Kundgebung der neuen Rechts-Fraktion in Mailand

Salvini und Le Pen verwandeln den Domplatz in ein Fußballstadion

Der strömende Regen auf dem Mailänder Domplatz war am Samstag der schärfste Feind der vereinten Rechten unter Matteo Salvini (Lega). Verbündete aus ganz Europa folgten dem Ruf des Vizepremiers in seine Heimat. Auf den Ansturm von bis zu 100.000 Patrioten hatte sich die lombardische Großstadt eingestellt. So viele waren es am Ende nicht, aber auch die Befürchtung, daß möglicherweise Linksextreme und Antifaschisten den „Salvini-Day“ – so nannte die Tageszeitung Corriere della Sera das Spektakel – sprengen könnten, stellte sich als unbegründet hinaus. Die wenigen hundert Gegendemonstranten blieben friedlich, der Protest konzentrierte sich auf Parolen und Plakate an Balkonen, von denen ein als Zorro getarnter Anti-Salvinist noch die größte Sensation war.

Das Fest des rechten Völkerfrühlings mit 20.000 bis 30.000 Besuchern leiteten die kleineren Parteien ein. Der Bulgare Veselin Mareshki (Volya), der Slowake Boris Kollár (Sme Rodina/Familienpartei) und der Flame Gerolf Annemans (Vlaams Belang) ließen es sich nicht nehmen, ihre Reden auf italienisch zu halten, trotz vernehmbarer Schwierigkeiten. Alles egal: Am Tag paneuropäischer Fraternität honorierten die Italiener die Gehversuche mit Applaus. Die Vertreter der übrigen kleinen Länder Europas – Tschechien, Estland, Dänemark, Finnland – hielten ihre Reden auf englisch mit Übersetzung.

Meuthen: Wir sind die echten Europäer

Es folgte der deutsche Beitrag in der Gestalt von Jörg Meuthen (AfD). Der einzige Abgeordnete der AfD im EU-Parlament unterschied sich im Inhalt nur wenig von seinen Vorrednern: die üblichen Seitenhiebe gegen Emmanuel Macron, Angela Merkel, Mario Draghi und Jean-Claude Juncker, Bekenntnis zur Entbürokratisierung, mehr Souveränität für die Nationalstaaten. Und natürlich: Meuthen betonte, daß sie keine Anti-Europäer seien, sondern die echten Europäer. „Wir haben eine neue politische Ära eingeläutet“, sagte der AfD-Chef. „Arrogante Technokraten“ hätten Europa zerstört. „Laßt uns diese Eliten auf politischem Weg zu Fall bringen.“ Eine Sammlung von Phrasen schon bekannter „populistischer“ Prägung, wie sie üblicherweise zum Kreistag herausgegeben werden, aber nicht zu einem europäischen Treffen der ganz großen Kaliber europäischen Kräftemessens.

Es folgten Georg Mayer von der österreichischen FPÖ, der in Vertretung für seinen Kollegen Harald Vilimsky anreiste – von dem Wiener Erdbeben spürte auch der Mailänder damit heute ein leichtes Zittern. Es folgte der niederländische Kollege Geert Wilders von der Freiheitspartei, der angesichts des großen Erfolgs von „Demokratie und Freiheit“ bei den jüngsten Parlamentswahlen wie ein Fossil wirkte. Das hielt ihn nicht davor ab, von der Bedrohung durch den Islam zu sprechen wie schon vor anderthalb Jahrzehnten.

Eine Klischeeveranstaltung – bis Le Pen kommt

In weiten Teilen erschien das Treffen wie eine Klischeeveranstaltung rechter Kräfte Europas, die im Grunde ihre besten Zeiten schon hinter sich hatten. Doch der Auftritt von Marine Le Pen (Rassemblement National) glich einem Befreiungsschlag. Die Vorsitzende des französischen Rassemblement National verwandelte den Domplatz in ein Fußballstadion, fegte die gutbürgerliche Stimmung und plumpen Phrasen zugunsten einer feurigen Rede davon. Jetzt ging es nicht mehr nur um die europäische Elite, um wirtschaftliche Oligarchien, Einwanderung und Grenzen, sondern um „Widerstand, Hoffnung und Rückeroberung“.

Sie sprach von einer „friedlichen Revolution“, von einem „Aufwachen der Völker“, rief in einem kulturellen Parforceritt die lange Tradition des Kontinents in Erinnerung, der nicht nur 60 Jahre Geschichte fasse, sondern Athen und Rom, das Christentum, den Dom von Mailand und von Notre-Dame, Soldaten und Franzosen, Geistesgrößen und Helden von Leonardo bis Jeanne d’Arc. „Wir wollen in Frankreich leben wie Franzosen, in Italien wie Italiener, und in Europa wie europäische Bürger!“, verkündete Le Pen. Und erinnerte am Ende ihres Vortrags an den Beginn der französischen Nationalhymne, und beendete die bis dato beste Rede des Tages unter lauten „Marine, Marine, Marine!“-Rufen.

Wer sich danach fragte, wie der Gastgeber Salvini seine Kollegin danach übertrumpfen könne, wurde schnell eines Besseren belehrt. Vor seinem Auftritt erklangen die Arie „Nessun dorma“ aus Giacomo Puccinis „Turandot“, deren letzter Satz („Ich werde siegen!“) ankündigte, daß der Lega-Chef sich nicht die Show stehlen lassen würde. „Je mehr mir die Leute sagen ‘Mach mal langsam’, desto schneller werde ich, wie ein Zug“, machte Salvini deutlich. Er habe keine Angst. Und er sei bereit, für Italien sein Leben zu geben. Der 26. Mai sei ein Referendum, um Europa vom Kopf auf die Füße zu stellen.

„Wir lieben unser Land, wir lieben unsere Kinder, wir lieben unsere Werte“

Was er tue, das tue er für seine Kinder, seine Familie – so wie alle, die hier versammelt seien. Salvini zitierte den britischen Schriftsteller G. K. Chesterton: „Der wahre Soldat kämpft nicht, weil er haßt, was vor ihm liegt, sondern weil er liebt, was hinter ihm steht.“ Salvini ergänzte: „Und wir lieben unser Land; wir lieben unsere Kinder; wir lieben unsere Werte. Und wir lieben die Madonna, die uns von dort oben beschützt und begleitet!“

Es blieb nicht bei dieser katholischen Stimmenfängerei. „Wir sind keine Extremisten“, sagte er. Die Extremisten säßen in Brüssel und regierten seit zwanzig Jahren Europa im Namen von Prekarität und Armut. Nicht nur die „Flat Tax“ von 15 Prozent, nicht nur die Asylpolitik oder der europäische Markt beherrschten Salvinis Auftritt; sondern ein Zitat aus dem Römischen Katechismus schloß sich an, gefolgt von Erinnerungen an Papst Johannes Paul II., an Papst Benedikt XVI. und ein Zitat von Robert Kardinal Sarah aus Guinea.

Zuletzt nahm der Innenminister einen Rosenkranz in die Hand und vertraute sein Leben und Italien dem Unbefleckten Herzen Mariens an. Für Sekunden mochte der Beobachter glauben, daß sich Salvini hier für ein höheres Amt als das des italienischen Premierministers empfehlen wollte. Plötzlich saß der Rivale nicht nur in Brüssel, sondern auch im Vatikan.

Selten wurde deutlicher, daß es in diesen Tagen höchstens zwei Parteien in der EU gibt, die sich wirklich einer erfolgreichen Rechten zuschreiben dürfen. Die Dimensionen, in denen Le Pen und Salvini denken, sind unendlich – auch im Vergleich zu ihren europäischen Partnern.

Matteo Salvini (m.), Jörg Meuthen und Marine Le Pen Foto: „Wir lieben unser Land, wir lieben unsere Kinder, wir lieben unsere Werte“ picture alliance/Pierre Teyssot/MAXPPP/dpa

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