Das Karussell der Kardinäle dreht sich

Es war ein langer und schmerzhafter Abschied vom kranken Papst Johannes Paul II.. Doch je kränker der Pontifex wurde – es klingt paradox -, desto höher wurde die Latte für seinen Nachfolger gehängt. Ziemlich ungeniert wurden in den Medien immer wieder die Namen von eventuellen Nachfolgern genannt. In den Korridoren des päpstlichen Palastes blühten die Spekulationen und die Gerüchtebörse stieg und fiel – und auf dem glatten Marmorboden rutschte so mancher Kandidat intern aus, um nicht mehr aufzustehen. Denn schon seit langem hatten die Vorbereitungen für die Wahl eines Nachfolgers begonnen. Während der Papst sich noch letzte kirchliche Auftritte zumutete, drehte sich im Vatikan das Karussell der Kardinäle immer schneller. Jede Koalition versuchte ihren Kandidaten ins rechte Licht zu setzen. Der Papst, seit langem gezeichnet von Alter und Krankheit, wollte dennoch in seinem moralisch-missionarischen Einsatz bis zum wahrlich letzten Atemzug mit seinem gewaltigen medialen Gespür die Kirche nach vorne jagen. Dafür vergaß er immer wieder alle seine Schwächen und Schmerzen, um die ihm aufgetragene Mission auf Erden zu beenden. Allerdings stapelten sich bei diesem kaum faßbaren und bewundernswerten Einsatz die Aktenberge in der Vatikandiplomatie, wanderten häufig ungelesen weiter, während das Getriebe im Vatikan dennoch wie immer leise und wie geölt funktioniert. Nichts Hektisches dringt aus der Kurie. Nach dem „politischen“ Papst wird ein „Seelsorger“ gesucht Doch nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. sind jetzt alle Schleusen geöffnet. Ein Bataillon von 117 wahlberechtigten Kandidaten-Kardinäle (plus noch einem im Geheimen – „in pectore“) aus fünf Erdteilen reist derzeit nach Rom, um sich während des Konklaves – das spätestens 20 Tage nach seinem Tod beginnt – auf einen Papst aus ihrer Mitte zu einigen. Die meisten von ihnen hatte dieser Pontifex selbst in den Kardinalsstand erhoben (eine Ausnahme bildet zum Beispiel der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger). Noch steht nicht fest, welchen Kurs dieser höchste Kirchenfürst künftig verkörpern wird: Reform oder Rückschritt; Öffnung oder Abschottung. Vieles würde dafür sprechen, daß dieses Mal nach dem politisch so engagierten Papst aus Polen wieder ein Italiener auf den Stuhl Petri gewählt wird – stellten doch die italienischen Kardinäle durch die Jahrhunderte die Mehrheit der Päpste. Zudem ist der Papst auch gleichzeitig Bischof von Rom und Primas von Italien. Generelle Faustregeln für einen künftigen Papst-Kandidaten lauten: Nicht zu jung soll er sein, aus einer großen Diözese sollte er kommen (also nicht unbedingt aus der Kurie). Vor allem jedoch wünscht man sich nach diesem „politischen“ Papst nunmehr einen „Seelsorger“ an der Spitze der Kirche. Außerdem wird lieber ein Papst-Kandidat aus einem kleinen neutralen Land bevorzugt, um so von vorneherein politische Konflikte vorzubeugen. Nach diesen Auswahlkriterien hätte Camillo Ruini (74), Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, der die Abschiedsmesse in San Giovanni in Lateran hielt, während der Papst noch mit dem Tode rang, große Chancen. Ihm ist die anrührende Formulierung zu danken, der Papst „sieht und berührt bereits den Herrn“. Zu den weiteren potentiellen italienischen Papstnachfolgern gesellen sich auch der Piemonter Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano (77), bisherige Nummer zwei im Vatikan, ein durchaus machtbewußter Kandidat, der langjährige Auslandserfahrungen in Südamerika nachweisen kann. Auch der umtriebige Präfekt der wichtigen Bischofskongegration, Giovanni Battista Re (70), der mit im kirchlichen Team während der krankheitsbedingten Abwesenheit des Papstes die österlichen Zeremonien leitete, kann sich Chancen ausrechnen. Als „papabile“ gelten außerdem die italienischen Kardinäle Dionigi Tetta-manzi (71), Erzbischof von Mailand, der als Vertrauensmann von Opus Dei gilt und sich während des G-8 Gipfeltreffens in Genua 2001 auf seiten der Globalisierungsgegner schlug; sowie Angelo Scola (63), Patriarch von Venedig, einer der brillantesten Theologen Italiens. Für einen schwarzen Papst scheint die Zeit noch nicht reif Sollten die Italiener es nicht schaffen, gelten die Kandidaten aus Lateinamerika – dem Erdteil mit der größten katholischen Bevölkerung – als besonders aussichtsreich. Zu nennen wäre der Brasilianer Alfonso Lopez Trujillo (70) und der kolumbianische Kardinal Castrillon Hoyos (76), beide Vertreter des konservativen Lagers. Zu den europäischen Favoriten zählt Kardinal Christoph von Schönborn (60), Erzbischof von Wien. Der Dominikaner gilt als polyglotter Kirchenmann, der sich besonders um die Annäherung mit der orthodoxen Kirche verdient gemacht hat. Immer wieder wird auch der Erzbischof von Brüssel, Kardinal Godfried Danneels (67), genannt. Er gilt als ökumeneerfahren und hat gute Kontakte zu den Protestanten. Allerdings hat er keine Hausmacht hinter sich. Sollte das Kardinalskollegium nach diesem so langen Pontifikat auf einen „Übergangspapst“ setzen, dann wird sicher auch der Präfekt der Glaubenskongregation, der einflußreiche deutsche Kardinal Joseph Ratzinger (77), genannt werden. Sicher ist, daß er zu den Strippenziehern und „Königsmachern“ zählt. Die Spekulation, daß ein Schwarzafrikaner an die Spitze der römischen Kirche treten könnte, hat an Brisanz verloren. Denn der seit Jahren gehandelte Nigerianer Francis Arinze (72) kämpft mit Gesundheitsproblemen. Die Zeit für einen schwarzen Papst scheint noch nicht reif. Neu im Kreise der Kandidaten ist Kardinal Ivan Dias (68) aus Bombay, der nach 36 Jahren im Dienste der vatikanischen Außenpolitik über gute Kontakte in aller Welt verfügt. Im übrigen gilt bei allen Spekulationen das römische Sprichwort: „Wer als Papst ins Konklave einzieht, kommt als Kardinal wieder heraus.“ Konklave Spätestens 20 Tage nach dem Tod des Papstes finden sich die Kardinäle zum Konklave im Vatikan ein. Das Wahlverfahren ist genau festgelegt. Nachdem sich die stimmberechtigten Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle versammelt und alle anderen den Raum verlassen haben, beginnt die geheime Wahl mit Stimmzetteln, die den Aufdruck „Eligo in Summum Pontificem“ (Ich wähle zum Papst) tragen. Darunter soll der Name des Gewählten deutlich, aber möglichst in verstellter Schrift geschrieben werden. Anschließend treten die Kardinäle vor den Altar, zeigen den Wahlzettel vor und legen ihn dann in einen Kelch. Grundsätzlich ist für die Wahl eines neuen Papstes eine Zweidrittel-Mehrheit erforderlich. Sollte in 34 Wahlgängen keine Zweidrittel-Mehrheit zustande kommen, kann das Kardinalskollegium mit absoluter Mehrheit das Quorum ändern und beschließen, daß in weiteren Wahlgängen die absolute Mehrheit zur Wahl eines Papstes ausreicht. Nach jedem Wahlgang und Auszählung der Stimmen werden die Stimmzettel in einem kleinen Ofen verbrannt. Aufsteigender weißer Rauch bedeutet: Die Welt hat einen neuen Papst. (JF)

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