Hochwasser
Ein Mann mit seinem Hund auf dem Arm betrachtet die Zerstörung in Schuld (Rheinland-Pfalz) Foto: picture alliance / REUTERS | Wolfgang Rattay

Schwere Vorwürfe
 

Nach Hochwasserkatastrophe: Hat das Warnsystem versagt?

BERLIN. Knapp eine halbe Woche nach der tödlichen Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfallen ist Kritik am Verhalten von Behörden und Regierung im Vorfeld der Tragödie laut geworden. Bereits vier Tage vor der Flut habe das Europäische Hochwasser-Warnsystem (Efas) die deutsche und die belgische Regierung vor Hochwasser in den Flüssen Rhein und Meuse gewarnt, berichtet die Times.

Die ersten Anzeichen der Katastrophe seien vor neun Tagen von einem Satelliten entdeckt worden. „In den nächsten Tagen schickte ein Team von Wissenschaftlern den deutschen Behörden eine Reihe von Prognosen, die so genau waren, daß sie sich nun wie eine makabre Prophezeiung lesen: Das Rheinland sollte von ‘extremen’ Überschwemmungen heimgesucht werden, vor allem entlang der Erft und der Ahr sowie in Städten wie Hagen und Altena“, schreibt das Blatt.

Doch trotz einer Vorwarnzeit von mindestens 24 Stunden und Prognosen, die fast genau vorhersagten, welche Orte von den Regenfällen am stärksten betroffen sein würden, habe das Hochwasser viele Opfer weitgehend unvorbereitet getroffen. Darunter waren auch die Gebiete an der Ahr, wo nun fast hundert Tote zu beklagen sind.

Deutscher Wetterdienst: „Haben getan, was zu tun war“

Die Professorin für Hydrologie der britischen Universität Reading, Hannah Cloke, die zu den Entwicklern des Efas gehört, sprach in der Zeitung von einem „monumentalen Systemversagen“ bei der Naturkatastrophe. „Die Tatsache, daß Menschen nicht evakuiert wurden oder die Warnungen nicht erhalten haben, legen nahe, daß etwas schiefgegangen ist.“

Es sei „unglaublich frustrierend“, erläuterte Cloke am Sonntag gegenüber dem ZDF. „Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht.“ Die notwendigen Warnmeldungen der Wetterdienste seien rausgegangen. „Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodaß die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.“

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) verteidigte sein Vorgehen im Vorfeld der Katastrophe gegenüber dem Sender. „Wir haben getan, was zu tun war“, sagte eine Sprecher des DWD. Man habe die in Frage kommenden Gemeinden mit ausrechend zeitlichem Vorlauf über Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern pro Quadratmeter gewarnt.

Innenministerium war gewarnt

Es habe vielerorts die höchste Warnstufe gegolten. Allerdings seien die Warnungen nicht von allen Medien verbreitet worden. Welche Reaktionen auf die Einstufungen getroffen würden, beispielsweise ob es zu Evakuierungen komme, liege aber in der Zuständigkeit des Katastrophenschutzbehörden.

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Das Innenministerium Nordrhein-Westfalen bestätigte der Bild-Zeitung, daß man vorab über das drohende Unwetter informiert war. Die amtlichen Warnungen hätten sich im Laufe des Vormittags am Montag vor dem Hochwasser konkretisiert. Man habe sich deshalb am Dienstag entschieden, eine „Landeslage“ einzurichten. Ziel sei es gewesen, frühzeitig zu erkennen, wo überregionale Hilfe benötig würde.

Bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind nach bisherigem Stand mindestens rund 160 Menschen ums Leben gekommen. Nach wie vor werden aber noch Personen vermißt. Zahlreiche Häuser sind eingestürzt, Straßen und Brücken zerstört. Auch gibt es in den betroffenen Orten immer noch keinen Strom, kein Gas und keine richtige Wasserversorgung. Lediglich das Mobilfunknetz wurde teilweise wieder in Betrieb genommen. (krk)

Ein Mann mit seinem Hund auf dem Arm betrachtet die Zerstörung in Schuld (Rheinland-Pfalz) Foto: picture alliance / REUTERS | Wolfgang Rattay
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