Smolensk
 

Neue Spekulationen um abgestürzte Präsidentenmaschine

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Lech Kaczyński: Der polnische Präsident starb 2010 bei einem Flugzeugabsturz Foto: Wikipedia/Aargambit mit CC-Lizenz https://bit.ly/4Ynp37

WARSCHAU. Am Wrack des im April 2010 bei Smolensk abgestürzten Kaczyński-Flugzeuges sind Spuren von Substanzen entdeckt worden, die Sprengstoff ähneln. Am Dienstag hatte es in der Tageszeitung Rzeczpospolita zuerst geheißen, es handele sich dabei um TNT und Nitroglyzerin.

Noch am selben Tag sah sich der ermittelnde Militärstaatsanwalt zu einer Stellungnahme gezwungen: „Ich möchte die Öffentlichkeit beruhigen: Die Gutachter haben keine Spuren von Sprengstoff festgestellt“, sagte Oberst Ireneusz Szelag in Warschau vor der Presse. Allerdings hätten die verwendeten Meßgeräte reagiert.

Nachricht sorgt in Polen für erheblichen Wirbel

Das Nähere müßten nun Laboruntersuchungen von „mehreren hundert“ sichergestellten Materialproben ergeben. Das könne „ein halbes Jahr“ in Anspruch nehmen. Die plombierten Proben liegen noch in Rußland. „Die Russen haben keinen Zugang zu ihnen“, versicherte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft am Mittwoch gegenüber der polnischen Presseagentur. „Wir warten auf ihre Weitergabe nach Polen im Wege der Rechtshilfe.“

Die Nachricht hat in Polen dennoch für erheblichen Wirbel gesorgt. Die Rzeczpospolita hatte berichtet, polnische Staatsanwälte und Sachverständige hätten bei Feinuntersuchungen der Trümmer Reste von TNT und Nitroglyzerin an 30 Sitzen und an der Verbindung zwischen Rumpf und Flügeln nachgewiesen. Das gab Spekulationen neue Nahrung, bei dem Absturz könnte es Manipulationen von dritter Seite gegeben haben.

Am 10. April 2010 war ein polnisches Regierungsflugzeug mit hochrangigen Militärs, Politikern und Geistlichen sowie dem Präsidenten Lech Kaczyński und seiner Frau Maria an Bord im Landeanflug auf den Smolensker Militärflughafen verunglückt. Keine der 96 Personen überlebte die Katastrophe. Ziel der Delegation war eine Gedenkfeier in Katyn, wo der sowjetische NKWD 1940 tausende polnische Offiziere und Intellektuelle ermordet hatte.

Internationale Untersuchungskommission gefordert

Bereits seit Anfang Oktober sind polnische Experten an der Unglücksstelle dabei, weiteren Aufschluß über den Hergang der Katastrophe zu bekommen. Die Sachverständigen haben im Boden weitere Fragmente des Flugzeuges entdeckt und gesichert.

Unterdessen forderte die Tochter des verunglückten Staatsoberhauptes die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission. „Die Informationen darüber, daß es am Wrack der Tupolew Spuren von Sprengstoff geben könnte, decken sich mit den Ergebnissen der Expertenkonferenz vom 22. Oktober“, schrieb Marta Kaczyńska in einer Erklärung vom Mittwoch.

Die Expertenkonferenz, an der neben dem Bruder des Präsidenten und PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński auch der Chef der parlamentarischen Untersuchungskommission Antoni Macierewicz teilnahmen, kam zu dem Ergebnis, das die einzig logische Erklärung für den Absturz eine zumindest punktuelle Explosion sein könne. Die Experten berufen sich dabei auf Analysen der Zerstörungen an den Wrackteilen.

„Fakt ist, daß der Vorhang aus Lügen schon beiseitegeschoben ist“, so Kaczyńska. Nach ihrer Ansicht gelte es zu fragen, „ob da nur Pechvögel am Werk waren oder Funktionäre, die jemandes Aufträge ausführen“.

Der ungeklärte Absturz vergiftet die politische Kultur bis heute

Der bis heute ungeklärte Absturz der Präsidentenmaschine wühlt das politische Warschau noch immer auf. Während Jarosław Kaczyński dabeiblieb, daß es sich bei dem Absturz um einen Anschlag hält („wahrscheinlich ein Verbrechen“), sprach der Vorsitzende der regierenden Parlamentsfraktion Rafał Grupiński dem PiS-Chef die Existenzberechtigung ab.

„In der eingetretenen Situation, aus Rücksicht auf den guten Namen“ der Rzeczpospolita stellte deren Chefredakteur Tomasz Wróblewski am Donnerstag seinen Posten zur Verfügung. Hintergrund ist offenbar die voreilige Meldung auf der Titelseite der konservativen Tageszeitung, an den Trümmern der Tupolew sei Sprengstoff nachgewiesen worden. (ru)

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