Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Foto: picture alliance/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa
„Zeitgemäße Rollenmodelle fördern“

Wenn das Familienministerium über Jungen und Männer nachdenkt

Auf Jungen und Männern in Deutschland lastet eine schwere Bürde. Sie trügen „Verantwortung für ihre patriarchale Dividende“, heißt es im am Montag vorgestellten Bericht zur „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Die vermeintliche Väterherrschaft als ewige Last? Keine Sorge – das sei „keine Erbschuld“, beschwichtigt die Behörde. Es sei lediglich „notwendig und zumutbar, daß Jungen und Männer Frauenemanzipation unterstützen, zurückstehen, Verzicht leisten, auch ‘einfach mal die Klappe halten’“.

Auch wenn Jungen und Männer „selbst unter Männ­lichkeitsnormen leiden“, blieben sie „strukturell privilegiert“. Gleichstellungspolitik müsse also „der Geschichte Rechnung tragen“. Ob das die richtige Wortwahl ist, um sich – wie Ministerin Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung des Berichts ankündigte – künftig vermehrt um die Sorgen und Nöte von männlichen Heranwachsenden zu kümmern? Schließlich seien die Anliegen der Männer lange Zeit „weitgehend übersehen“ worden.

Jungen und Männer, ist sich das Bundesministerium jedenfalls sicher, wollen „jenseits von Geschlechterklischees frei und gut leben“. Deshalb müsse Gleichstellungspolitik „zeitgemäße Rollenmodelle fördern“ und dabei sowohl „die breite Masse heterosexueller weißer Cis-Männer ansprechen“, wie es in bestem Feminismus-Jargon heißt, aber auch „die Anliegen jener Männer aufnehmen, die in der einen oder anderen Form ‘anders’ sind“. Das BMFSFJ bedient sich sozialkonstruktivistischer Thesen, wenn es etwa schreibt: „Der berühmte Satz von Simone de Beauvoir ‘Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau (gemacht)’“ gelte „gleichermaßen für Jungen und Männer“.

Rollenbilder und Realität

Rollenerwartungen von Erziehern seien noch immer „stereotyp geprägt“, bemängeln die Autoren. Eine Studie für das BMFSFJ habe festgestellt, daß männliche Fachkräfte häufiger für die „wilden Jungs“ zuständig seien, mehr „rauften und rangelten“. Diesen Prozessen müsse durch „eine verbesserte Geschlechterbalance unter Erziehenden“ wie auch mit einem „reflektierteren Umgang mit Genderstereotypen“ entgegengetreten werden.

Dies müßte das Ministerium dann auch in Sachen Bildung wollen. Denn auch dort gibt es eine auseinanderdriftende Geschlechterbalance. Gerade Jungen sind Untersuchungen zufolge den heutigen Anforderungen in der Schule tatsächlich immer weniger gewachsen. Mädchen machen häufiger bessere Abschlüsse – im Gegensatz zu früher. „In der Generation der heute über 55jährigen haben Männer einen insgesamt höheren formellen Bildungsgrad als Frauen. Dieses Ungleichgewicht schwächt sich in den jüngeren Generationen nicht nur ab, sondern wendet sich ins Gegenteil“, warnt das Bundesministerium.

Die Dynamik finde sich sowohl bei Heranwachsenden ohne als auch mit Migrationshintergrund. Doch während einige Bildungsforscher die „Feminisierung der Bildung“ dafür verantwortlich machen, sucht man im Bericht die Schuld an gegensätzlicher Stelle. Jungen würden an einer noch immer vorherrschenden „männlichen Sozialisation“ leiden, die uniformiere, „Entwicklung und Vielfalt“ begrenze und „viel Leid und Wut“ verursache. Männern würde die Illusion vermittelt werden, „den Mittelpunkt der Welt darzustellen“.

Ministerium mit Falschinformationen

Mitunter streut das Ministerium auch Falschinformationen, etwa bei ihrer Kritik an „starken Beharrungskräften“ in den „Erbwerbsbiographien“. Der „Gender Pay Gap“, also der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, „beträgt noch immer 21 Prozent“, heißt es im Text. Gerade einer Bundesbehörde sollte bekannt sein, daß dieser Mythos längst widerlegt ist. Denn rechnet man die bei Frauen und Männern unterschiedliche Studienwahl beziehungsweise Berufswahl, den Entschluß zur Teilzeitarbeit, den Willen zu Überstunden und weiter entscheidende Faktoren heraus, beläuft sich der bereinigte „Pay Gap“ in Deutschland auf 5,5 Prozent.

Und auch diese Zahl ist nur auf den ersten Blick vollumfänglich ungerecht. Hier spielen Faktoren wie die Unterschätzung der eigenen Arbeitsleistung eine tragende Rolle. „Nahezu 85 Prozent der weiblichen Hochschulabsolventen kennen ihren eigenen Wert nicht, was sich auf ihr künftiges Einkommen auswirken kann“, befand eine Studie des britischen Karriereportals „Milkround“ im Jahr 2018.

Überhaupt: Wären die weiblichen Personalkosten um 21 Prozent geringer, dürfte es wohl keine arbeitslose Frau mehr geben. Welches Unternehmen würde sich solch eine Gelegenheit entgehen lassen? Doch unterschiedliche Berufswünsche scheinen Familienministerin Giffey ein Dorn im Auge zu sein. Zu prüfen seien „neue Anreize zur Beschleunigung des gleich­stellungspolitischen Fortschritts“, meint das Bundesministerium im Dossier. Wie immer heißt die Lösung also Quote. Genauer: „Männerquoten in Sozial-, Gesundheits- und Erziehungsberufen“, wie es im Text heißt.

„Fehlanreize für das traditionelle Ernährer­-Modell“ im Visier

Als Konsequenz der einzelnen Befunde verpflichtet sich das BMFSFJ in ihrem Papier zu mehreren „Leitzielen“. Unter anderem soll „in der Bevölkerung die Akzeptanz für mehr Vielfalt von Männlichkeit(en) wachsen“. Jungen und Männer sollen „in ihrer Verletzlichkeit mehr ernst genommen werden“. Geplant ist hierfür unter anderem eine „geschlechtsvergleichende Dunkelfeldstudie zum tatsächlichen Ausmaß männlicher Gewalterfahrungen“.

Ein weiteres Augenmerk liegt auf einem „klischeefreiem“ Heranwachsen ohne Stereotype. „Fehlanreize für das traditionelle Ernährer­-Modell“ müßten beseitigt werden. Die Prüfung der Männerquote in pädagogischen und sozialen Berufen fällt hier unter die widersprüchliche Überschrift: „(Gesetzliche) Rahmenbedingungen schaffen reale Wahlfreiheit.“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Foto: picture alliance/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

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