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Lagebericht Ukraine-Krieg: Was die russische Mobilmachung bedeutet

Lagebericht Ukraine-Krieg: Was die russische Mobilmachung bedeutet

Lagebericht Ukraine-Krieg: Was die russische Mobilmachung bedeutet

Rußland setzt auf die Teilmobilmachung seiner Armee
Rußland setzt auf die Teilmobilmachung seiner Armee
Rußlands Präsident Wladimir Putin will mit der Teilmobilmachung mehr Soldaten in den Ukraine-Krieg schicken Foto: picture alliance / Picvario LLC | Komsomolskaya Pravda
Lagebericht Ukraine-Krieg
 

Was die russische Mobilmachung bedeutet

Was viele bereits kommen sahen, wurde nun Realität. Wladimir Putin hat die Teilmobilmachung angeordnet und folgt laut eigener Aussage einer Empfehlung seines Verteidigungsministeriums. Begründet wird die Entscheidung mit einer angeblich akuten Bedrohung russischen Territoriums durch die Ukraine und die Nato. Gleichzeitig verkündet Rußland ebenfalls, die von den Volksrepubliken Donetsk und Luhansk verkündeten Referenden zur Abstimmung über den Beitritt zur Russischen Föderation anzuerkennen. Daß das Ergebnis dieser Abstimmung nicht dem Zufall überlassen wird, dürfte offensichtlich sein. Kiew reagierte auf die geplanten Referenden gelassen.

Selbst von vermeintlich engen Verbündeten wie Kasachstan oder Belarus werden die sogenannten Volksrepubliken nicht anerkannt. Minsk nimmt bezüglich der Gebiete eine eher neutrale Haltung ein, während Kasachstan die territoriale Integrität der Ukraine vollständig anerkennt und ablehnt, sich Moskaus Linie anzuschließen. Bis auf Nordkorea und Syrien dürfte die Liste der Verbündeten kurz sein, die sich am Wochenende und in kommenden UN-Versammlungen auf Rußlands Seite schlagen werden.

Aber der Kreml schert sich offensichtlich nicht um seine internationale Reputation. Der geplante und jetzt forcierte Anschluß an die Föderation zielt augenscheinlich auf etwas anderes ab. Es würde Moskau erlauben, zur Verteidigung des „Staatsgebiets“ – denn das wären die Volksrepubliken nach der Lesart des Kremls dann – Wehrpflichtige einzusetzen. Der bisherige verdeckte Einsatz von Wehrpflichtigen in der Ukraine hat innenpolitisch für Empörungen und Verwerfungen gesorgt. Da es sich laut Moskau in der Ukraine um keinen Krieg, sondern eine „Spezialoperation“ handelt, muß es auf wehrpflichtige Soldaten theoretisch verzichten.

Mobilmachung wird keinen unmittelbaren Effekt haben

Durch die Eingliederung von Luhansk und Doneszk kann Putin deren Verteidigung Soldaten anvertrauen, die ihm zumindest offiziell vorher nicht zur Verfügung standen. Was für einige Beobachter eine Stufe der russischen Eskalationsdominanz ist, wird von der Ukraine und zumeist westlichen Militärs als Schwäche interpretiert. Denn nach deren Lesart kann Rußland mit der Massenmobilisierung von schlecht ausgebildeten und eher unmotivierten Wehrpflichtigen sein besetztes Gebiet in der Ukraine nicht schützen. Damit gesteht der Kreml indirekt ein, daß die Offensiven der Ukraine und die Rückeroberungen im Osten und Nordosten so substanziell sind, daß die Separatistenregierungen selbst in ihrer Existenz bedroht sind. Dadurch, daß Rußland diese Gebiete offiziell annektiert, kann es nun laut eigener Doktrin nicht nur Zehntausende Wehrpflichtige dort hinschicken, sondern theoretisch auch taktische Nuklearwaffen einsetzen.

Für militärische Kommentatoren und Veteranen, wie Igor Girkin a.k.a. „Strelkov“, kommt die Mobilmachung freilich viel zu spät. Er hatte bereits im März nach den ersten Rückschlägen rund um Kiew gefordert, die totale Mobilmachung zu verkünden, um eine realistische Chance zu haben, den Krieg für sich zu entscheiden. Vor allem deshalb, weil eine Mobilmachung Monate brauchen wird, um Auswirkungen auf dem Schlachtfeld zu haben. Denn die einberufenen Reservisten müssen zumindest eine auffrischende Ausbildung erhalten. Doch die russische Logistik kommt schon jetzt kaum damit hinterher, die eigenen bereits eingesetzten Kräfte im Donbass und im Süden der Ukraine zu versorgen.

Es wird dauern, ehe die eingezogenen Reservisten angemessen ausgestattet und ausgebildet sind, um in ihren jeweiligen Einheiten effektiv eingesetzt werden zu können. Daß die materiellen Reserven dafür vorhanden sind, dürfte sehr wahrscheinlich sein. Die russischen Streitkräfte erleiden hohe Materialverluste in der Ukraine, beweisen jedoch immer noch Woche für Woche, daß die Materialreserven groß genug sind, um die Verluste zu ersetzen. Dennoch wird es Zeit brauchen, ehe Rußland die vielen teils seit Jahrzehnten unter freiem Himmel lagernden Militärfahrzeuge wieder instandsetzen kann.

Die nahende Rasputiza (Schlammzeit) wird in der Ukraine neben dem kommenden Wintereinbruch dafür sorgen, daß die Kämpfe zwar nicht komplett einfrieren, aber zumindest an Mobilität verlieren. Das gibt Moskau Zeit, seine Logistik auf den Einsatz von potenziell vielen Hunderttausenden Wehrpflichtigen umzustellen.

Rußland setzt auf vaterländische Propaganda

Wie hoch die Kampfkraft dieser Truppen sein wird, läßt sich an vergangenen Kriegen Rußlands in Georgien oder Tschetschenien ablesen. Und auch in der Ukraine selbst, wo etliche junge Wehrpflichtige bereits gegen ihren Willen zum Einsatz kamen, war die Kampfkraft der Zwangssoldaten eher gering. Die russische Rhetorik versucht, den Krieg in der Ukraine als „große vaterländische Militäroperation“ zu verkaufen. Der Sieg müsse errungen werden, da sonst der Westen Rußland zerstören werde.

Daß dieses Narrativ zumindest bei einigen potenziellen Wehrpflichtigen nicht verfängt, zeigt der drastische Anstieg der Suchanfragen in russischer Sprache nach „Wie kann ich Rußland verlassen?“ bei Google in den vergangenen Tagen. Es bleibt fraglich, ob die Personalprobleme der Russen, die genau wie die Westeuropäer eine negative Demographie haben, durch eine Teilmobilmachung zu lösen sind. Der Vietnamkrieg der Amerikaner und das Afghanistandebakel der Sowjets haben gezeigt, daß der Einsatz von Wehrpflichtigen an der Heimatfront für großen Unmut sorgt und gewaltige innenpolitische Folgen haben kann – bis hin zum Zusammenbruch ganzer Weltreiche.

Zumal russische Militärexperten wie Girkin längst anmerken, daß die Mobilisierung den technologischen Nachteil der russischen Streitkräfte, der durch den Einsatz von HIMARS und anderen Systemen aus dem Westen entstanden ist, nicht wettmachen. Dennoch hat die Teilmobilmachung das Potenzial, das Kräftegleichgewicht an einigen Frontabschnitten in der Ostukraine wieder in Richtung Moskaus zu verschieben.

Ukraine und der Westen werden darauf antworten

Die relative Gelassenheit der Ukraine auf die russische Mobilisierung dürfte auch damit zusammenhängen, daß Präsidentenberater wie Oleksiy Arestovych und andere diese längst antizipiert hatten. Kiew sei vorbereitet, heißt es aus Regierungskreisen. Und tatsächlich hat die ukrainische Führung bereits am ersten Tag des Krieges mobil gemacht und trainiert unermüdlich seine Reserven mit westlichen Waffen, deren Strom wahrscheinlich nicht versiegen wird. Washington hatte bereits im Vorfeld signalisiert, daß die völkerrechtswidrige Annexion der sogenannten Volksrepubliken „Konsequenzen“ haben wird. Washington wird seinerseits auf Moskaus Schachzug reagieren und die Waffenlieferungen qualitativ und quantitativ hochfahren.

Wahrscheinlich wird die Ukraine über den Winter versuchen, den Druck aufrechtzuerhalten und die gewonnene Initiative nicht zu verlieren, während neue Reserven und neu ausgehobene Einheiten sukzessiv mit westlichem Material ausgerüstet werden. Im Frühjahr wird sich dann vielleicht zeigen, ob die russische Mobilmachung den gewünschten Effekt hat.

Rußlands Präsident Wladimir Putin will mit der Teilmobilmachung mehr Soldaten in den Ukraine-Krieg schicken Foto: picture alliance / Picvario LLC | Komsomolskaya Pravda
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