BERLIN. Die Bundesregierung fördert eine neue Beratungsstelle für Angehörige von angeblichen Verschwörungstheoretikern mit mehr als einer Million Euro Steuergeld. Das Portal „Beratungskompaß Verschwörungsdenken“ ging am Donnerstag online. Die Seite bietet Telefon- oder Online-Beratung für Personen an, die bei Verwandten, Bekannten oder sich selbst eine Neigung zu Verschwörungserzählungen festgestellt haben wollen. Insgesamt sei das Projekt mit 1,2 Millionen Euro gefördert worden, sagte ein Pressesprecher des Familienministeriums der JUNGEN FREIHEIT – 500.000 Euro im Jahr 2024 und 700.000 Euro für das laufende Jahr.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) lobte das Projekt als „wichtigen Baustein in der ganzheitlichen Bekämpfung von Extremismus und Desinformation“. Verschwörungserzählungen würden „gezielt verbreitet, um unsere Gesellschaft und das Vertrauen in die unabhängige Wissenschaft, in freie Medien oder demokratische Institutionen zu zerstören“, sagte die Politikerin.
Ähnlich äußerte sich auch Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne). Sie bezeichnete das Projekt als erste „leicht zugängliche Anlaufstelle für wirklich alle, die Unterstützung suchen“. Nach einem vertraulichen Erstgespräch werde bei Bedarf „an eine spezialisierte Stelle weitervermittelt“. Das diene auch der Prävention, da die Gesellschaft „vor den wachsenden Gefahren von Verschwörungsdenken“ geschützt werden müsse.
Wer „gängige Nachrichtenquellen“ abblockt, ist hilfsbedürftig
Die Internetseite des Projekts definiert Verschwörungserzählungen als ein Denkmuster, „das wichtige Ereignisse und gesellschaftliche Zustände durch geheime, meist böswillige Kräfte erklärt“. Es zeichne sich durch „tiefes Mißtrauen gegenüber Institutionen und eine Neigung aus, hinter komplexen Vorgängen verdeckte Machenschaften zu vermuten“.
Besonders „globale Krisen“ wie die Corona-Pandemie verstärkten die Verbreitung dieser Erzählungen, heißt es auf der Internetseite weiter. Sollten sich Angehörige zurückziehen, „gängige Nachrichtenquellen“ abblocken, medizinische Ratschläge von Ärzten ausschlagen oder sich „haßerfüllt oder gar mit Gewaltfantasien über bestimmte Gruppen“ äußern, empfiehlt das Projekt, Hilfe aufzusuchen.
Insgesamt gibt es 83 Beratungsbüros
Auf einer Karte sind dabei insgesamt 83 Beratungsbüros aufgeführt, an die sich Betroffene nach der Erstberatung wenden sollen. Dabei handelt es sich teilweise um kirchliche Einrichtungen wie die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ in Berlin, aber auch Büros der extrem linken „Amadeu Antonio Stiftung“ oder ein Büro des Projekts „Steig aus“ des sächsischen Innenministeriums.
Der „Beratungskompaß Verschwörungsdenken“ ist nicht das einzige Projekt, das im Zusammenhang mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Familienministeriums mit Steuergeldern versorgt wird. Unter anderem wird auch das „Sozialistische Bildungszentrum Haard e.V.“ im nordrhein-westfälischen Oer-Erkenschwick mit staatlichen Geldern finanziert. (lb)