Beispiel für Zivilcourage

Wolfgang Venohr gehört – wie ich – zum Jahrgang 1925, der wie kaum ein anderer durch die NS-Herrschaft geprägt wurde. Die Achtjährigen von 1933 hatten nicht nur erfahren, wie die meisten Deutschen Hitler zujubelten. Sie hatten auch mitbekommen, daß es nicht wenige gab – von der Familie über Bekannte bis hin zu Lehrern -, die anders dachten und nun zum Schweigen verurteilt waren. In seinen Jugenderinnerungen hat Venohr die Wirkung des Nationalsozialismus auf diese Generation beschrieben. Dennoch wirkte das uns vermittelte Leiden der Elterngeneration im Ersten Weltkrieg einer unbefangenen Kriegsbegeisterung wie 1914 entgegen. Um so mehr bestimmten uns Pflichterfüllung und die soldatische Gemeinschaft. Unser Jahrgang stellte im wesentlichen die letzten Leutnants des Zweiten Weltkrieges. Die wenigen Überlebenden konnten keinen besseren politischen Anschauungsunterricht erfahren als im – wenn auch noch nicht durch eine Mauer – geteilten Berlin. Venohr und ich trafen uns unter den ersten Studenten an der 1948 begründeten Freien Universität. Unsere Wege trennten sich, als ich nach dem Studium in den Soldatenberuf zurückkehrte. Erst Mitte der achtziger Jahre fanden wir uns wieder. Da ging es um die deutsche Wiedervereinigung. Während das politische Establishment höhnte, die deutsche Frage stünde „nicht auf der Tagesordnung der Weltgeschichte“, forderte Venohr vehement eine aktive Deutschlandpolitik. In der Hoffnung, ihn an seinem bevorstehenden 80. Geburtstag mit einer Festschrift würdigen zu können, hatte ich kürzlich die ehrenvolle Aufgabe übernommen, zum Thema „Widerstand und Zivilcourage“ zu schreiben. Angesichts seines plötzlichen Todes nehme ich das Ergebnis meiner kurzen Abhandlung vorweg: Wolfgang Venohr hat in seinem Leben oft ein Beispiel für Zivilcourage geliefert – schon als HJ- Führer, als er den Befehl zu einem verletzenden Verhalten gegenüber polnischen Zivilisten verweigerte (vgl. Wolfgang Venohr, „Der Fahnenmarsch“), über sein engagiertes Eintreten für die Ehre Preußens, als dieses noch verhöhnt wurde (vgl. Wolfgang Venohr/Sebastian Haffner: „Preußische Profile“) bis hin zu seinem leidenschaftlichen Bekenntnis: „Ein Deutschland wird es sein“. Dr. Günter Kießling , General a. D., ist Historiker und Buchautor.

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