Weihnachten

Wenigstens einmal im Jahr muß auch der Hektischste mal Atem holen. Viele sehen jetzt diesen Moment kommen. Wie ein Kreis schließt sich dann das Jahr zu Weihnachten. Die Feiertage rücken näher, schnell bringt man die letzten unerledigten Dinge noch zu Ende. Der Schreibtisch soll leer sein, wenn hinter einem die Bürotür zum letzten Mal im Jahr ins Schloß fällt. Man will das Gefühl haben: Dieses Jahr hast Du wieder etwas geschafft! Dann kann man beruhigt abschalten, so wie man die Rechner hinunterfährt und die Speicher löscht. Es ist die Zeit, wo man Resümee zieht: War es gut, war es schlecht, das Jahr? Wenn dann Silvester vorüber ist, soll das neue Jahr im Idealfall wie ein weißes Blatt aufgeschlagen werden.

Ärger, Streit und Sorgen treten zurück, und glänzende Kinderaugen weisen beim Plätzchenbacken, Geschenkebasteln und -einpacken, den vielfältigen Vorbereitungen vor Weihnachten auf die wichtigen Dinge des Lebens. Wenn nicht die schwelenden Konflikte gerade an den bei manchen deshalb gefürchteten Familienfesten erst recht kulminieren und sich eruptiv Bahn brechen. Gekünstelte Harmonie kippt dann schlagartig in Gezänk und Keilerei. Schon sehnen sich einige bereits am Heiligen Abend wieder nach der Büro-Idylle zurück und würden den Weihnachtsbraten lieber mit dem Kantinenessen tauschen. Doch das bleiben hoffentlich seltene Ausnahmen …

Finden sich bei Ihnen unter den Weihnachtsgeschenken neben Socken und Schlipsen alljährlich auch mehrere Kalender, gar ganze "Zeitplansysteme", die Ihnen in bestem Denglisch entgegenflöten: "Simplify your Life"? Kaum haben Sie eben begonnen, abzuschalten, da sollen Sie neue Pläne schmieden. Locker und entspannt, versteht sich. Schon schlägt Ihr Herz wieder ein paar Takte schneller. Schweißperlen sammeln sich auf Ihrer Stirn. Welche Hauptziele sollen im kommenden Jahr erreicht werden? Welchen wichtigen Aufgaben soll die knappe Zeit primär gewidmet werden? Wieviel Zeit findet man für das Familienleben? Wie viele Pfunde sollen nach der tagelangen Völlerei zwischen Weihnachten und Neujahr purzeln – nachdem die letzten Keks-Depots vernichtet wurden? Werden die mutwillig angeschafften Sportgeräte mehr als einmal im Januar benutzt oder gleich wieder bei Ebay verhökert?

Zeitplan-Guru Tiki Küstenmacher rät: "Stecken Sie besser die Haufen, die sich jetzt senkrecht auf Ihrem Tisch stapeln, in Hängemappen. Verteilen Sie dabei tatsächlich jedes Schriftstück auf Ihrer Arbeitsfläche in die Hängeregister, in Ordner oder in den Papierkorb. Scheuen Sie sich nicht, eine neue Mappe zu nutzen, denn nur so behalten Sie den Überblick und stopfen nicht eine Kategorie voll." Es reicht.

Schon türmen sich also Herausforderungen und Probleme haushoch, und der Trott hat einen wieder. Die Liste mit den guten Vorsätzen droht spätestens in der zweiten Januarwoche wieder in den Papierkorb zu fliegen, der Gürtel wird ein Loch weiter geschnallt, und seufzend fügt man sich den Zweckmäßigkeiten des Alltags. Vergessen Sie es. Es ist Weihnachten. Gehen Sie in die Kirche. Und schalten Sie ab.

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