NSU

„Nationalsozialistischer Untergrund“
 

Mehr Fragen als Antworten

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Ausschnitt aus dem mutmaßlichen Bekennervideo des NSU Quelle: Youtube

Auch fast zwei Wochen nach dem Bekanntwerden der rechtsextremistischen Gruppierung „Nationalsozialistischer Untergrund“, die unter anderem für die sogenannte „Döner-Mord“-Serie verantwortlich sein soll, gibt es unzählige Fragen. Immerhin: Seit Montag existiert erstmals eine offizielle Version, wie die mutmaßlichen Serienmörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November in Eisenach ums Leben kamen.

Die beiden hatten sich nach einem Banküberfall in ihr Wohnmobil geflüchtet, waren dort aber von der Polizei entdeckt worden. Während diese auf Verstärkung wartete, soll Mundlos laut BKA-Präsident Jörg Ziercke seinem Komplizen in den Kopf geschossen, das Wohnmobil in Brand gesteckt und sich danach mit der gleichen Waffe selbst gerichtet haben. Bislang galt Böhnhardt den Ermittlern als der Gewalttätigere, was auch ein früherer Vertrauter bestätigt. Mundlos, so der Mann aus Thüringen, sei dagegen eher „ein Denker“ gewesen.

Es sind die zahlreichen sich teils widersprechenden Berichte, die den Fall immer verworrener erscheinen lassen. So berichtete die Bild-Zeitung am 7. November – als man noch davon ausging, daß es sich bei den beiden Männern um gewöhnliche Bankräuber handelt – von Nachbarn, die beobachtet hätten, wie eine dritte Person aus dem Führerhaus kletterte und die Flucht ergriff.

Rätsel um mutmaßliches Bekennervideo

Bei der zuständigen Polizeidirektion Gotha heißt es jetzt auf Nachfrage, die Beteiligung eines dritten Unbekannten könne so gut wie ausgeschlossen werden. Glaubt man einem Bericht des Stern, haben „die meisten Anwohner und Augenzeugen die ersten Polizisten zwar kommen und das Wohnmobil brennen sehen, aber weder davor noch danach Schüsse gehört“.

Eines der größten Rätsel bildet nach wie vor das mutmaßliche Bekennervideo. Wie vergangene Woche bekannt wurde, kaufte der Spiegel, der als erster Ausschnitte und Bilder daraus veröffentlichte, den Film vom linksradikalen „Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin“ (apabiz). Woher die Einrichtung das Video hat, ist ungewiß. Zumindest bis zur vergangenen Woche konnte man den Film für 2.000 Euro von apabiz kaufen. 

Was alles auf der DVD zu sehen ist, ist öffentlich nicht bekannt. Spiegel-TV veröffentlichte nur einige Sequenzen des Films, und auch die Bundesanwaltschaft macht zum übrigen Inhalt keine Angaben. Die Ermittler fragen sich derzeit, wer für die Herstellung des Videos verantwortlich ist. Mundlos und Böhnhardt sowie ihre Komplizin Beate Z. waren es laut Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) „nach derzeitigem Erkenntnisstand wohl nicht“.

Feuerwehrmann wundert sich über Funde

Im Visier steht das Zwickauer Ehepaar E. In den Trümmern der Zwickauer Wohnung, die Z. nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt in Brand gesteckt hatte, fanden die Fahnder ein Werbeblatt der Firma von André E. Wie dieses den Brand überstand, ebenso wie ein gefundener USB-Stick, der eine Liste mit Tausenden Adressen enthalten soll, mehrere Exemplare des Bekennervideos sowie elf teils schwer beschädigte Waffen, darunter die Tatpistole der „Döner-Morde“ sowie die zweite Waffe aus dem Heilbronner Polizistenmord, ist unklar.

„Nach dem, was ich während dieses Einsatzes gesehen habe, muß ich mich sehr wundern, was dort zwei Tage danach noch alles in der Brandruine gefunden wurde“, sagte ein Feuerwehrmann der Bild am Sonntag.

Doch das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. Der Vater von Uwe Mundlos gab gegenüber dem Stern an, LKA-Beamte hätten ihm verboten, auf eigene Faust nach seinem Sohn zu suchen, als dieser untergetaucht war. Freunde seines Sohns hätten ihn zudem gewarnt: Hinter der ganzen Angelegenheit stecke viel mehr, als man sich vorstellen könne. Zudem wurde bekannt, daß in dem Fall offenbar nicht nur dem Verfassungsschutz Versäumnisse vorzuwerfen sind, sondern auch dem Militärischen Abschirmdienst (MAD). Dieser soll laut Focus von einem V-Mann 1998 kurz nach dem Untertauchen des Trios dessen Aufenthaltsort erfahren haben. Die Information versandete allerdings.

Weiterhin kein Motiv für Polizistenmord

Anfang der Woche dann die nächste Wende: Bei dem bislang ohne Motiv dastehenden Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn 2007 könnte es sich laut BKA-Chef Ziercke um eine Beziehungstat gehandelt haben. Es soll Verbindungen zwischen der Familie der aus Thüringen stammenden 22jährigen und den Mitgliedern des NSU gegeben haben. Ein Motiv für die Tat konnten die rund 450 Beamten, die derzeit mit der Aufklärung des Falls betraut sind, allerdings bislang nicht präsentieren. Dafür ist die Zahl der möglichen Unterstützer des Trios nach Angaben der Ermittler auf neun angewachsen.

Mit Spannung erwartet wird die  Aussage von Beate Z. Diese zieht es jedoch auf Anraten ihres Anwalts bislang vor, keine Angaben zu machen. Bis sich das ändert, könnte es sich lohnen, einen Blick auf zwei Artikel aus dem Spiegel vom Februar und August dieses Jahres zu werfen. Darin berichtete das Magazin auf mehreren Seiten über konkrete Hinweise, daß hinter der „Döner-Mord“-Serie „eine Allianz türkischer Nationalisten, Gangster und Geheimdienstler“ stehen könnte.

JF 48/11

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