Neue Balkanroute

Tausende sitzen in bosnischen Grenzorten fest

Knapp über 60 Kilometer lang ist die Fahrt von Bihać in die 45.000 Einwohner zählende Grenzstadt Velika Kladuša. Ein Ort, in dem ebenfalls seit etwa einem Monat Tausende Migranten festsitzen, die über die kroatische Grenze weiter in den Schengenraum nach Slowienien wollen.

Viele von ihnen haben sich vor einer Pizzeria versammelt, die sich zu einer Art Treffpunkt der Einwanderer entwickelt hat. „Der Inhaber hat mehrere von ihnen bei sich aufgenommen“, erzählt Ariana, eine 15 Jahre alte Schülerin aus dem Ort. Die Hilfsbereitschaft der Einheimischen sei groß. Auch andere Bewohner ließen Migranten bei sich im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse kampieren.

Die Anzahl der Ankommenden wachse. Doch wie in Bihać sei es schwierig zu sagen, wie viele sich tatsächlich im Ort aufhalten. „Es gibt so viele leerstehende Häuser in der Umgegend. Und in vielen davon haben sich Migranten niedergelassen“, ergänzt Arianas Mitschülerin Sara. Mit dem Finger zeigt sie auf ein weiteres unfertiges Haus ohne Fenster und Türen. „Da leben zum Beispiel auch welche drin.“

Bis zu 3.000 Migranten sitzen in Velika Kladuša fest

Einwanderer sammeln sich vor einer Pizzeria Foto: Hinrich Rohbohm

Die beiden schätzen, daß sich momentan 2.000 bis 3.000 Migranten in der Umgebung aufhalten. „Zu uns Einheimischen sind die Zuwanderer absolut friedlich. Aber untereinander kommt es zwischen einzelnen Gruppen immer wieder zu Schlägereien“, erzählt Ariana.

Auf einer Wiese außerhalb der Stadt kampieren etwa 500 bis 800 Einwanderer. Ein schmaler Trampelpfad führt zwischen dem Sportplatz und einem jener zahlreichen verfallenen Häuser vorbei in die Wildnis. Vor dem Haus stehen Zelte. Migranten, sitzen dort auf Matratzen, schlagen sich rauchend und trinkend die Zeit tot. Immer wieder kommen einzelne Gruppen weiterer Zuwanderer auf dem Pfad vorbei, steuern das von Bäumen und Büschen verdeckte Camp an.

Camp erinnert an Calais

Einwanderer bauen Zelte auf: Das Material kommt von Helfern Foto: Hinrich Rohbohm

Nach einer Biegung lassen emporsteigende Rauchschwaden erahnen, daß es zum Camp nicht mehr weit sein kann. 200 Meter weiter bietet sich ein Bild, das ein wenig an das inzwischen geräumte Dschungelcamp von Calais erinnert. Knapp 100 Zelte stehen hier auf einer Wiese. Männer sind zu sehen, die aus Holzlatten und Planen weitere Zelte aufbauen. Frauen, die vor offenem Feuer sitzen und kochen. Wäscheleinen, die von Zelt zu Zelt gespannt sind und auf denen Kleidung zum Trocknen hängt. Helfer versorgen die Migranten mit Nahrung, Medikamenten und Baumaterial.

„In jedem Zelt sind zwischen fünf und acht Leute untergebracht“, sagt Umar. Der Afghane hatte es eigentlich schon bis nach Slowenien geschafft, hatte sich durch unwegsamstes Gelände vorbei an alten Landminen geschlagen, überwand die bosnisch-kroatische Grenze ebenso wie die reißende Strömung des slowenisch-kroatischen Grenzflusses Kolpa.

„Aber dann bin ich in den Bergen gestürzt und habe mir die Beine verletzt.“ Grenzschützer fanden ihn. Umar wurde von Slowenien nach Kroatien abgeschoben, von dort zurück nach Bosnien-Herzegowina, wo man ihn bleiben ließ.

Jetzt ist er im wilden Camp von Velika Kladuša und hofft auf seine zweite Chance. Seine Beine sind mit einem Verband umwickelt. Gelber Eiter leckt durch den Stoff. Um ihn herum stehen Dutzende weiterer Zuwanderer. Einige laufen auf Krücken, tragen ebenfalls einen Verband. „Ja, es ist gefährlich“, sagt Umar. Viele im Camp würden sich vor allem vor den kroatischen Grenzschützern fürchten. Berichte von Gewalttaten gegen Einwanderer beim illegalen Grenzübertritt und von weggenommenen sowie zerstörten Mobiltelefonen machen die Runde.

„Vorwärts Afrika“

„Im Stadtpark sind auch noch immer Migranten anzutreffen“, sagen Ariana und Sara. Der war zwar wie auch in Sarajevo von der Polizei geräumt worden. „Aber da gehen einige trotzdem immer wieder hin.“ Statt als Camp diene ihnen der Platz nun aber eher als Treffpunkt. Auch ein junger Afrikaner ist dort anzutreffen. Seinen Namen möchte er nicht nennen. „Ich bin von der Elfenbeinküste nach Sarajevo geflogen“, sagt er.

Afrikaner kreuzt die Finger : Sein Ziel ist Paris Foto: Hinrich Rohbohm

Ein Visum brauchte er für Bosnien-Herzegowina nicht. Sein eigentliches Ziel ist jedoch ein anderes. „Ich möchte nach Paris.“ Weil er Französisch spricht, sieht er in der Seine-Metropole Zukunftsschancen für sich. Um seinem Vorhaben Nachdruck zu verleihen, kreuzt er die Finger. Ein Zeichen, das soviel wie „Vorwärts Afrika“ heißt, erklärt er. Auf seinem roten Pullover steht „I‘m not scared“ geschrieben. Ich habe keine Angst.

„Die Mittelmeerroute ist viel zu gefährlich“, gibt er als Grund dafür an, seinen Weg nach Frankreich über den Balkan angetreten zu haben. Von anderen Migranten werden immer wieder Deutschland, Italien, Spanien und England als Einwanderungsziel genannt.

Zahlreiche Zuwanderer erzählen, daß sie von Slowenien aus die Route nach Italien einschlagen wollen statt nach Österreich. An der slowenisch-italienischen Grenze gibt es derzeit keine Kontrollen, nicht einmal stichprobenartig. Am Grenzübergang in Görz ist nicht einmal Personal zugegen.

Nach Italien, nicht nach Österreich 

Während aus Bosnien kommende Migranten von dort weiter Richtung Westen ziehen, sind in Görz selbst rund 1.500 Migranten untergebracht. Zuwanderer, die jedoch nicht frisch von der Balkanroute kommen. Viele von ihnen waren schon vor drei Jahren nach Deutschland oder Österreich gekommen, hatten dort Asylanträge gestellt. Als diese abgelehnt wurden und die Abschiebung drohte, sind sie nach Italien geflohen.

Einer von ihnen ist Rahmanzai. Der 26jährige stammt aus Lugar, einem Ort 50 Kilometer südlich von Kabul gelegen. „Ich hatte in Österreich einen Asylantrag gestellt. Als der vor einem Jahr abgelehnt wurde, bin ich hierher gekommen.“

Von anderen Migranten hatte Rahmanzai erfahren, daß Asylbewerber in Görz günstige Bedingungen für sich vorfinden würden und die Chancen auf eine längere Aufenthaltsgenehmigung deutlich besser stünden. „In Österreich hätte ich abgeschoben werden können. In Italien habe ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für fünf Jahre bekommen und darf auch arbeiten.“ Arbeit gefunden hat er bisher allerdings nicht.

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Eine ausführliche Reportage über die neue Balkanroute erscheint am Donnerstag in der neuen Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT 26/18.

> Die Reportage aus Bihać können Sie hier lesen.

> Eine Reportage aus Sarajevo finden Sie hier.

Einwanderer in Velika Kladuša auf der neuen Balkanroute Fotos: Hinrich Rohbohm

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