Nix wie weg!

Um die 260 Millionen Euro gibt die holländische Regierung in den kommenden drei Jahren für ein neues Forschungsinstitut aus, um den Exodus eigener Wissenschaftler und Spezialisten in Richtung USA zu stoppen. Noch einmal soviel wollen Firmen und Universitäten beisteuern. Die kontinuierliche Abwanderung nationalen Wissens und Könnens läßt in Den Haag die Alarmglocken läuten. „Die amerikanischen Institute sind voll mit Europäern“, beklagt der niederländische Gesundheitsminister, „wenn wir nicht entschieden für bessere Arbeits- und Forschungsbedingungen in Europa die entsprechenden Voraussetzungen schaffen, werden wir die Rote Laterne nicht mehr los.“ Auch in Deutschland schrillen die Alarmglocken. Und zwar vor Angst. Die Angst der Deutschen hat – so die 15. Langzeituntersuchung der R+V-Versicherung – ein Rekordhoch erreicht. Dabei stehen weder Krieg noch Terror als Angstmacher an der Spitze, sondern die Furcht vor der allgemeinen Verarmung, vor noch schlechteren Wirtschaftsdaten mit steigenden Preisen und Verlust des Arbeitsplatzes. Mehr als siebzig Prozent der 2.400 Befragten vertraten diese Meinung. „Die Bürger sind doppelt so ängstlich wie vor 15 Jahren, sie denken: Jetzt kann es mich jederzeit selbst treffen“, resümierten die Meinungsforscher. Diese Angst trieb schon Mitte des 19. Jahrhunderts sieben Millionen Menschen von Bremerhaven aus in die Neue Welt. Seit kurzem zeichnet man im „Auswandererhaus“ am Neuen Hafen ihre Geschichten nach: meistens Tragödien, Dramen, Hoffnungen, verbunden mit Namen von Auswandererschiffen, mit denen man heute nicht einmal den Bodensee überqueren möchte. Da ist aber auch die Erfolgsgeschichte des oberfränkischen Tuchhändlers Levi Strauss, der sich am 20. Mai 1873 seine mit Metallnieten verstärkten Hosen patentieren ließ. Es war die Geburtsstunde der Jeans. Oder da ist die Geschichte des bayerischen Bierbrauers Adolphus Busch, der mit 18 in Bremerhaven an Bord eines alten Seelenverkäufers ging und mit 27 gemeinsam mit Schwiegervater Anheuser der größten Brauerei in den USA vorstand. Heute gilt die Anheuser-Busch Company als „Global Player“ auf dem Weltmarkt des Bieres. Ob Romancier Friedrich Gers-täcker, Ex-Außenminister Henry Kissinger, Klavierbauer Heinrich Steinweg, ob die Manns, Feuchtwangers oder später Wernher von Braun, sie alle haben in den Staaten nicht nur ihr Glück gefunden, sondern der neuen Heimat auch viel gegeben, sie mitgeprägt. „Wirtschaftsflüchtlinge“ in einer Zeit des ökonomisch-gesellschaftlichen Umbruchs zog es schon in „grauer Vorzeit“ übers Meer – und nicht nur nach Nordamerika. Und heute? Treibt uns nicht wieder die Angst vor dem, was uns der „Standort Deutschland“ noch antun könnte, über die eigenen Grenzen hinaus? Etwas mehr als 150.000 Deutsche – die Dunkelziffer könnte weitaus höher liegen – beantworteten im Jahr 2004 diese Frage und wanderten aus. Doch auch noch kurz vor seinem Abgang demonstrierte Innenminister Schily in dieser Frage seine Gelassenheit: „Die Abwanderung von Spezialisten und wissenschaftlich ausgebildeten Kräften stellt mit circa 3.000 kein Problem dar.“ Nach Angaben der German Scholars Organization (GSO) befinden sich unter den rund 20.000 deutschen Wissenschaftlern in Amerika etwa 6.000 besonders hoch qualifizierte Nachwuchskräfte. Die meisten von ihnen kamen nicht nur der besseren Arbeitsbedingungen wegen, sondern weil sich die Elite vieler Wissenschaftszweige in den USA konzentriert. Wer Karriere machen will, gar von einem Nobelpreis träumt, kommt um Amerika nicht herum. Die enge Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, nicht zuletzt durch die jährliche Finanzspritze des Pentagon von mehr als 60 Milliarden Dollar für Forschungsvorhaben hat dort geradezu paradiesische Verhältnisse für europäische Wissenschaftler geschaffen. „3.900 Euro monatliches Grundgehalt für einen 35jährigen Forscher ist nicht akzeptabel“, umschreibt der Präsident der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, die Situation an heimischen Forschungsinstituten. Allein in der Schweiz oder in Großbritannien verdiene man um die Hälfte mehr. Kein Wunder, daß die USA trotz der politischen Klimaverschlechterung im Lande Talente aus aller Welt nach wie vor anziehen. Talente sucht derzeit händeringend auch Australien: in erster Linie Handwerker, Klempner, Maurer, Elektriker. Aber auch qualifiziertes medizinisches Personal steht auf der Wunschliste der Anwerber, die in Europa als „headhunters“ durch die Lande ziehen. Nicht nur in großformatigen Zeitungsanzeigen, in Info-Veranstaltungen bewerben sie in Amsterdam, London, Berlin oder Singapur eine verheißungsvolle, andere, ferne Welt, in der man angeblich mit dem Kopf über den Wolken, aber mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen kann. Es ist, als kutschiere man im legendären „Ghan“ quer durch den Kontinent. 3.000 Kilometer weit in 47 Stunden von Nord nach Süd, und man wird den Verdacht nicht los, als betrieben langgediente deutsche TV-Journalisten am Ende ihrer Dienstzeit mit ihren immer wieder abgespulten Zappelbildern Auswanderungs-Reklame, indem sie quer durchs Land schaukeln: einer längst versunkene heilen Welt ohne Angst und Unwägbarkeiten auf der Spur. Doch nach Australien oder Kanada auswandern heißt in der Regel: alles auf eine Karte setzen. Nichts da mit der goldenen Mitte. Australien verspricht Arbeit, viel Arbeit, aber nicht immer sehr gut bezahlte Arbeit und für Gescheiterte auch kein sicheres soziales Auffangnetz. Noch einmal will das boomende Land über 20.000 Fachkräfte ins Land holen, nachdem im vergangenen Jahr bereits 70.000 angeworben wurden. Vor allem in der Bauwirtschaft fehlt es an Handwerkern, aber auch an Ingenieuren und Buchhaltern. Die Hospitäler suchen Ärzte und Krankenschwestern. Ein Schweißer kann sich derzeit eine „goldene Nase“ verdienen, hingegen bleibt es nicht aus, daß sich ein approbierter Arzt, der die Nase vom deutschen Gesundheitssystem voll hat, als Taxifahrer in Sydney wiederfindet. Die Arbeit wandert aus und hinterläßt ihre Opfer Warum aber in die Ferne schweifen? Sage und schreibe 12.820 deutsche Staatsbürger – eine deutsche Kleinstadt – zog es im Jahr 2004 in die Schweiz. Die Eidgenossen empfangen sie mit offenen Armen. Denn diese Deutschen sind nicht mehr nur gut situierte Steuerflüchtlinge – gefüllte Brieftaschen sind überall gefragt -, sondern zumeist gesuchte Fachkräfte, Kleinunternehmer und junge Familien, die selbst in der Provinz gute Schulen finden. Umfragen zufolge sehnt sich jeder dritte Deutsche nach einem besseren Leben an einem besseren Ort. Nicht selten geht es dabei um die nackte Existenz. „Hier hat man keine richtige Zukunft mehr. Eigentlich müßte man auswandern“, ist der Lieblingskommentar vieler, wenn sie wieder einmal die neuesten Horrormeldungen vernehmen: Kein Tag vergeht, an dem nicht von Werksschließungen und der Produktionsverlagerung ins Ausland die Rede ist. Im Mittelpunkt hierbei – die sogenannten „Global Players“ im internationalen Wettstreit der Konzerne. Sie denken und handeln „big“. Die grenzenlose Welt ist ihr Zuhause. Der schwedische Elektrogerätehersteller Electrolux ist einer unter vielen. Doch trotz der lebensfrohen Marketingbotschaft: „Makes life a little easier“ wird der Weltkonzern von seinen rund 80.000 Mitarbeitern in 20 Ländern eher gefürchtet, ja gehaßt. Kein Wunder, denn dem „Global Player“ ist gerade deren Lebensinhalt – heißt die Arbeit vor der Haustür – im Zweifelsfall egal. Er sieht sich den Aktionären und der Dividende verpflichtet, ist immer zum Sprung über die Grenzen bereit. Es führt kein Weg daran vorbei: Den Regularien der „Kurspflege“ an den Börsen und streng vertraulichen Renditevorgaben anonymer Vorstände und Aufsichtsräte ausgeliefert, trifft jede Veränderung „am Markt“ vor allem die Bodenständigen, deren kleine, überschaubare Welt jenseits der Fabriktore hinter der Terrasse des noch nicht abbezahlten Reihenhauses im Garten des Nachbarn ihr Ende findet. Nimmt man ihnen die Arbeit, flaggt sie „sozialverträglich“ aus „verschlankt“ die Produktion, um sie kostenmäßig woanders „neu aufzustellen“, damit sie sich wieder „rechnet“, trifft sie der Absturz in die Arbeits- und Hoffnungslosigkeit. Der Drang zur Auswanderung wird größer. Im Zeitalter der längst nicht mehr von Politikern steuerbaren Globalisierung, die sich in anderer Form mit der aufkommenden Industrialisierung im letzten Jahrtausend entwickelte, wandert die Arbeit aus, hinterläßt Opfer der Zwangsläufigkeit, die zu nationalen, politischen Problemen werden. Doch die Macher in der Stockholmer Management-Etage des weltweit operierenden Electrolux-Konzerns fühlen sich nicht als Sozialarbeiter, sondern eher den Vorgaben der internationalen Rating-Agenturen verpflichtet. Dennoch: Sie sind keine Unmenschen, agieren mit perfekten Umgangsformen. Dessenungeachtet hat Manager Johan Bygge im Nürnberger AEG-Stammwerk, das den Schweden gehört, längst die Rolle des Jobkillers übernommen, der zukünftig billig in Polen produzieren und Nürnberg bis Ende 2007 dicht machen will. Hier sei Arbeit zu teuer. Da zeichnet sich der Protest des Nürnberger Wirtschafts-Stadtrates Roland Fleck, der den Stockholmer Renditestrategen erklärte: „Es geht – ich sage es ganz klar – nicht nur um Produkte, es geht nicht nur um eine mit Nürnberg eng verbundene Marke, es geht in erster Linie um Schicksale von Menschen und Familien, um deren Arbeitsplätze wir kämpfen“, durch eine erstaunliche Naivität und Unkenntnis globaler „Unternehmenskultur“ aus. Doch schon bangen auch in anderen Ländern der schönen Elektrolux-Welt, die anderen das Leben leichter machen möchte, abermals Tausende um ihren Arbeitsplatz. „Heute Nürnberg – morgen Italien?“ fragen zum Beispiel die ehemaligen Zanussi-Mitarbeiter in Mailand, die längst auch zur weißen Produktgesellschaft der Schweden gehören. Selbst die am billigsten produzierenden Portugiesen fürchten längst die Konkurrenz der Verzweifelten, die nach den Fahrplänen des globalen Menschenhändlersyndikats aus Afrika an ihren Küsten anlanden. „Alternativen“ in Bolivien und Paraguay Als hätte er die ganze Palette der wirtschaftlichen Ängste und Zwänge im Auge, verheißt ein Heinrich Lutz aus dem bolivianischen Santa Cruz de la Sierra dann aber all den auswanderungswilligen Verlierern Rettung. Der ehemalige Geschäftsführer einer „Inter Global Trading Company“ rät zum „Investment“ in Bolivien und teilt via Internet (www.alpenland.at.vu) den „Lieben Landsleuten“ mit: „Ich möchte Ihnen Alternativen aufzeigen, sowohl für Almosenempfänger/Hartz IV – zum Beispiel Rentner oder in Insolvenz geratene Personen – als auch für Menschen aller Altersklassen, die in ihrem Heimatland keine zukunftsträchtige Perspektive mehr sehen, aber in ihrem Selbstbewußtsein bisher noch nicht getroffen sind.“ In der Edelherberge „Bugnvillas“ im Zentrum der boomenden bolivianischen Millionenstadt Santa Cruz reicht das Selbstbewußtsein allerdings allein nicht aus, da ist Bares gefragt – und viel davon. Auch hier kommt ein Hartz IV-Empfänger nicht weit, es sei denn der „gringo“ versucht im 6. Anillo, einem Stadtrand-Ghetto, zu überleben. Dann lieber gleich nach Palmasola, der „Verbrecher“-Stadt, in der die „Almosenempfänger“ aus Deutschland landen, die bereits auf Viru Viru, dem Airport von Santa Cruz, als Drogenkuriere aus dem Verkehr gezogen wurden. Es steht aber auch nicht zu befürchten, daß ein Arbeitsloser aus der weißen Elektrolux-Welt im bolivianischen Nachbarland Paraguay – wo an 300 Tagen im Jahr die Sonne scheinen soll – ein paar tausend Hektar Graslandschaft ohne Wasser kaufen wird. „Alles ist bezahlbar“, schreiben die Felbers, die zur Auswanderung raten: „Ein Zweipersonenhaushalt mit Haushaltshilfe kommt monatlich gut mit 500 Euro aus.“ Die Felbers aus Colonia Independencia – in erster Linie Immobilienmakler – wissen, auf welchen Nenner sie die globale Auswandererszene zu bringen haben: Reisen ist gefährlich – Zuhausebleiben auch. Stichwort: Auswandern Im Jahr 1991 wanderten 98.915 Staatsbürger aus Deutschland aus. 1994 erreichte deren Anzahl mit 138.280 einen vorläufigen Höhepunkt. Seit 2001 (109.507) steigerte sich die Zahl – 2002: 117.683; 2004:127.267 – bis zum Rekord von 150.667 im Jahr 2004 (Quelle: Bundesamt für Statistik). Laut Angaben des Raphael-Werkes, welches sich seit mehr als 130 Jahren um Auswanderer kümmert, nannten 2003 knapp 61 Prozent der ausgewanderten Deutschen die fehlende berufliche Perspektive in Deutschland als Grund für ihre Entscheidung. 20 Prozent gaben familiäre Gründe an. Auf eine wirtschaftliche Verbesserung hofften sieben Prozent. Politische Unzufriedenheit nannten 0,7 Prozent.

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