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Soldaten organisieren sich in Veteranenverbänden

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Bundeswehrsoldaten im Kosovo 2002: Mit den Einsätzen wächst wieder das Bedürfnis nach Veteranenorganisationen Foto: Wikipedia/United States Air Force

Von den Auslandseinsätzen der Bundeswehr kehren immer mehr Soldaten zurück, die an ihren Erlebnissen noch lange zu tragen haben. Zwei neue Verbände nehmen sich nun dieser Probleme an und fordern Respekt und staatliche Fürsorgepflicht, die ihren Namen verdient.

Daniela Matijević hat im August dafür den Deutschen Veteranenverband ins Leben gerufen. Rund 120 Mitglieder zählt der Verein. „Ich habe den Anspruch, mich mit jedem Mitglied wenigstens einmal zu unterhalten, statt Broschüren zu verschicken“, sagt sie. Der Bedarf ist da: Rund 4.000 Anfragen warten noch in ihrem Postfach. Füreinander einstehen, Kameradschaft, das sollen keine leeren Worte bleiben: „Ich will die Geschichte von jedem kennen.“

Schüler packen Pakete für Soldaten

Konkurrenz zu ähnlichen Organisationen weist die 1999 selbst für den Militärischen Abschirmdienst (MAD) im Kosovo Eingesetzte von sich. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen, nur so bekommen die Veteranen endlich eine Stimme.“ Wichtigstes Ziel sei, den Soldaten mit Kriegserfahrung den Austausch ihrer Erlebnisse zu ermöglichen.

„Viele haben nicht die Möglichkeit, mit jemandem zu sprechen, der sie überhaupt versteht“, sagt Matijević. „Noch vor Jahren stellten sich viele einen Veteran vor, 90jährig, der mit Tränen in den Augen von Stalingrad spricht – heute ist ein Veteran ein 20- bis 30jähriger Mann mit zwei Kindern und einem gewaltigen Alkoholproblem“, berichtet sie über ihre Erfahrung. Für diese Heimkehrer stellt der Veteranenverband den Kontakt zu spezialisierten Hilfsorganisationen her. Traumalos und die Deutsche Kriegsopferfürsorge (DKOF) zählen dazu.

300.000 Soldaten in den letzten zwanzig Jahren im Auslandseinsatz

Aus der DKOF ging im Sommer der Bund Deutscher Veteranen hervor. DKOF-Leiter Andreas Timmermann-Levanas will mit der Gründung auch den nichtbeschädigten Soldaten und deren Angehörigen gemeinnützige Arbeit zugute kommen lassen. Trotz der rund 300.000 Soldaten, die in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten Auslandseinsätze der Bundeswehr durchlaufen haben, werde nur ungern von „Veteranen“ gesprochen, so der Oberstleutnant a. D.: „Wir möchten unseren Beitrag dazu leisten, daß diesen Menschen zugehört wird und die Gesellschaft ihnen mindestens Respekt und Anerkennung entgegenbringt.“

Der Sozialwissenschaftler erlebt, daß viele junge Veteranen „von uns schnelle und unbürokratische Hilfe“ erwarten. „Anerkennung für Veteranen in Deutschland gibt es derzeit nur selten“. Daniela Matijević sagt zum Wissen der Bevölkerung um die Bedingungen der Heimkehrer aus Kriegs- und Krisengebieten: „Ich sehe kein Informationsdefizit, ich sehe gar keine Information.“

Die 35jährige bekomme statt dessen oft zu hören: „Stell dich nicht so an.“ Das erbost sie. „Kaum einer kennt ein Einsatzweiterverwendungsgesetz, dabei reden wir über gut 7.000 Soldaten, die wegen der Stichtagsregel darin nicht versorgt sind, teils keine Krankenversicherung mehr haben, keine Therapie mehr bekommen, weil sie beispielsweise schon zwei- oder drei mal in der Psychatrie waren.“

Der Ruf nach grundlegenden Änderungen im Umgang mit Veteranen wird immer lauter. „Die Bevölkerung lehnt den Afghanistaneinsatz mehrheitlich ab, auch wenn die meisten gar nicht genau wissen, was unsere Soldatinnen und Soldaten dort leisten“, sagt Timmermann-Levanas. Eine neue Veteranenkultur gebe es trotz vieler Heimkehrer nicht, so beide übereinstimmend. „Dies fängt beim Begriff Veteran an. Die Soldaten wollen „Verständnis, Respekt und Anerkennung ihrer besonderen Belastungen“, sagt er.

„Für mich sind das alles Helden“

„Es muß legitim sein, daß man seine Berufswahl Soldat nicht begründen muß“, fordert Daniela Matijević. Viel zu oft quittieren demnach die Deutschen Berichte von oft an Seele und Körper verletzt heimkehrenden Soldaten mit dem Hinweis: „selber schuld“. In den Medien komme die Soldatenperspektive im Afghanistankonflikt kaum vor, klagen viele der dort Eingesetzten. „Beim Kundus-Vorfall spricht kaum einer von den neun Stunden Todesangst, die die Jungs dort durchstehen mußten“, sagt Matijević. Und: „Für mich sind das alles Helden.“ Mit dem Deutschen Veteranenverband will sie demnächst eine Tagung zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) abhalten – gut 300 Teilnehmer werden erwartet.

Auch die allgemeine Einstellung zum Dienst der Frauen und Männer verbittert die Veteranen: „Sichert der Soldat einen Frieden zwischen Bürgerkriegsparteien, spricht man in Deutschland nicht darüber. Kämpft aber ein Soldat der Bundeswehr gegen Terroristen, die ihn angreifen, ist er ein Mörder. Dieser Sichtweise versuchen wir zu begegnen“, so Timmermann-Levanas.

Mit „konkreten Aktionen“ will er dies erreichen. So verpacken Schüler Weihnachtspakete für Soldaten im Auslandseinsatz – „ein gelebtes Zeichen der Solidarität“, lobt der Vorsitzende. Matijević und der Deutsche Veteranenverband setzen auf einen neuen Ausbildungsgang, der Traumatisierten ermöglichen soll, sich zu Helfern für andere Kampfheimkehrer ausbilden zu lassen. Genauso wichtig ist ihr eine neue „Wehrpolitik“, wie sie es nennt: Die Bundesregierung könne viel beitragen, um Anerkennung von Veteranen zu fördern, etwa durch einen eigenen Veteranentag.

(JF 52/10)

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