„Halberstädter Abende“
 

Kirche verhindert Auftritt von Ursula Sarrazin

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Ursula Sarrazin: Im Evangelischen Kirchspiel Halberstadt unerwünscht Foto: Diederichs Verlag/Thilo Sarrazin

HALBERSTADT. Die frühere Lehrerin und Ehefrau von Thilo Sarrazin, Ursula Sarrazin, darf im April nicht bei der kirchlichen Gesprächsreihe „Halberstädter Abende“ auftreten. Das hat der Gemeindekirchenrat des Evangelischen Kirchspiels Halberstadt beschlossen, wie der Geschäftsführende Pfarrer Harald Kunze auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea bestätigte.

Kunze und der pensionierte Pfarrer Hartmut Bartmuß von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche sind Initiatoren und Moderatoren der seit 2005 stattfindenden Gesprächsreihe in der Winterkirche des Domes. Laut Kunze befürchtet der Gemeindekirchenrat, daß ein Auftritt von Ursula Sarrazin einen ähnlichen Konflikt auslösen könnte wie der ihres Ehemannes Thilo Sarrazin 2011 in Halberstadt.

Damals war ein Gesprächsabend mit dem Bestseller-Autor und einstigen SPD-Politiker nach heftigen Protesten von einigen Kirchenvertretern zunächst abgesagt worden. Die Veranstaltung wurde jedoch zu einem späteren Zeitpunkt dann doch nachgeholt. Ursula Sarrazin – Autorin des Buches „Hexenjagd – Mein Schuldienst in Berlin“ – sollte am 4. April über Mobbing am Arbeitsplatz und Probleme im Bildungswesen sprechen.

Wolffsohn: „Sarrazin raus!“ erinnert mich an „Juden raus!“

Scharfe Kritik an der Entscheidung des Gemeindekirchenrates übte einer der Münchner Historiker Michael Wolffsohn. Schon 2011 habe ihn die Forderung „Sarrazin raus!“ an „Juden raus!“ erinnert. Der jetzige Ruf „Frau Sarrazin raus!“ sei genauso „unerträglich undemokratisch“ wie der Ruf „Herr Sarrazin raus!“, schrieb Wolffsohn an Moderator Bartmuß.

Der jüdische Historiker stellt seinen geplanten Auftritt bei einem Gesprächsabend am 9. September in Halberstadt in Frage: „Wenn und so lange das die Linie von wem auch immer innerhalb und außerhalb Halberstadts und der EKD ist, sage ich ‘Nein danke!’ und ‘Ohne mich!’. Ich würde das bedauern, aber Demokratie und Meinungsfreiheit gibt es nicht halb und halb.“

Wo bleibt die kirchliche Toleranz?

Bartmuß bedauerte gegenüber idea ebenfalls die Entscheidung des Gemeindekirchenrates. Sie stehe im Widerspruch zu dem von der EKD ausgerufenen „Jahr der Toleranz“.

Im vergangenen Jahr waren bei den „Halberstädter Abenden“ unter anderen zu Gast: die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, und der Vorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer. Gäste waren zuvor bereits Spitzenpolitiker der Unionsparteien, der FDP und den Grünen. Man achte auf Ausgewogenheit, so Bartmuß. Lediglich NPD-Vertreter und deren Geistesverwandte würden nicht eingeladen. (Idea)

> JF-Buchdienst: Ursula Sarrazin: „Hexenjagd – Mein Schuldienst in Berlin“

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