CDU-Parteitag

Der letzte Applaus

Jubelinszenierung zum Abschied von Angela Merkel. Neun Minuten Beifallsbekundungen für eine eher dürftige Rede. Auf den Seitentribünen als Gäste geladene Kanzlerin-Anhänger klatschen aus vollen Kräften, jubeln. Vereinzelte Delegierte, zumeist aus der Frauen Union, recken nach der Rede der CDU-Vorsitzenden wie auf Kommando orangefarbene Pappschilder in die Höhe. „Danke Chefin für 18 Jahre CDU-Vorsitz“ steht darauf. Mit Musik unterlegte Videoeinspielungen flimmern über die Leinwand. Zu sehen sind Jubel-Szenen aus der Vorsitzendenzeit Angela Merkels.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier überreicht der Kanzlerin einen Dirigentenstab als Abschiedsgeschenk. „Was soll sie damit, sie hat doch jetzt kein Orchester mehr, dem sie den Takt vorgeben kann“, scherzt ein Delegierter. In den vergangenen Monaten ist Angela Merkel das Dirigieren ihrer Partei zusehends schwerer gefallen. Wahlniederlagen mit erdrutschartigen Verlusten wie zuletzt in Hessen und Bayern haben die Reihen ihrer Kritiker zusehends stärker gefüllt, einstige Merkel-Befürworter rücken von ihr ab.

Die Stimmung blieb verhalten

Am 29. Oktober kommt die Kanzlerin einer drohenden Abwahl zuvor, erklärt ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz. Ihre Rede auf dem Parteitag ist mäßig. Ihren stärksten Applaus erhält sie bezeichnenderweise, als sie den kürzlich verstorbenen früheren US-Präsidenten George Bush Senior für dessen Verdienste um die deutsche Einheit lobt. Doch über weite Strecken ist die Stimmung zunächst gedämpft und verhalten. Auffällig viele Delegierte vertiefen sich in den Beifallspausen in ihre Antragsunterlagen, lesen Nachrichten auf ihrem IPad oder flüstern mit ihrem Sitznachbarn. Ein gängiges Alibi-Stilmittel von Politikern, wenn sie nicht mitklatschen möchten.

Merkel lobt den Wahlsieg im Saarland aus dem vergangenen Jahr. Ein erster Stimmungstest für Annegret Kramp-Karrenbauer, der überraschend bescheiden ausfällt. Kurz danach kommt Merkels Lob für die Wahlerfolge in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Der Beifall ist deutlich stärker. Es sind die Zweideutigkeiten, die die tatsächliche Stimmungslage zu Beginn des Parteitags verdeutlichen. Auf der einen Seite zahlreiche Lobeshymnen und Respektbekundungen an die Adresse der Kanzlerin.

Zumeist von engen Vetrauten Merkels. So kommt in der Aussprache gleich nach der Geschenkübergabe Bouffiers mit Vincent Kokert der CDU-Chef von Mecklenburg-Vorpommern zu Wort. Es ist der Landesverband Angela Merkels. Kokert schießt gleich erstmal einen Schwall an Jubelsalven auf die Kanzlerin ins Plenum, gefolgt von der Bundesvorsitzenden der Frauen Union, Annette Widmann-Mauz, die zudem als Beauftragte für Flüchtlinge und Migration im Kanzleramt wirkt.

Merkelsche Massenpsychologie

Noch einmal wirkt das Phänomen Merkelscher Massenpsychologie. Delegierte erheben sich mit innerlich geballter Faust in der Tasche, um der Kanzlerin mit Abschiedsapplaus ein letztes Mal pflichtschuldigen Respekt zu zollen. Noch einmal ist es so, wie über 18 Jahre hinweg. Doch was die Mehrheit der Delegierten jenseits von Abschiedszeremoniell und Parteitagsregie inzwischen tatsächlich empfindet, wird schnell außerhalb des Plenums deutlich. „Endlich hat der Spuk ein Ende“, redet sich ein Delegierter den Frust von der Seele. Ein anderer lächelt zustimmend. Der gastgebende Hamburger CDU-Landesvorsitzende Florian Heintze kleidet Abschiedsworte ebenfalls in Zweideutigkeit, als er Merkel zugewandt lächelnd sagt: „In Hamburg sagt man Tschüß. Und ich sage jetzt einfach mal Tschüß.“

Die CDU-Chefin tritt ab: Angela Merkel beim Hamburger Parteitag am 7. Dezember 2018 Foto: picture alliance/Christian Charisius/dpa

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