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Passantin vor Schild mit Corona-Test-Hinweis in München
Passantin vor Schild mit Corona-Test-Hinweis in München Foto: picture alliance/dpa | Peter Kneffel

„Wenig sinnvoll“
 

Mediziner fordern Abkehr von Fokussierung auf Inzidenzwert

BERLIN. Mediziner haben weitere Indikatoren zur Bewertung der Gefahr durch die Corona-Pandemie gefordert. Bei einer potentiellen vierten Ausbreitungswelle werde es weniger Intensivpatienten geben, sagte etwa das Vorstandmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Stefan Kluge, am Dienstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Deshalb plädiere er für eine neue Bewertung, die über die bloßen Sieben-Tage-Inzidenzen hinausgehe. Nötig sei eine flexible Berechnung mehrerer Indikatoren ohne „abstrakte Formel“. Auch die Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Berit Lange, verdeutlichte laut RND: „Ich verstehe, daß man sich ein möglichst einfaches Werkzeug wünscht.“ Es sei aus epidemiologischer Sicht aber wenig sinnvoll, Grenzwerte für Inzidenzen festzulegen. Diese müßten regelmäßig neu angepaßt werden.

„Wichtiger ist es, Entscheidungen aufgrund der aktuellen Lageeinschätzungen unter Berücksichtigung verschiedener Indikatoren zu treffen“, ergänzte Lange. Neben der Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Personen bezogen auf einen Zeitraum, brauche es den R-Wert, der eine Aussage über die Infektionsdynamik gebe, die Intensivbettenbelegung und den Anteil der Geimpften unter den Neuinfizierten.

Gassen wirft Regierung zögerliches Handeln vor

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, forderte die Regierungen ebenfalls auf, fortan mehrere Indikatoren zu berücksichtigen. Angesichts der hohen Zahl von Geimpften sei es mittlerweile wenige zielführend, politische Maßnahmen von der Inzidenz abhängig zu machen.

„Wir brauchen Parameter wie: Wer wird wirklich krank, wer wird infiziert – sind es junge Gesunde, sind es Geimpfte –, steigen die Belegungszahlen in Krankenhäusern und in der Konsequenz in einem gewissen Prozentsatz irgendwann auch auf den Intensivstationen“, sagte Gassen im NDR. Dies alles seien Dinge, die neben der Regionalität eine Rolle spielen sollten.

Er warf den Politikern vor, zu zögerlich zu sein. „Wir sind seit über eineinhalb Jahren in der Pandemie und haben ja schon einen Herbst hinter uns. Das heißt: Die Entwicklungen, die bei einem saisonalen Virus im Herbst auftreten, sind uns ja nicht völlig neu. Insofern hätte man diese Zeit bisher schon lange nutzen müssen, um diese anderen Parameter nun endlich festzuzurren.“

Inzidenz in Deutschland steigt

Überdies warnte Gassen vor einem weiteren Lockdown. „Daß man meint, mit dem Schließen von Friseurgeschäften und Restaurants ein hoch ansteckendes Virus in den Griff zu bekommen, war schon immer viel ‘wishful thinking’. Die hohe Zahl der Geimpften und auch das veränderte Infektionsspektrum beim Alter läßt natürlich ganz andere Schlüsse zu und fordert auch ganz andere Maßnahmen, als stumpf jetzt plötzlich alles zu schließen.“

Vor allem AfD und FDP hatten wiederholt gefordert, Bundesregierung und Landesregierungen dürften bei der Frage nach Einschränkungen oder Lockerungen nicht allein auf die Sieben-Tage-Inzidenz achten. Regelungen und Maßnahmen wie sie etwa das Infektionsschutzgesetz vorsieht, sind an der Inzidenz ausgerichtet. Das Beispiel Großbritannien zeigt nach den weitreichenden Öffnungen unterdessen, daß sich die Inzidenz von der Zahl der schweren Krankheitsverläufe entkoppelt.

In Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen seit Tagen an. Deutschlandweit liegt sie laut dem Robert-Koch-Institut aktuelle bei 14,5. Vor einer Woche war noch ein Wert von 10,9 registriert worden. Am höchsten liegt der Inzidenzwert in Hamburg (26,8), Berlin (24,8) und dem Saarland (22,8). Am niedrigsten ist er in Sachsen-Anhalt (3,3), Sachsen (4,8) und Brandenburg (5). (ls)

Passantin vor Schild mit Corona-Test-Hinweis in München Foto: picture alliance/dpa | Peter Kneffel
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