Reaktionen auf AfD-Einzug

„Die deutsche Nachkriegs-Demokratie hat ihre Unschuld verloren“

BERLIN. Der Schock sitzt tief. Die AfD hat den Sprung in den Bundestag geschafft – und das stärker als FDP, Linkpartei und Grüne. Vertreter der anderen Parteien sind entsetzt. Auch Stimmen aus Medien, Religion und Kultur sind besorgt. Die JF präsentiert eine (kleine) Auswahl, sie kann in den Kommentaren gern ergänzt werden.

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland:

„Das Maß der Unterstützung für eine junge rechtspopulistische Partei ist ein Weckruf für alle, denen das friedliche und solidarische Miteinander in einem weltoffenen Deutschland am Herzen liegt.“ Ausgrenzende und haßerfüllte Stimmen dürften nicht das Leben in Deutschland vergiften.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland:

„Leider sind unsere Befürchtungen wahr geworden: Eine Partei, die rechtsextremes Gedankengut in ihre Reihen duldet und gegen Minderheiten in unserem Land hetzt, ist jetzt nicht nur in fast allen Länderparlamenten, sondern auch im Bundestag vertreten. Ich erwarte von unseren demokratischen Kräften, daß sie das wahre Gesicht der AfD enthüllen und die leeren, populistischen Versprechen der Partei entlarven. Ein Ziel sollte alle demokratischen Parteien vereinen: Den Wählern zu verdeutlichen, daß die AfD keine Alternative ist, damit sie dort landet, wo sie hingehört – unter der Fünf-Prozent-Hürde!“

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland:

„Ich werde mein Land und mein Volk gegen die Antidemokraten und Rassisten verteidigen.“

Elmar Tehveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF:

„Für diese Demokratie ist die AfD eine ernsthafte Gefahr, weil sie den Begriff ‘Volkswille’ zur Waffe macht. Wer anderer Ethnie, Religion, anderer Partei oder nur anderer Meinung ist, kann zum Volksfeind erklärt werden. In diesem Sinne ist die AfD durch und durch autoritär und damit gefährlich für Parlamentarismus und Pluralismus in unserer Gesellschaft.“

Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen:

„Es werden wieder Nazis im Bundestag sitzen. Für uns gilt: Wir werden keinen einzigen Angriff auf die Demokratie stehen lassen.“

Martin Schulz, SPD-Chef:

„Mit der AfD zieht erstmals eine rechtsextreme Partei in den Deutschen Bundestag ein. Wir haben die Aufgabe, in Zeiten, in denen der plumpe Rassismus in Fraktionsstärke in den Bundestag einzieht, starke Oppositionsarbeit zu leisten.“

Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt:

„De facto hat die Union die Macher der AfD mit angestiftet, auf dem weiten leeren Feld des politischen Marktes, irgendwo zwischen erzkonservativen und nationalpatriotischen Werten, selbstbewußt ihr Lager aufzuschlagen. Dort thront künftig die AfD in Prozentsichtweite zur SPD und ist deutlich stärker als die Grünen. Die trübe Suppe aus wütenden Spießbürgern und aggressiven Rechtsextremisten mußte sich für dieses Ergebnis nicht einmal richtig anstrengen. Es wurde ihr geschenkt.“

Katja Kipping, Vorsitzende der Linkspartei:

„Zum 1. Mal seit 45 werden heut Nazis in Fraktionsstärke in den Reichstag einziehen. Verweisen wir sie auf die hinteren Plätze.“

Grüne Jugend:

„Nazis sitzen ab jetzt im Bundestag. Das erfordert antifaschistischen Widerstand. Ein guter Tag um politisch aktiv zu werden!“

Andreas Petzold, Herausgeber des Stern:

„Mehr als 13 Prozent aller Wähler haben sich von den rechtsextremen Parolen der AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland nicht abschrecken lassen. Nein, sie haben demokratiefeindliche Überzeugungen demokratisch abgesegnet. Die deutsche Nachkriegs-Demokratie hat damit, wenn man so will, ihre Unschuld verloren. Humanität, Toleranz, Freiheit und die Überwindung des Nationalismus ist von mehr als fünf Millionen deutschen Wählern zur Disposition gestellt worden. Das Ziel der AfD ist schließlich die Restauration des völkischen Gedankens, einer reinen Volksgemeinschaft, abgeschottet in einem gut bewachten Nationalstaat, in dem nur das demokratisch sein soll, was die sogenannte Alternative für Deutschland als richtig empfindet.“

Der Schock sitzt tief: Nach dem AfD-Einzug in den Bundestag ist die Bestürzung groß Foto: picture alliance/blickwinkel

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