Die bittere Rache der Natur

Die Flutwelle in Südostasien war furchtbar, die Betroffenen verdienen Mitleid und jede mögliche Hilfe. Die mediale Aufbereitung in Deutschland indes schwankt zwischen Oberflächlichkeit und Sentimentalität. „Warum ist die Natur so böse?“ titelt eine Boulevard-Zeitung, das Niveau und den Erwartungshorizont ihrer Leser fest im Blick. Heilige Einfalt! Hatte nicht schon Voltaire in seinem Roman „Candide“ das Lissaboner Erdbeben von 1755 zum Anlaß genommen, um sich über moralische Begründungen für Naturvorgänge lustigzumachen? Und Goethe – zumindest steht es so in „Dichtung und Wahrheit“ – wurde durch das Beben im fernen Portugal die frühkindliche Ahnung vermittelt, daß Gott, „indem er die Gerechten und Ungerechten gleichem Verderben preisgab, (sich) keineswegs väterlich bewies“. Sicher, weder Voltaire noch Goethe gehören mehr zum kollektiven Bildungskanon. Doch wenn unsere moderne „Risiko-Gesellschaft“ sich als solche beim Wort nähme, dürften solche Ereignisse sie in keinen derart primitiven Medientaumel versetzen. Touristen, die das Glück hatten zu überleben, beklagten sich hinterher, sie hätten ihr Taxi zum Flughafen selber bezahlen müssen. Offenbar verstehen sie ihr Dasein als ein vom Staat zu garantierendes Rundum-sorglos-Paket. Auch die deutsche Neigung zu Hysterie und Angstszenarien hat zu keinem klügeren Verhältnis zur Welt geführt. Und wenn schon nicht bessere Einsicht, dann hätte der immer noch sehenswerte Katastrophenfilm „Krakatau“ über die Explosion des Inselvulkans zwischen Sumatra und Java und die anschließende Flutwelle, bei der 1883 Zehntausende starben, Hinweise auf potentielle Gefahren geben können. Doch der Fernseh- und Nachrichtenkonsum schläfert die Sinne ein, anstatt sie für den Ernstfall zu schärfen. Was wir zur Zeit erleben, ist eine als Betroffenheit getarnte parasitäre Publizität. Permanent werden wir von „Brennpunkt“- oder „Spezial“-Sendungen penetriert, ganz zu schweigen vom Betroffenheitstremolo der Nachrichtenkanäle. Der Zugewinn an sachlichen Informationen tendiert längst gegen Null. Da zoomt die Kamera auf verzweifelte Menschen, die eben realisieren, daß ihre gesamte Familie elendig abgesoffen ist. Statt Pietät ist gnadenloser Voyeurismus angesagt, an dem wir uns als Zuschauer beteiligen. Hinterbliebene in Deutschland, durch die Mediengesellschaft konditioniert, fühlen sich aufgerufen, ihre private Trauer via Kamera öffentlich zu verwerten. „Im Elend der Information BILD KÄMPFT FÜR SIE / wird Erzählung zur Prostitution“, heißt es bei Heiner Müller. Bei den Opferzahlen geht es zu wie bei einer Pferdeauktion: 70-, 80-, 100-, 165.000 Tote – wer bietet mehr? Zwar ist die eine Zahl so wenig faßbar wie die andere, aber jede Zehntausender-Marke, die überschritten wird, verheißt eine höhere Einschaltquote. Längst vergessene Prominente schieben sich in die erste oder zweite Reihe, um für den guten Zweck zu werben. Es ließe sich einwenden, nur so könne eine breite Spendenbereitschaft aktiviert werden, doch ein Altruismus, der mittels Kitsch aktiviert werden muß, ist flatterhaft und läßt keinerlei Verhaltens- und Bewußtseinsänderung erwarten. Indem die internationale Aufmerksamkeit sich jetzt auf die Flutopfer konzentriert, geraten andere Schauplätze des Elends, etwa im Sudan, aus dem Blick. Die Äußerung der Grünen-Politikerin Claudia Roth, dies sei eine „Katastrophe in der einen Welt, die alle gleichermaßen betrifft“, zeugt weniger von Realitätssinn als vom Willen, aus der Naturkatastrophe innenpolitischen Nektar zu saugen. Aber nicht nur die kleinen, auch die großen Resteverwerter haben die Startlöcher schon verlassen. Die USA versuchen, eine eigene Hilfskoalition der Willigen zu schmieden, um die Uno und den Einfluß Europas zu schwächen und ihr im Irak-Krieg ramponiertes Ansehen zu heben. Der Nachrichtensender N 24 zeigt amerikanische Offiziere, die stolz vom Irak-Einsatz berichten, den sie nun in Asien fortsetzen: von einer humanitären Aktion zur nächsten! Frankreich hat den Anspruch erhoben, die Hilfslieferungen der EU zu koordinieren, schließlich seien französische Helfer als erste vor Ort gewesen. Ein Schelm, der darin Nachwehen des Gaullismus erkennt. Die Deutschen und Europäer sehen sich zunehmend als Opfer der Globalisierung. In Wahrheit treiben wir sie selber voran, auch als Massentouristen, die in jeder beliebigen Weltgegend ein bestimmtes Lebensniveau beanspruchen. Die Europäer werden jetzt abtransportiert, die Verletzten kommen in komfortablen Krankenhäusern unter, die Einheimischen aber bleiben in Elend und Schmutz zurück. Natürlich ist jeder Staat zuerst für die eigenen Bürger verantwortlich ist, aber diese Tatsache beantwortet nicht alle ethischen Fragen, die das Unglück aufwirft. Es gilt nun, die Balance zwischen moralischer Verantwortung und Eigeninteressen zu finden. Eine großzügige Hilfe für die asiatischen Flutopfer stellt die beste Prävention gegen neue Flüchtlingswellen dar. Im globalen Maßstab aber wird die Heimsuchung von Millionen armer Teufel kaum etwas verändern. Ein Indiz dafür ist die Gleichgültigkeit der Börsen. Wenn die Flutwelle New York, London oder Tokio ereilt hätte, wären die Aktienkurse umgehend in den Keller gerauscht. Schon bald wird es heißen, die Wiederaufnahme des Tourismus sei die beste Art der Entwicklungshilfe. Die ersten Reisenden handeln bereits danach – mit entwaffnender Stupidität. Die Tourismusindustrie wird demnächst vielleicht einen Solidarzuschlag für die Flutopfer erheben, und wir werden ihn freudig zahlen – bis zur nächsten Schnäppchen-Runde, auf die wir ja wohl Anspruch haben. Michel Houellebecq erzählt in dem Roman „Plattform“ von einem Sexclub für dekadente Europäer, der sich genau an dem thailändischen Küstenabschnitt befindet, der jetzt überflutet wurde. Ein Attentat islamistischer Terroristen macht dem Sündenbabel ein Ende. Eine Analogie zu den aktuellen Ereignissen verbietet sich schon deshalb, weil die Natur nicht unter moralischem Gesichtspunkt aktiv wird. Man darf sich aber darüber wundern, warum trotz zahlreicher technischer Errungenschaften so viele Menschen durch ein Naturereignis sterben mußten. Es gab nicht einmal ein Alarmsystem. Offenbar hat der als Fortschritt bezeichnete Prozeß, sei er gesellschaftlicher oder technischer Art, nicht dazu geführt, die menschliche Existenz mit der natürlichen Umwelt – und mit sich selbst – besser in Übereinstimmung zu bringen. Statt auf die Natur zu hören und sie zu hegen, ignorieren und mißhandeln wir sie, um schließlich zu erkennen, daß wir damit die eigenen Lebenswurzeln kappen.

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