Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Girls-Day in ihrem Ministerium Foto: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundeswehrimame

Salam aleikum, Soldaten!

Bald sollen Imame im Auftrag der Bundeswehr moslemische Soldaten seelsorgerisch betreuen. Dies hat auf der jüngsten Sitzung des Verteidigungsausschusses des Bundestags Ressortchefin Ursula von der Leyen (CDU) noch einmal bekräftigt. Die „schrittweise Erweiterung“ des entsprechenden Angebots in der Truppe steht schon länger auf der Agenda im Bundesverteidigungsministerium – und bereits Anfang des Monats schickte man von dort die Neuigkeiten an die Presse. Da allerdings stand zunächst im Vordergrund, daß es nach fast einhundert Jahren Unterbrechung wieder Militärrabbiner in Deutschland geben soll.

Geplant ist dafür ein – noch zu verhandelnder – Staatsvertrag zwischen Bund und dem Zentralrat der Juden, in dem die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und der jüdischen Glaubensgemeinschaft rechtlich und organisatorisch festgelegt wird. Gespräche darüber sollen „unverzüglich“ aufgenommen werden. Die Auswahl der Militärrabbiner trifft die Bundeswehr auf Vorschlag des Zentralrats. Voraussetzung für den Dienst sei die gesundheitliche sowie fachliche Eignung und eine Sicherheitsüberprüfung.

„Feste Ansprechpartner“

Die Fachaufsicht in theologischen Dingen hat dann der Zentralrat der Juden, die Dienstaufsicht liegt in den Händen der Bundeswehr. Zunächst rechnet man mit der Einstellung einer „niedrigen einstelligen Zahl“ von Militärrabbinern. Angesichts von laut Verteidigungsministerium rund 300 Soldaten jüdischen Glaubens in der gesamten Bundeswehr dürfte damit ein guter „Betreuungsschlüssel“ vorliegen. Zum Vergleich: Etwa 53.000 Soldaten gehören einer evangelischen Kirche an, rund 41.000 der römisch-katholischen. Für sie gibt es etwa hundert evangelische und rund 80 katholische Militärpfarrer. Eine institutionalisierte Militärseelsorge für Soldaten anderer Glaubensrichtungen besteht bis jetzt noch nicht. Im Jahr 2015 wurde für sie zunächst eine sogenannte Ansprechstelle im Zentrum der Inneren Führung in Koblenz eingerichtet.

Da Angaben über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft oder zum konfessionellen Bekenntnis bei der Bundeswehr freiwillig erfolgen, liegen keine gesicherten statistischen Daten vor, sondern lediglich Schätzwerte. Danach dienen mittlerweile auch zirka 3.000 Moslems in der Bundeswehr. Doch obwohl diese Gruppe damit zahlenmäßig wesentlich größer ist als die der jüdischen und obwohl es bereits mit der Deutschen Islamkonferenz seit längerem Gespräche über „Bedarf und die Voraussetzungen für die Einführung einer muslimischen Militärseelsorge“ gebe, sei dieser „Prozeß noch nicht abgeschlossen“, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit.

Denn „mangels einer zentralen Institution, die in Deutschland mit der notwendigen Repräsentativität für die muslimischen Glaubensrichtungen“ spricht, könne „aus rechtlichen Gründen gegenwärtig kein Staatsvertrag geschlossen werden“. So sollen nach den Plänen im Hause von der Leyens die moslemischen Soldaten statt dessen „feste Ansprechpartner“ bekommen, die ihnen in Glaubensdingen zur Seite stehen.

Sicherheitsüberprüfung erforderlich

Allerdings werden dies keine Militärgeistlichen sein, sondern Imame, die „über sogenannte Gestellungsverträge an die Bundeswehr gebunden werden“. Voraussetzungen sind: die Betreffenden müssen sicherheitsüberprüft sein, die deutsche Sprache beherrschen und einen in Deutschland anerkannten Universitätsabschluß in islamischer Theologie vorweisen können.

Auf Nachfragen der Abgeordneten, ob es da schon konkrete Kooperationspartner gebe, verwies Ministerin von der Leyen vage auf entsprechende Lehrstühle. Eine akademische islamisch-theologische Ausbildung bieten in Deutschland derzeit die Universitäten Osnabrück, Münster, Frankfurt beziehungsweise Gießen (in Kooperation), Tübingen sowie Erlangen-Nürnberg an.

Doch die Bilanz dort fällt laut einer im vergangenen Jahr erschienenen Studie ziemlich durchwachsen aus. Darin ist die Rede von einer teilweise „persönlich und fachlich nur bedingt geeigneten Zielgruppe“. Auch sei die Ausbildung zum Imam bei den meisten Studiengänge an den Islam-Lehrstühlen gar nicht das Ziel. Die Zahl der Absolventen an den jeweiligen Lehrstühlen bewegte sich seit 2016/17 „im niedrigen zweistelligen Bereich pro Semester“.

Türkische Gemeinden oft unter Ditib-Kontrolle

Fraglich ist auch, welche islamische Gemeinschaft als Gegenüber der Bundeswehr infrage käme. Denn der Islam ist nicht nur in die beiden großen Richtungen (Sunniten und Schiiten) unterteilt; die meisten in Deutschland lebenden Moslems orientieren sich hinsichtlich der Moscheegemeinden an ihren jeweiligen Herkunftsländern.

Die größte Gruppe stellen dabei mit über 2,8 Millionen die Türkischstämmigen. 900 Moschee-Vereine sind unter dem Dach der 1984 gegründeten Ditib organisiert, die damit nach eigenen Angaben 70 Prozent der Moslems in Deutschland vertritt. Der Verband hat bereits mit drei Bundesländern Staatsverträge geschlossen, weitere liegen derzeit auf Eis. Grund ist unter anderem die starke Einflußnahme des türkischen Staates und der Erdogan-Partei AKP auf die Arbeit des Verbandes. Insbesondere nach der sogenannten Spitzel-Affäre ist daher derzeit kaum vorstellbar, daß Ditib-Imame (die in der Regel vom türkischen Staat entsandt werden) als Seelsorger in der Bundeswehr zum Einsatz kommen.

Die Militärseelsorge in der Bundeswehr, so lautet die entsprechende zentrale Dienstvorschrift, „ist der vom Staat gewünschte und von den Kirchen geleistete Beitrag zur Sicherung der freien religiösen Betätigung und der seelsorgerlichen Begleitung der Soldatinnen und Soldaten“. Im Vordergrund steht die Begleitung der Soldaten und Hilfestellung aus christlicher Sicht bei der Bewältigung von Herausforderungen des täglichen Dienstes und hinsichtlich ethischer Fragestellungen. Die Militärseelsorge steht dabei rechtlich in einem Doppelverhältnis: Auftrag und Aufsicht des Dienstes sind kirchlich, Status sowie Organisation sind staatlich geordnet.

Juden waren vom Wehrdienst befreit

Anders als in anderen Armeen, wo – wie in Frankreich, Großbritannien oder den USA – die Geistlichen zugleich Offiziere sind, haben die Militärpfarrer in der Bundeswehr der deutschen Tradition entsprechend keinen militärischen Rang. Sie sind Zivilisten, tragen im Einsatz jedoch die (Tarn-)Uniform und haben als Kennzeichnung ein Kreuz auf der Schulterklappe. Sie sind weder disziplinarisch noch militärisch in die Hierarchie der Truppe eingebunden. Da sie durch ihren Dienst zwangsläufig auch Geheimnisträger sind, werden sie zu Bundesbeamten auf Zeit ernannt.

Daß sich zu den Pfarrern auch bald (wieder) Rabbiner gesellen, hat durchaus auch symbolische Bedeutung, ungeachtet der nach wie vor vergleichsweise eher geringen Zahl an Juden in der Bundeswehr. Zu Zeiten, als die Wehrpflicht noch nicht ausgesetzt war, mußten junge Männer jüdischen Glaubens nicht zum Bund, es sei denn, sie wollten es freiwillig. Zwischen Zentralrat der Juden und Bundesverteidigungsministerium gibt es die Abmachung, daß Opfer des Holocaust und deren Nachkommen bis in die dritte Generation hinein von der Wehrpflicht befreit sind.

Feldrabbiner haben indes eine Tradition in Deutschland. Hatte die preußische Regierung im Jahr 1866 noch mitgeteilt, „bei der verhältnismäßig geringen Zahl und der Verteilung der jüdischen Soldaten in der ganzen Armee sei die Anstellung von jüdischen Feldgeistlichen weder möglich noch nötig“, so erhielten im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erstmals deutsche jüdische Soldaten einen eigenen seelsorgerlichen Beistand.

Grünen fordern konfessionsungebundenes Angebot

Dazu hatten sich Mitglieder des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau freiwillig gemeldet und um eine Genehmigung dazu gebeten, die ihnen vom preußischen Kriegsministerium erteilt wurde. Während des Ersten Weltkriegs gab es etwa 30 – freiwillige – Feldrabbiner, einer von ihnen war der berühmte jüdische Theologe Leo Baeck. Sie waren an allen Fronten tätig und betreuten die zwischen 83.000 und 100.000 deutschen Soldaten „israelitischen Bekenntnisses“. Militärrabbiner gibt es derzeit auch bei mehreren Nato-Partnern, so bei Franzosen, Briten, Amerikanern und Holländern.

Mit Blick auf die größer werdende religiöse Vielfalt sowohl in der Gesellschaft als auch in der Truppe stellt sich die Frage, ob nicht auch andere Bekenntnisse und Gemeinschaften berücksichtigt werden müßten. So wäre es nur konsequent, wenn das Verteidigungsministerium „auch an die orthodoxen Christen denken würde, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland ausmachen“, meint etwa der Bundestagsabgeordnete Jan Nolte (AfD) und verweist auf das weitaus kleinere österreichische Bundesheer, wo es orthodoxe Militärseelsorger gibt. „Gerade weil mit Sergej Motz mindestens ein orthodoxer Christ bereits im Auslandseinsatz gefallen ist, sehe ich die Bundeswehr hier in der Verantwortung, zukünftig endlich eine geistliche Betreuung für orthodoxe Gläubige bereitzustellen“, sagte Nolte der JUNGEN FREIHEIT. Das Mitglied im Verteidigungsausschuß diente zuvor selbst als Oberbootsmann bei der Marine und ist russisch-orthodox. Er würde sich daher „sehr freuen, wenn die Bundeswehr hier gemeinsam mit der orthodoxen Kirche ein Angebot schaffen würde“.

Derzeit stehe die Katholische Militärseelsorge Soldaten orthodoxen Glaubens, wenn sie es wünschen, „selbstverständlich offen“, teilte ihr Pressesprecher Norbert Stäblein auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT mit. Für die Grünen dagegen ergibt sich aus der Zunahme des Anteils konfessionsloser Soldaten die Forderung, „die bestehenden seelsorgerischen Angebote durch niedrigschwellige konfessionsungebundene Gesprächs- und Beratungsangebote zu erweitern“.

JF 18/19

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Girls-Day in ihrem Ministerium Foto: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load