Sehr geehrter Herr Frazão, am 18. Januar stehen in Portugal Präsidentschaftswahlen an. Im Parlament hat Ihre Partei Chega unter dem Vorsitzenden André Ventura bereits die Sozialdemokraten als zweitstärkste Kraft abgelöst. Gleichzeitig setzen Sie die liberalkonservative Minderheitsregierung von Premierminister Luís Montenegro seit 2025 unter Druck. Nun will Ventura Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa ablösen. Welche Entwicklungen in den Umfragen geben Ihnen Hoffnung?
Pedro Frazão: Die Umfragen zeigen André Ventura durchweg als eine der bekanntesten und dynamischsten politischen Persönlichkeiten Portugals mit klarem Wachstumspotential über die traditionelle Wählerschaft von Chega hinaus. Wichtiger als konkrete Zahlen ist das politische Klima.
Inwiefern?
Frazão: Es herrscht weit verbreitete Erschöpfung gegenüber den sogenannten „Regime-Parteien“. Bei Präsidentschaftswahlen kommt es auf Führungsstärke, Mut und Klarheit an, und André Ventura steht für einen klaren Bruch mit der Vergangenheit.

Frazão: „Wir stehen für die Verteidigung der kulturellen und historischen Identität Portugals“
Wie beurteilen Sie den Ruf Ihrer Partei in der portugiesischen Bevölkerung, insbesondere unter konservativen Wählern, die sich von den etablierten Parteien abwenden?
Frazão: Chega hat sich fest als wichtigste politische Alternative zu den traditionellen Parteien in Portugal etabliert. Unter konservativen Wählern, aber auch unter vielen Bürgern, die sich zuvor politisch heimatlos fühlten, wächst die Überzeugung, daß Chega die einzige Partei ist, die bereit ist, echte Probleme ohne Angst oder politische Korrektheit anzugehen. Themen wie Unsicherheit, Korruption, unkontrollierte Einwanderung und der Verfall öffentlicher Dienstleistungen wurden jahrzehntelang ignoriert. Was als Protest begann, hat sich zu einer soliden und bewußten politischen Entscheidung entwickelt.
Wofür steht Ihre Partei konkret?
Frazão: Wir stehen für nationale Souveränität, Recht und Ordnung, Leistungsgesellschaft und die Verteidigung der kulturellen und historischen Identität Portugals. Wir glauben einerseits an einen starken Staat mit Autorität beispielsweise in den Bereichen Justiz, Sicherheit und Grenzschutz. Andererseits an einen kleineren, effizienteren Staat, in dem Bürokratie, Verschwendung und ideologische Exzesse gesellschaftlich erstickt werden. Wir verteidigen Familie, Arbeit, Verantwortung und Freiheit und lehnen Korruption, Privilegien und ideologische Zwänge ab.
Was läuft Ihrer Meinung nach grundlegend falsch in der aktuellen portugiesischen Politik?
Frazão: Das grundlegende Problem ist das geschlossene politische System, das seit Jahrzehnten von denselben Eliten dominiert wird, die zwischen Regierung, öffentlicher Verwaltung und staatlich abhängigen Unternehmen rotieren.
Wie hat sich dieser Zustand unter sozialistischen Vorgängerregierungen entwickelt?
Frazão: Unter sozialistischen Regierungen hat sich dies durch übermäßige öffentliche Ausgaben, ideologische Regierungsführung, Politisierung von Institutionen und eine Kultur der Straflosigkeit verschlimmert. Verantwortlichkeit wurde durch Selbstgefälligkeit ersetzt, und Mittelmäßigkeit ist zur Norm geworden.
„Portugiesische Gesellschaft steht unter dem Druck radikaler Ideologien“
Ihre Partei ist ein großer Kritiker der auch in Portugal stattfindenden Masseneinwanderung. Worin bestehen die daraus resultierenden dringendsten Probleme?
Frazão: Chega lehnt Einwanderung an sich nicht ab, sondern wir lehnen Chaos und Verantwortungslosigkeit ab. Portugal hat eine Masseneinwanderung ohne Planung, Kontrolle oder Integrationspolitik erlebt. Dies hat einen enormen Druck auf den Wohnungsmarkt, die öffentlichen Dienstleistungen, die Löhne und den sozialen Zusammenhalt ausgeübt und die Unsicherheit in bestimmten Gebieten erhöht. Ein Staat ohne Regeln schadet sowohl seinen eigenen Bürgern als auch den Einwanderern, die sich an die Gesetze halten.
Neben der Migrationspolitik spielt auch die Wirtschaftspolitik eine große Rolle im Wahlkampf. Wie wollen Sie das Leben für die Bürger erschwinglicher machen?
Frazão: Portugiesische Familien ersticken unter hohen Steuern, steigenden Wohnkosten und stagnierenden Löhnen. Chega kritisiert ein Wirtschaftsmodell, das auf übermäßiger Besteuerung, Abhängigkeit von Subventionen und fehlenden Produktivitätsreformen basiert. Wir schlagen Steuererleichterungen für Arbeitnehmer und Familien, eine Senkung der Mehrwertsteuer auf lebensnotwendige Güter, die Unterstützung der nationalen Produktion und einen Staat vor, der aufhört, öffentliche Gelder für ideologische Projekte und Ineffizienz zu verschwenden.
Welche Antwort hat Chega auf diese ideologischen Projekte?
Frazão: Die portugiesische Gesellschaft steht zunehmend unter dem Druck radikaler Ideologien, die Familie, Glauben und nationale Identität relativieren wollen. Chega verteidigt die Familie als Grundlage der Gesellschaft, die elterliche Autorität in der Erziehung, die Glaubensfreiheit und den Patriotismus ohne Scham. Wir lehnen die Politisierung von Kindern und die Aushöhlung kultureller Bezugspunkte im Namen ideologischer Agenden ab.
„Die Chancen sind real und wachsen“
Auch Korruption und Vetternwirtschaft sollen in Portugal stark diskutierte Themen sein. Stimmt das?
Frazão: Ja. Portugal hat große Korruptionsskandale erlebt, in die ehemalige Premierminister, Minister, hochrangige Beamte und staatliche Unternehmen verwickelt waren. Vetternwirtschaft und politische Ernennungen sind systemisch geworden.
Wie wollen Sie dagegen vorgehen?
Frazão: Wir schlagen härtere Strafen für Korruption, die Einziehung illegaler Vermögenswerte, vollständige Transparenz bei öffentlichen Ernennungen, Begrenzungen für politische Mandate und die Abschaffung ungerechtfertigter Privilegien für Politiker vor.
Angenommen, André Ventura gewinnt die Präsidentschaftswahlen: Welche Rolle würden Sie dann persönlich spielen?
Frazão: Als Vizepräsident von Chega wäre es meine Aufgabe, den Präsidenten politisch und institutionell zu unterstützen, für Kohärenz zwischen der Präsidentschaft und der Reformagenda von Chega zu sorgen und Brücken zwischen der Präsidentschaft, dem Parlament und der Zivilgesellschaft zu bauen, um Stabilität und sinnvolle Veränderungen zu gewährleisten.
Wie schätzen Sie die Chancen für die Wahl ein?
Frazão: Die Chancen sind real und wachsen. André Ventura steht für einen historischen Bruch mit einem gescheiterten politischen System. In Krisenzeiten suchen Gesellschaften nach Mut und Klarheit. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat Portugal die echte Chance, einen Präsidenten zu wählen, der nicht Teil des alten Establishments ist.
Pedro Frazão ist seit 2021 Vizevorsitzender von Chega und Mitglied des portugiesischen Parlaments. Er ist zudem Tierarzt und Teil der Ausschüsse für Landwirtschaft, Gesundheit und politische Transparenz.






