Bittere Realitäten

Seit Beginn des neuen Jahrhunderts sind die deutschen Streitkräfte erneut in Schwierigkeiten geraten – die Medien berichten ausführlich über Finanznöte und deren Folgen. Das ist berechtigt. Aber es drängt vielleicht andere Fragen in den Hintergrund, dabei auch die Frage, ob die Streitkräfte auf einem guten Wege sind und wo die Gründe dafür liegen, daß der Staat eines der wichtigsten Instrumente seiner Außen- und Sicherheitspolitik materiell verkümmern lassen kann. Ein weiteres tritt hinzu: Um das Ansehen der Bundeswehr und der Offiziere ist es nicht zum Besten bestellt. Dabei dürfen gerade die Offiziere nicht übersehen, daß bisher mehrere Millionen junger Deutscher Wehrdienst geleistet haben. Wenn diese Millionen ihren Angehörigen sowie Freunden vorwiegend Gutes berichtet hätten und wenn sie mit Stolz auf eine fordernde und erfüllte Dienstzeit zurückblickten, wäre das Ansehen der Streitkräfte wohl besser. Das weckt die Frage, ob Geld das einzige ist, was den Streitkräften heute fehlt, und ob die Bundeswehr insgesamt auf den richtigen Weg geführt worden ist. So mag die Innenansicht eines Mannes von Wert sein, der 1956 als 29jähriger wieder die Uniform anzog und bei Verwendungen und Beförderungen viel Glück hatte, also mancherlei gesehen und erfahren hat. Was der Verfasser darlegt, ist die Sicht eines Teilnehmers, nicht die eines Historikers. Sie beansprucht also nicht die umfassende Sicht historischer Studien. Doch gerade deshalb könnte diese Schilderung einen Wert haben. Einmal weil manche, vielleicht viele der geschilderten Erlebnisse Lehren bergen, die heute noch wichtig sein können. Vielleicht ist es auch für manchen ehemaligen Wehrpflichtigen interessant zu sehen, vor welchen Schwierigkeiten sich seine damaligen Vorgesetzten sahen und welche Lösungen sie fanden. Ein weiterer Wert könnte daraus erwachsen, daß vor allem Dokumente und Briefe aus jener Zeit zitiert werden, spätere Überlegungen sind als Kommentar gekennzeichnet. Es gibt kaum, vielleicht gar keine Veröffentlichungen, die das Innere der Bundeswehr nicht aus der heutigen, sondern aus der damaligen Sicht schildern. Für Historiker und Politikwissenschaftler dürfte es deshalb schon heute schwierig sein herauszufinden, was die jüngeren Offiziere in den Anfangsjahren der Bundeswehr dachten und wie es in der Truppe, also in den Zügen und Kompanien aussah. Es wird auch nicht leicht sein zu erkennen, welche Aufgaben in den Jahrzehnten der vergangenen Ost-West-Konfrontation höhere Kommandeure zu lösen hatten, um das militärische Instrument der Politik leistungsfähig zu machen. Schwierig wird es sein herauszufinden, welche seelischen und ethischen Probleme jene Offiziere empfanden, die sich mit dem Einsatz von Atomwaffen zu befassen hatten. Diese Darstellung ist ein Beitrag hierzu. Aus dem Zweck dieser Veröffentlichung ergibt sich, daß Autobiographisches und Persönliches, das nicht mindestens die Stimmung jener Jahre illustriert, so weit im Hintergrund gehalten wurde, wie es möglich schien. Die zitierten dienstlichen Schreiben und privaten Briefe sind 2005 noch im Besitz des Verfassers. Ihr dokumentarischer Wert kann offensichtlich nur gewahrt werden, wenn sie möglichst unverändert veröffentlicht werden. Das ist jedoch in mancherlei Hinsicht schwierig. ……………………………. „Kommen die Offiziere aus dem Ministerium, so steigt die Skepsis auf einen Höhepunkt. Es mehren sich diejenigen Offiziere, die überzeugt sind, in Bonn werde Sabotage getrieben.“ ……………………………. Die schwierige Situation innerhalb der Bundeswehr verdeutlicht ein Schriftwechsel aus den ersten Jahren des Bestehens, in der die materielle Lage der Bundeswehr noch lange ähnlich katastrophal war wie in der Startphase. Lage und Folgen schildert ein Brief des Chefs 4./Panzergrenadier-Lehrbataillon, des Verfassers, an den damaligen Oberst Karst vom 4. November 1962 (gekürzt):
„Das Vertrauen in die Führung ist verschwunden. Es wäre gefährlich, sich über diese Tatsache zu täuschen. Ein Offizier, der wegen Ersatzteilmangels in seiner Kompanie von 16 Schützenpanzern noch sechs fahrbereite hat, wird zu der Frage gedrängt, ob eine stärkere Führung das nicht hätte vermeiden können. Im zweitgrößten Industriestaat des Westens, sechs Jahre nach Gründung der Bundeswehr und zwei Jahre, nachdem der Schützenpanzer HS 30 in die Truppe kam, kann das kein unvermeidbarer Zustand sein. Auch die innere Bereitschaft zur Disziplin leidet. ‚Die oben sind schuld an der Misere.‘ Da die so Beschuldigten hohe Offiziere sind, begegnet man höheren Offizieren nicht mit Achtung, sondern mit Skepsis. Kommen die Offiziere aus dem Ministerium, so steigt die Skepsis auf einen Höhepunkt. Es mehren sich diejenigen Offiziere, die überzeugt sind, in Bonn werde Sabotage getrieben. Die Unteroffiziere und Feldwebel sprechen längst offen von ‚Sand im Getriebe‘. (…) Bei den älteren Offizieren taucht die Frage auf, ob der Offizier das Recht hat, seine Soldaten in den nächsten Krieg zu führen. Dieser Krieg wird verloren sein, wenn er beginnt, weil unser Volk uns nicht die Waffen gegeben hat, die es uns leicht hätte geben können. So werden wir nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch um die Ehre, nicht davongelaufen zu sein, kämpfen (…) Mit welchem Recht nehmen wir die Wehrpflichtigen mit in diesen Kampf? Am 14. oder 15. August sagte mir ein Kompaniechef, Ritterkreuzträger, er werde seine Soldaten am ersten Kriegstag nach Hause schicken, wenn sich bis dahin die materielle Lage nicht grundlegend gebessert hat. (…) Solche Gedanken sind das Ergebnis einer Lage, die diese Offiziere nicht verursacht haben: Meine Kompanie hat zur Zeit sechs fahrbereite Schützenpanzer. (…) Am ersten Kriegstag zerplatzt die Kompanie in zwei Teile: einer zu Schützenpanzer, einer zu Fuß. Zudem sind Ketten und Zahnkränze selbst der fahrbereiten SPz in einem fürchterlichen Zustand (abgefahren). Für die Maschinenkanone der Schützenpanzer haben wir im Kriegsmunitionsvorrat (Grundausstattung) pro Waffe Gurtglieder für 65 Schuß, also angesichts einer Schußfolge von 20 Schuß/Sekunde nur für wenige Sekunden Feuerkampf. Bei Panzerfaustmunition ist nicht einmal die Grundausstattung aufgefüllt. Meine bisherige Kompanie, die Ausbildungskompanie des Bataillons, hat für 220 Soldaten vier der ihr zustehenden zwölf Bazookas (Panzerfäuste)mit insgesamt zwölf Schuß dafür in der Grundausstattung. Diese Kompanie hat keine einzige Gewehrgranate und keine Handgranate in der Grundausstattung. Nebenbei aber hat diese Rekrutenkompanie noch einen Kriegsauftrag: Sicherung an einem gemäß Einsatzbefehl operativ wichtigen Abschnitt, den der Russe mit Fallschirmjägern oder vorgeworfenen Panzerspitzen sofort zu gewinnen trachten wird. (…) Die Fahrzeuglage des Panzergrenadier-Lehrbataillons am 18. November 1962 ist wie folgt: Von vier Sanitäts-Schützenpanzern ist keiner fahrbereit, genau wie nur einer von drei Bergepanzer M 74. Von den vier für die gepanzerte Nachschubgruppe vorgesehenen Fahrzeugen wurde noch keines geliefert. Ansonsten sind fahrbereit: drei von fünf Panzerjägern M 41, alle acht Fahrzeuge des schweren Mörserzuges, keines der acht Fahrzeuge des mittlerer Mörserzuges, elf von sechzehn Schützenpanzer HS 30 der 2. Kompanie, zwei von sechzehn der 3. Kompanie, drei von sechzehn der 4. Kompanie.“ Aus einem Brief an den Bruder vom 5. Dezember 1962: „Seit einem Monat gibt es im Bataillon kein Fett mehr zum Abschmieren der Schützenpanzer. Zudem gibt es bis heute kein Frostschutzmittel. Nicht einmal ein bescheidenes Tröpfchen. Nachts wird immer alles Wasser abgelassen. Hast Du da noch Worte? Trotzdem: Uns sollen sie nicht unterkriegen.“ Die amerikanische 3. Panzerdivision wäre in einem Krieg rechter Nachbar der deutschen 5. Panzerdivision. Ein gutes Verhältnis kann also lebenswichtig werden. In der Tat: Das Verhältnis könnte nicht besser sein. Die amerikanische Division ist mit der „General Order No. 7“ an einem 7. April aufgestellt worden, und dieser Tag wird als „G. O. Seven Day“ immer feierlich begangen. Als stets liebenswürdige Gastgeber haben die Amerikaner die höheren Offiziere der deutschen Partnerdivision mit ihren Damen eingeladen und, wie bei dieser Traditionen sorgfältig pflegenden Nation selbstverständlich, ist dieser Tag mit viel Liebe vorbereitet worden. Ein Diner bei Kerzenschein ist der gesellschaftliche Höhepunkt. In einem festlich geschmückten Saal versammeln sich die Offiziere in Galauniform, die Damen tragen langes Kleid. Von einer Tribüne blicken der Kommandierende General des V. US-Armeekorps, Generalleutnant Williams, der amerikanische Divisionskommandeur, Generalmajor Anderson, der Verfasser als der deutsche Divisionskommandeur, deren Stellvertreter und ihre Damen auf ein festliches Bild. Nach dem Essen erlischt das Licht. Martialische Musik erklingt, und ein Offizier trägt, begleitet von zwei Unteroffizieren mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, die erste Fahne in den Saal. Ein Punktstrahler taucht die Fahne in gleißendes Licht, während ein Offizier mit metallener Stimme die ruhmvolle Geschichte des Truppenteils verliest: Dann und dann aufgestellt und nach Europa verlegt, da und da das erste Gefecht – soundso viele Deutsche getötet, so viele verwundet, so viele gefangengenommen – das nächste Gefecht: so viele Deutsche getötet, so viele verwundet, so viele gefangengenommen – und natürlich war die Verteidigung immer erfolgreich und die Angriffe sind immer geglückt. In der amerikanischen Armee haben die Divisionen, die Brigaden, die Bataillone und auch selbständige Kompanien Truppenfahnen. So marschieren immer neue Fahnenträger herein, immer wieder taucht der Punktstrahler sie in gleißendes Licht, und immer wieder verkündet die metallene Stimme: soundso viele Deutsche (…). Nach einer halben Stunde scheint dem deutschen Divisionskommandeur, als schauten einige der deutschen Offiziere fragend zu ihm herauf, und als der Fahneneinmarsch und die Aufzählung der getöteten usw. Deutschen noch immer kein Ende nimmt, scheint ihm, daß auch manch ein amerikanischer Offizier zu ihm heraufschaut. Der Deutsche glaubt, er habe keine Wahl, er müsse etwas sagen. So schreibt er einige Worte auf seine Papierserviette und reicht sie zu General Anderson hinüber: „Ich würde gern für fünf Minuten sprechen.“ ……………………………. Die gegenseitige Hochachtung der Tapferen, die zum sittlichen Erbe gehört, steht für uns Soldaten im Vordergrund. Sie ist für uns wichtiger als was mancherlei Kluge uns eifrig und auch eifernd erzählen. ……………………………. Doch was soll der deutsche General sagen? Unter keinen Umständen darf er das Verhältnis zu den Amerikanern belasten. Zudem sind die Deutschen Gäste. Auch das schließt schon die leiseste Kritik aus. Wenn sich ein Gast überhaupt äußert, hat er zu danken. Und es würde allen Grundsätzen widersprechen, den amerikanischen Divisionskommandeur in Anwesenheit seiner Untergebenen und seines Vorgesetzten zu kritisieren – sei es auch nur indirekt. Was soll man also sagen? Ja: was? Der Zufall hilft: einige Sätze aus einer Ansprache General de Gaulles 1962 in Bonn sind im Gedächtnis. Nachdem die Fahnen und die Taten des letzten Truppenteils gerühmt worden sind, tritt der Deutsche ans Rednerpult. Das Programm des Abends liegt auf allen Tischen, es sagt nichts von seinem Redebeitrag. So liegt nun eine unruhige Erwartung über dem dunklen Saal. Der Deutsche hat einige Gedanken auf sein Exemplar des Programms skizziert, so daß sich seine Worte recht genau rekonstruieren lassen. „Es ist eine Freude für einen Freund und auch Bewunderer der USA, des amerikanischen Heeres und der 3. Panzerdivision, mit einigen Worten Stellung nehmen zu können, Stellung zu dem, was wir eben gesehen und gehört haben.“ Da wurde es recht still im Saal, denn nun war offensichtlich, daß der deutsche General nicht nur danken wollte. „In den Kriegen, deren Schlachten eben geschildert wurden, sind drei Brüder meines Vaters und drei Brüder meiner Mutter als preußische, deutsche Offiziere gefallen. Mein Vater wurde mehrfach verwundet, und fast noch als Kind war ich deutscher Soldat.“ Da wurde es totenstill im Saal. „Hieraus ergeben sich vielleicht unterschiedliche Betrachtungsweisen der politischen und militärischen Ereignisse jener Jahre. (…) Doch hierüber mögen vor allem Politiker und Historiker diskutieren. Wir hingegen sind Soldaten. Deshalb steht für uns anderes im Vordergrund. General de Gaulle, der in zwei Weltkriegen gekämpft hat, hat die Deutschen und die Franzosen, aber wohl nicht nur diese erinnert: ‚Gott, vor dessen Angesicht so unendlich viele Männer hingestreckt auf der Erde in unseren großen Schlachten gefallen sind, Gott weiß, wie schrecklich wir und sie gekämpft haben. Dennoch will jedes der beiden Völker die Erinnerung an den entfachten Mut und an die erlittenen Opfer bewahren.‘ Beispiele hierfür haben wir eben gehört, und ich setze die Geschichte meines Volkes und meiner Familie hinzu. De Gaulle fuhr fort: ‚Unsere Völker wollen die Erinnerung bewahren, weil die Ehre der Kämpfenden unangetastet geblieben ist. Denn wenn auch eine schlechte Politik zu Verbrechen und Unterdrückung führt, so gehört doch die Hochachtung, die sich die Tapferen entgegenbringen, zum sittlichen Erbe des Menschengeschlechts.‘ Dieses, die gegenseitige Hochachtung der Tapferen, die zum sittlichen Erbe des Menschengeschlechts gehört, steht für uns Soldaten weit, sehr weit im Vordergrund. Sie ist für uns wichtiger als was mancherlei Kluge uns eifrig und auch eifernd erzählen. Deshalb ist es für den Kommandeur Ihrer deutschen Partnerdivision eine Auszeichnung, der 3. amerikanischen Panzerdivision diese Hochachtung bezeugen zu können (…).“ Wie die Amerikaner reagierten? Ritterlich. Mit dem, was sie „standing ovation“ nennen. Dr. Franz Uhle-Wettler , Generalleutnant a.D., ist Historiker und war zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision und Leiter des Nato Defence College in Rom. Der hier präsentierte Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus seinem im Dezember erscheinenden Buch „Rührt Euch! Weg, Leistung und Krise der Bundeswehr“, (Ares Verlag, Graz 2005, geb., ca. 256 S., Abb., 19,90 Euro) entnommen. Foto: Bundeswehr-Soldaten üben für „Vier-Tage-Marsch“ im niederländischen Nimwegen, Frühjahr 1960: „Mit welchem Recht nehmen wir die Wehrpflichtigen mit in diesen Kampf? Am 14. oder 15. August sagte mir ein Kompaniechef, Ritterkreuzträger, er werde seine Soldaten am ersten Kriegstag nach Hause schicken, wenn sich bis dahin die materielle Lage nicht grundlegend gebessert hat. (…) Solche Gedanken sind das Ergebnis einer Lage, die diese Offiziere nicht verursacht haben.“

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