Tagaus, tagein eitel Sonnenschein

Daß die Deutschen Weltmeister im Jammern seien, ist eine unbewiesene, wenn nicht unbeweisbare Behauptung. Immerhin schneiden wir bei Umfragen nach dem subjektiven Glücksempfinden regelmäßig schlechter ab als Länder, deren Einwohner von Hartz-IV-Luxus und Ein-Euro-Jobs nur träumen können. Angela Merkel, die ihren Hang zur Melancholie wiederum auf vermeintliche slawische Vorfahren schiebt, wird diese Republik der halbleeren Gläser gewiß mit der gebotenen Verdrossenheit regieren. Daß sie daran Spaß findet, wie ihr Vorgänger einst von sich bekundete, steht jedenfalls kaum zu befürchten. Der Volkswirtschaft indes erwächst aus der Unlust hiesiger Humanressourcen ein Schaden in dreistelliger Milliardenhöhe. Um diesen tropfenden Hahn abzudrehen, machte sich die Leipziger IT-Firma Nutzwerk eine andere allgemein bekannte Eigenheit des deutschen Wesens, seine Obrigkeitshörigkeit, zunutze und erließ ein Jammer-Verbot. Miesmacherei gilt dort, so steht es schwarz auf weiß im Arbeitsvertrag, als Kündigungsgrund, Meckern als Verschwendung jener viel knapperen Ressource, der Zeit. Neu ist das nicht, Gutdenk war bereits 1984 in George Orwells Wahrheitsministerium Pflicht, wo man das Wort „schlecht“ einfach abgeschafft hat. Die gewitzten Programmierer dürften Mittel und Wege finden, Mißmut zu kommunizieren, ohne zu jammern. Der obligatorische Smiley im internen E-Mail-Verkehr bedeutet dann: „Bist Du den ewigen Frohsinn genauso leid wie ich?“ Der vorschriftsmäßig lautschallend in die Runde zu schmetternde Morgengruß „Frohes Schaffen allerseits!“ meint: „Laßt euch bloß nicht beim Grübeln erwischen!“, und wer den Kollegen einen schönen Feierabend wünscht, will damit sagen: „Endlich können wir nach Herzenslust Trübsal blasen!“ Wie herrlich verhangen dieser Himmel, aus dem solch prachtvoller Regen fällt! Wie wunderbar, daß der Kaffee in der Redaktionsküche wieder mal alle ist! Wie sattgelb erstrahlt der Duden, treuester Gehilfe einer Schlußredakteurin, mit seiner prallen Fülle menschlicher Mitteilungsbedürfnisse und -möglichkeiten: von „Ach, ist das Leben schön“ bis „Verflixt und zugenäht“!

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