Das Ende der Schuld

Es ist eine überraschende, für die meisten ermutigende, für einige wenige bestimmt irritierende Botschaft, die die Institute Imas in Linz und Harris Interactive in den USA in einem gemeinsamen Report mitteilen. In pointierter Zuspitzung lautet sie: Die Deutschen können sich auf den Schutz – pardon, den Schatten Adolf Hitlers nicht mehr länger verlassen! Dieser Meinung ist eine klare Bevölkerungsmehrheit in zehn europäischen Ländern und in den USA. Und noch etwas: Eine überwältigende Mehrheit in Deutschland teilt diese Auffassung. 70 Prozent der Franzosen und immerhin 51 Prozent der Briten sehen die Deutschen positiv, nur 6 bzw. 12 Prozent denken negativ über sie. Diejenigen, für die der Holocaust eine deutsche „Erbschuld“ der heutigen Generation bedeutet, sind in der Minderzahl. In Frankreich liegt ihr Anteil bei sieben, in den USA bei zwölf und in Großbritannien bei 14 Prozent. Selbst in Polen wollen nur 26 Prozent etwas von der Erbschuld-These wissen. In Rußland und der Ukraine liegt der Anteil ein wenig höher, doch auch dort wird sie von weit mehr als der Hälfte der Befragten verneint. Der Zweite Weltkrieg ist international nicht mehr für das Deutschland-Bild bestimmend. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Zeit heilt eben auch tiefe Wunden. Das überaus günstige Deutschland-Bild in Frankreich hängt einfach damit zusammen, daß man sich gegenseitig am besten kennt. Die deutsch-französische Aussöhnung ist eine Realität, der Topos der „Erbfeindschaft“ aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwunden. Der freundliche Blick von jenseits des Rheins hat noch einen weiteren Grund: Frankreich ist selber ein verunsichertes Land. Es kann nicht in seinem Interesse liegen, daß sein engster Partner manisch-depressiv ist. Dieser pragmatische Ansatz dürfte auch anderswo wirksam sein. Die Einsicht bzw. Ahnung greift um sich, daß die moralische Erpressung Deutschlands keine finanzielle Ausbeute mehr verspricht. Ein müde gewordenes „Tätervolk“ in Europas Mitte, das einen pathologischen Schuldkomplex internalisiert hat, verdirbt auch seinen Nachbarn die Laune und Zukunft. Es ist kein Zufall, wenn die Europäische Union, auf die gerade die Mittelosteuropäer so viel Hoffnung setzen, punktgenau in dem Moment auseinanderfliegt, wo Deutschland außerstande ist, weiter den Zahlmeister zu geben. Für diejenigen in Deutschland, die stets das „besorgte Ausland“ im Munde führen, um den Widerstand gegen ihre Weltverbesserungsprojekte niederzuschreien, muß die Umfrage ernüchternd sein. Bisher war der „Führer“ ihr sicherster Koalitionspartner, er war Legitimationsquelle, Machtmittel, Drohkulisse in einem. Mit ihrer brutal praktizierten Deutungshoheit haben sie für Übellaunigkeit und opportunistische Verlogenheit im Land gesorgt. Die Gelegenheit ist günstig, ihnen die Wortführung zu entreißen. Das sollte um so leichterfallen, als die deutschen Erbschuld-Verwalter politisch in beispielloser Weise versagt haben. Ihr überraschender Wahlsieg von 2002 erweist sich als Danaergeschek: Eine linke Dolchstoßlegende nach dem Motto „Wir hatten das Richtige gewollt, doch leider zu wenig Zeit gehabt, es umzusetzen!“ ist nach sieben Regierungsjahren nicht mehr möglich. Von der Vergangenheitsversessenheit befreit, kann das Politische wieder in sein Recht eingesetzt werden. Auf das Land kommen schließlich soziale Grausamkeiten zu, die alle bundesdeutschen Erfahrungsmuster aufsprengen werden. Als erstes ist es daher wichtig, die freie Rede zurückzugewinnen und die moralisierende, gutmenschelnde Begriffswelt, die die klare Benennung der Lage verhindert, energisch zurückzuschneiden. Nehmen wir die „soziale Gerechtigkeit“, die niemand präzise beschreiben kann, die aber impliziert, der Gegner wolle die „soziale Ungerechtigkeit“, sei also moralisch minderwertig. Oder die „Würde des Menschen“, bei der es sich laut Theodor Heuss um eine „nicht interpretierte These“ handelt, die sich als Allzweckwaffe beim politischen Totschlag jedoch bewährt hat, und zwar vor allem dann, wenn es gilt, den globalen Zugang zum deutschen Sozialsystem durchzusetzen. Das drängendste Problem, das „wegen Hitler“ jahrzehntelang in Theorie und Praxis von der Politik ignoriert wurde, ist die Überalterung des Landes. Vorschläge für eine aktive Bevölkerungspolitik wurden sofort mit Formeln wie „Blut und Boden“ oder „Mutterkreuz“ letal erledigt. Andererseits wird die zunehmende „Kinderarmut“ beklagt, was nahelegt, die Erfüllung des Kinderwunsches stürze Familien in die Armut. Das ist nur eine Teilwahrhheit. Die Steuer- und Sozialgesetze behandeln die Familien stiefmütterlich, was gerade bei Normal- und Besserverdienern die Geburtenquote senkt. Diejenigen, die manchmal schon seit Generation von Sozialhilfe leben, haben viel weniger Bedenken, ihren Status weiterzuvererben. Auch das führt zur Ausweitung von „Kinderarmut“. Wenn gleichzeitig immer weniger Mittelschichten-Kinder geboren werden, schreitet die Verplebsung des Landes voran. In manchen Regionen, wo gleichzeitig eine massive Abwanderung der Leistungsfähigen stattgefunden hat, kann man die gesellschaftlichen Folgen schon besichtigen. Wirtschaftsexperten wie Hans-Werner Sinn plädieren dafür, Abschied davon zu nehmen, daß der Staat die Kindererziehung mit festen, für alle gleichen Geldbeträgen bezuschußt. Statt dessen sollten Kinder stärker steuermindernd veranschlagt werden können, um bei Menschen mit mittleren und hohe Einkommen fiskalische Anreize zur Familiengründung zu schaffen. Nur so wachsen in intakten Familien die bildungsfähigen Kinder heran, die die Zukunft des Landes sichern. Kritiker werden das als „sozial ungerecht“ oder gar als Anschlag auf die „Menschenwürde“ anprangern, doch dieser politische Mut muß aufgebracht werden. Die Einwanderungskandidaten wird man nach dem Bildungsstand und ihrer Eignung zur Integration zu sortieren haben. In einigen Grenzregionen sind Mediziner aus Osteuropa längst unverzichtbar, um die ärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten. Wenn sie sich in Deutschland ganz niederlassen wollen – warum nicht? Etwas anderes sind Zuwanderer, die vor allem am Sozialsystem interessiert sind. Die Rettung des Sozialstaats setzt voraus, daß der Kreis der Anspruchsberechtigten endlich scharf umrissen wird. Politisch Korrekte werden diese pragmatische Auswahl als „Selektion“ bezeichnen und auf die einschüchternde Wirkung der NS-Assoziation setzen. Dagegen muß der Mut zur politischen Vernunft gesetzt werden. Das Ausland, das zeigt die Imas/Harris-Studie, wird sich nicht empören, wenn Deutschland Adolf Hitler endlich in den Ruhestand verabschiedet!

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