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Polen sieht sich im Streit um Steinbach als Sieger

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Kontrahenten: Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach und….
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…der Auschwitz-Überlebende Wladyslaw Bartoszewski Fotos: Privat

BERLIN. Polnische Medien verkaufen die offenbar aufgeschobene Besetzung des Stiftungsrats für das in Berlin geplante Vertriebenenzentrum als Sieg des polnischen Deutschlandbeauftragten Władysław Bartoszewski.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei deren Kabinett die endgültige Entscheidung über die Personalia des Stiftungsrats liegt, hatte sich gestern in Berlin zu einem Gespräch unter vier Augen mit Bartoszewski, getroffen, nachdem dieser die Nominierung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) für des Stiftungsrat des Vertriebenenzentrums scharf kritisiert hatte.

Bartoszewski stellte sogar die gemeinsamen Beziehungen in Frage: den „Beziehungen Polens zu Deutschland droht ein Bruch, wenn die deutsche Regierung Erika Steinbach in den Rat aufnimmt“, gab die polnische Tageszeitung Dziennik den früheren Außenminister wieder. Polens jetziger Außenminister Radosław Sikorski spielte die moralische Karte aus: „Ich denke, die Stimme eines ehemaligen Auschwitz-Häftlings und Ehrenbürgers von Israel zu übergehen, wäre unbesonnen.“

„Steinbach oder ich!“

Vor dem Gespräch hatte Bartoszewski scharfe Reaktionen seitens Warschau angedroht, sofern die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (CDU), in den Stiftungsrat für das Museum gegen Vertreibungen bestellt werden würde. Dem BdV mit seiner Präsidentin stehen drei Personalvorschläge zu.

Wenn Steinbach ernannt würde, wäre das so, als ob der Vatikan Bischof Williamson zum Beauftragten für die Beziehungen mit Jerusalem machte, wurde Bartoszewski von Dziennik zitiert. „Wenn es zu dieser Ernennung kommt, werden polnische Behörden die Absage einiger deutsch-polnischer Veranstaltungen in Erwägung ziehen, die für dieses Jahr geplant sind“, griff der 86jährige erneut Steinbach an.

Dziennik will herausgefunden haben, Merkel habe Bartoszewski versprochen, daß Steinbach in diesem Jahr nicht nominiert werde und jubelte: „Bartoszewski eliminierte Steinbach.“ Die Tageszeitung Rzeczpospolita sprach von einem „Ausweichen“ Berlins. „Steinbach oder ich!“ – Bartoszewski dementierte am Wochenende, daß diese Worte als Rücktrittsdrohung gemeint gewesen seien.

Bartoszewski dramatisiert eigene Biographie

Unterdessen hetzte die polnische Presse zu großen Teilen in gewohnter Manier gegen Frau Steinbach. Unter der Überschrift „Tochter eines Feldwebels“ warf der Dziennik der BdV-Präsidentin gestern „Karrieristentum und Zynismus“ vor und sprach ihr indirekt das Recht ab, im BdV aktiv zu sein. „Sie stammt nämlich nicht aus einer Flüchtlingsfamilie“. Sie sei vielmehr „die Tochter eines Besatzers als jemand, der seine Heimat verloren hätte“, verspottete sie der Kommentator.

„Die Nominierung Steinbachs beleidigt die Polen“, titelte die Rzeczpospolita am Sonntag. Doch auch ohne Steinbach rufe „das Projekt“ die „Befürchtungen von Millionen Polen“ hervor. Steinbach habe „kein Recht, sich mit dem Schicksal jener Deutschen zu identifizieren, welche die West- und Nordgebiete“ Polens verlassen mußten. Die Chefin des BdV wurde „niemals zwangsweise aus Polen ausgesiedelt und auch nicht ‘vertrieben’“, legte das an sich seriöse Blatt am Montag nach.

Bartoszewski selbst ist in Polen allerdings nicht so unumstritten, wie es hierzulande scheint. Funktionäre von Veteranenverbänden hatten ihm vorgeworfen, seine Lebenserinnerungen aus der Kriegszeit für den deutschen Publikumsgeschmack speziell dramatisiert zu haben. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, Bartoszewski sei auf einem Treffen von Veteranen der Heimatarmee (Armia Krajowa) ausgepfiffen worden.

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