Markus Krall Freiheit oder Untergang
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Integration
 

Wolkige Ausländerfeindlichkeit

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Türken in Berlin: Die Berliner haben angeblich etwas gegen Ausländer Foto: Flickr/ihhsuwioa

Eine Nachricht machte Ende vergangener Woche Schlagzeilen in allen Berliner Tageszeitungen. 26 Prozent der Hauptstädter seien demnach „ausländerfeindlich“. Die Berliner lägen damit über dem Bundesdurchschnitt. Aber auch hier ist die Zahl mit 19 Prozent natürlich „besorgniserregend“. Die Zahlen, die die Presse zum Alarmismus verleiteten und wieder einmal belegen sollten, wie wichtig der „Kampf gegen Rechts“ ist, und wie sehr der Extremismus aus der Mitte der Gesellschaft käme, beruhten auf einer Studie des Info-Marktforschungsinstitutes.

Vorgestellt wurden die vermeintlich erschütternden Ergebnisse von der früheren langjährigen Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John (CDU). Die 72jährige, die während ihrer Amtszeit selten durch Differenzierungen aufgefallen war, forderte dann auch sofort „ein Umdenken“. Man müsse genau auf die Leute achten, die eine negative Einstellung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund haben. Was sie damit konkret meinte, vielleicht den Einsatz des Verfassungsschutzes, blieb offen. Aber eins stellte sie klar: „Das darf nicht hingenommen werden.“

Marktforschungsinstitut mit türkischen Wurzeln

Und das taten die Journalisten auch nicht. Sie titelten: „Jeder vierte Berliner ist ausländerfeindlich“ (Berliner Morgenpost), „Jeder vierte Berliner hat Vorurteile gegenüber Ausländern“ (Berliner Zeitung). Sie machten also ihr übliches Geschäft und fühlten sich dabei vermutlich sehr gesellschaftskritisch. Allerdings fragte keiner wirklich kritisch nach. Dabei lagen die Fragen auf der Hand. Zum Beispiel: Welche Kriterien legte die Befragung für den Begriff Ausländerfeindlichkeit fest? Wer oder was ist das Info-Marktforschungsinstitut, von dem man bisher so gut wie nichts gehört hatte?

Die Antworten sind durchaus überraschend, und werfen neue Fragen auf, deren Antworten man den Lesern offenbar lieber nicht zumuten möchte. Das Info-Marktforschungsinstitut gehört zum Unternehmensverbund der Liljeberg Research International – und die sitzt in der Türkei. Schon auf der Startseite des Unternehmens sieht man Menschen türkische Fahnen vor dem Reichstag in Berlin schwenken. Könnte es vielleicht sein, daß das „Institut“ ganz eigene Interessen verfolgt? Ist ein möglichst hoher Anteil von ausländerfeindlichen Deutschen vielleicht gut für die Geschäfte in der Türkei?

Aber diese Fragen stellten die Journalisten nicht. Sie schrieben lieber: „Bedenklich ist auch, daß 18 Prozent der befragten Berliner die islamische Religion ablehnen“ (Berliner Morgenpost). Angesichts von Terrorakten im Namen Allahs, der Unterdrückung der Frau mit Hilfe des Korans und Ehrenmorden auch in Berlin erscheint die Zahl allerdings weder als sonderlich groß noch als bedenklich. Die Antwort auf den offiziellen Namen der Studie „Wie tolerant ist Berlin?“ könnte vielmehr angesichts dieses Hintergrunds auch „ziemlich“ lauten.

Methoden werfen Fragen auf

Wie aber kommt das Marktforschungsinstitut auf die 26 Prozent? Mit einem relativ einfachen Trick. Die Interviewer stellten den Ausgewählten zahlreiche Fragen. Es genügte, wenn eine davon im Sinne der institutseigenen Definition als ausländerfeindlich beantwortet wurde. Konkret: „Am liebsten wäre es mir, wenn alle Ausländer aus Deutschland wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren müßten.“ Wer dieser These „tendenziell eher“ zustimmte, gilt als fremdenfeindlich – eine durchaus nachvollziehbare Auslegung. Der Schönheitsfehler folgt allerdings auf dem Fuße: Nur sieben Prozent neigten dieser Aussage zu. Wie die anderen Fragen lauteten, blieb unklar. Der Institutsleiter sprach hier selbst von einer „statistischen Wolke“.

Diese Formulierung paßt wohl auch auf die weitere Ausdifferenzierung. Das Institut teilte die ermittelten Ausländerfeinde unter den 1.010 Befragten auf die zwölf Berliner Bezirke auf und erstellte eine Rangliste, die die Zeitungen in flotten Charts brav abdruckten. Ganze 84 Personen sollen demnach also repräsentativ für einen Stadtteil mit durchschnittlich 300.000 Einwohnern sein. Zahlen, die die Frage aufwerfen, was das Ganze noch mit Demoskopie zu tun hat.

JF 52/11

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