Zu solch sachkundiger historischer Kommentierung bedarf es vermutlich subtiler Hintergrundkenntnisse, wie sie der geschichtspolitisch korrekt sortierte Fundus unseres Volkskanzlers bereithält. Die deutschen Medien hielten sich weitgehend bedeckt. Man hatte den Eindruck, daß sich Putin, Chirac und Schröder in einer beliebigen russischen Stadt hinter dem Ural zu einem gewöhnlichen Arbeitsbesuch trafen. Und wieder einmal kam bei Polen und Litauern die Furcht vor zuviel alteuropäischer Achsenpolitik hoch, die nur zu ihren Lasten gehen könne. Schon machte das alte Gerücht vom bevorstehenden Verkauf des Gebiets an Deutschland die Runde. Um die Wogen zu glätten, benutzten Putin, Schröder und Chirac deshalb die Feier, um gemeinsam neutrale Themen wie den G8-Gipfel, die Atomprogramme Irans und Nordkoreas oder den internationalen Terrorismus zu bereden. Das Jahr 2005 zeigt Kaliningrad und sein Umland gerade nach den Jubiläumsfeiern als merkwürdiges Zwitterwesen, ein Land schwankend zwischen Aufbruch und Verfall – ein Land, dem das alte Ostpreußen immer noch „in den Knochen steckt“, ein Land, das wie einen Amputierten der Phantomschmerz der Vergangenheit nicht losläßt. Und dieser Schmerz, diese Vergangenheit werden in Kaliningrad immer stärker spürbar. Daher wird ein stärkeres Bewußtsein für die Geschichte dieses geschundenen Landes, für die Identität seiner Bewohner und ihre wirtschaftliche Situation auch für uns in Deutschland unverzichtbar sein. Denn es kann nicht angehen, daß man in den Medien negiert, was einige hundert Kilometer von Berlin entfernt sich ereignet, während andererseits die kleinsten sich in Palästina ereignenden Scharmützel in langen Aufsätzen und Berichten analysiert werden. Stichwort: 750 Jahre Königsberg 1255: Baubeginn der Burg Königsberg durch den Deutschen Orden 1286: Gründung der Altstadt 1380: Fertigstellung des Domes 1457: Residenz der Ordens-Hochmeister wechselt von der Marienburg nach Königsberg 1466: Zweiter Thorner Friede, Entmachtung des Deutschen Ordens 1525: Reformation in Königsberg, Ordensstaat wird zum Herzogtum 1544: Gründung der Universität durch Herzog Albrecht (Albertina) 1724-1804: Immanuel Kant 1758-1762: Russische Okkupa-tion im Siebenjährigen Krieg 1807: Französische Okkupation 1809: Preußische Reformgesetze in Königsberg erlassen 1905: Königsberger Vororte werden eingemeindet 1919: Abtrennung Ostpreußens vom Reich in Versailles August 1944: Zerstörung durch britische Bomber; April 1945: Kapitulation der Festung Königsberg 1945: Vertreibung der Deutschen, danach russische Neubesiedlung

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