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Syrisches Bürgerkriegstagebuch II
 

„Revolution ist nicht für Schulen oder Krankenhäuser“

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Kommandeur Mahmoud Barrakat (zweiter von links) und seine Truppe Foto: Billy Six

TELMENES. Vor dem Aufstand waren Mahmoud Omar Barrakat (42) und seine Brüder als Gewürzhändler tätig. Doch die Mühlen in der 23.000-Einwohner-Stadt der nördlichen Idlib-Provinz stehen nun still. Es herrscht Krieg. Mahmoud hat sich der Revolution gegen Präsident Baschar al-Assad verschrieben – und ist Teil der „Freien Syrischen Armee“ geworden. Zumindest sehen er und seine Männer das so. Denn tatsächlich agieren die „Adler von Idlib“ offenbar losgelöst von einem Oberkommando. Und ohne Waffenlieferungen aus dem Ausland. Ein Gespräch.

Wie stark ist Ihre Truppe?

Barrakat: Wir haben 128 Mann unter Waffen.

Wie viele von ihnen sind Deserteure der regulären Streitkräfte?

Barrakat: Etwa 30 Prozent. Der Rest sind Zivilisten – darunter Arbeiter, Bauern, Studenten und abtrünnige Staatsbeamte.

Wann wurde diese Einheit ins Leben gerufen und warum?

Barrakat: Die Gründung fand im Januar dieses Jahres statt. Wir mußten unser Dorf vor Assads „Schabiha“-Milizen verteidigen. Und vor den Geheimdienst-Aktivisten. Es ist unsere Aufgabe, die Frauen vor Vergewaltigungen zu schützen.

Ist es denn in den vergangenen acht Monaten hier vor Ort zu Auseinandersetzungen gekommen?

Barrakat: Nein. Aber Assads Truppen stehen nur wenige Hundert Meter vom Dorfrand entfernt. Und Sie sehen selbst, daß sie immer wieder mal auf die Umgebung feuern.

Warum greift Ihre Einheit die Armee-Stützpunkte nicht an?

Barrakat: Uns fehlen gute Waffen, um die Panzer und Hubschrauber zerstören zu können.

Ist Unterstützung aus dem Ausland angekommen?

Barrakat: Nein. Alles was Amerika oder Katar erzählen, sind nur leere Worte. Und auch Kämpfer aus dem Ausland habe ich noch nicht gesehen.

Was muß sich in Syrien zukünftig ändern?

Barrakat: Wir müssen nur Baschar loswerden. Wir brauchen Freiheit. Dann wird von selbst alles besser. Vielleicht werden wir ein bis drei Jahre ein paar Probleme haben. Aber schauen Sie sich doch an, wie diszipliniert unsere Bürger sind – und das ganz ohne Polizei.

Außer dem Sturz von Assad soll sich also nichts ändern?

Barrakat: Wir machen diese Revolution nicht für Schulen oder Krankenhäuser, sondern für Freiheit. Aber gut. Natürlich sollen auch die alten Geheimdienste verschwinden. Das sind zehn, vielleicht sogar 17. Wir bräuchten nur einen – zum Schutz des Staates. Nicht um unsere Bürger zu knebeln. Und dann brauchen wir demokratische Wahlen.

Haben Sie persönliche Pläne für die Zeit nach der Revolution?

Barrakat: Wenn die Leute es wollen, werde ich für ein Regierungsamt kandidieren.

Ihre Waffen haben Sie selber kaufen müssen. Würden Sie diese an eine mögliche neue Regierung abgeben?

Barrakat: Die jetzigen Streitkräfte wird man auflösen. Und die „Freie Syrische Armee“ wird dann an ihre Stelle treten.

In Libyen gibt es seit der Revolution eine Vielzahl von Milizen – einige agieren für private Interessen.

Barrakat: Wir sind nicht wie die Libyer. Wir sind gebildeter und weitsichtiger. Deshalb schießt bei uns auch niemand sinnlos in die Luft.

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