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Arabische Revolution
 

Libysches Bürgerkriegstagebuch XXIII

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Auftrumpfen, aber nur im eigenen Viertel – Gaddafi-Anhänger in Al Kufrah
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Tullab: Rebellen-Anhänger verbrennen grüne Staatsflaggen der Nachbarn Fotos: Billy Six

Tullab, 19. August 2011

Libyens Ende. Rein geografisch. Südlicher als in Tullab, einer der vier Kufrah-Oasen, wohnt niemand mehr. Nicht mal die faustgroßen Skorpione. Am Rande der weiten Wüste scheint die Zeit stehengeblieben. Die Zufahrtstraße ist so verwittert, daß Geländewagen lieber durch den Sand preschen. Und ausgerechnet hier weht sie noch: die grüne Flagge Muammar al Gaddafis.

In Kufrah ist man sich nicht grün

Das mit gleich mehreren Staatsfahnen geschmückte Einfamilienhaus ist nicht mehr als ein einfacher Steinbau mit Holzbrettverschlägen. Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven leben darin – aber zugehörig fühlen sie sich dem arabischen Sway-Klan. Plötzlich: das Quietschen einer Tür. Vier Frauen und drei Mädchen treten nach draußen. „Allah, Muammar, Libyen – sonst nichts“, skandieren sie, die Fauste gen Himmel gereckt. Beinahe witzig. Doch plötzlich greifen sie nach Steinen. Das Gekreische und der Hagel an Wurfgeschossen und Dreck kann nur eines bedeuten: Westliche Ausländer mag man hier offenbar nicht besonders. Schon längst auf dem Rückweg haben auch noch die Männer des Hauses die Verfolgung aufgenommen. Wieso man ihre Frauen belästige, ereifern sie sich. Rebellen klären die Situation. „Wir können gegen solche Menschen nichts machen“, sagen sie anschließend. „Sie sind nun mal unsere Brüder.“

Den Pro-Gaddafi-Parolen an einigen Mauern in der Hauptoase Juhf nach zu urteilen, spielen noch ganz andere Beweggründe eine Rolle: Ein Teil der sonst erklärtermaßen aufmüpfigen Oasen-Bevölkerung ist gegen die Rebellion. Vielleicht auch nur, um sich von verfeindeten Familien abzugrenzen. Aber genügend Sprengstoff ist das allemal. Viele der Sklaven-Nachfahren hielten Gaddafi für ihren Befreier, ist zu vernehmen. Tatsächlich waren es die Italiener, die ab 1911 dem Menschenhandel durch die arabischen Sway und den kaffeebraunen Tobou ein Ende bereiteten. 

„Tabuhr Hams“, die „Fünfte Kolonne“, so nennen die Rebellen im gesamten Osten Libyens die heimlichen Helfer des Regimes. Sie seien verantwortlich für den Bombenanschlag aufs Tibesty Hotel in Bengasi oder die Raketenangriffe auf General Szagar Adam in Tobruk vor einigen Wochen. Aber sind es wirklich nur skrupellose Schläfer oder durchgedrehte Wüsten-Fanatiker?

Frust, aber keine Aktivität

Nahe einer verfallenen Mangofarm wohnen mehrere Angehörige des weißen Sway-Klans. „Wir hatten Geld, Klimaanlagen, kaltes Wasser und gutes Essen – aber seit Februar haben wir nichts mehr“, regen sie sich auf. Die Posten bei Polizei und Feuerwehr hätten sie verloren, als sich alles änderte. „Die Rebellen sind doch Räuber“, meinen die Männer und kritisieren die Demontage technischer Geräte aus öffentlichen Gebäuden und Firmenanlagen. Sie seien schuld am Kollaps der Stromversorgung in der südöstlichen Wüste. „Wenn unsere neuen Möchtegern-Herren sich weiterhin mit Drogen und Alkohol volllaufen lassen und wahllos in der Gegend rumschießen, fließt hier bald Blut.“ Große Töne für eine Verlierertruppe.

Ein anderer ist da weitaus ruhiger: Der Chef der nun verbotenen „Revolutionslegion“ des Muammar Gaddafi sitzt vor seinem großen Haus im Juhf-Stadtteil „Sawijah-Harah Tobou“. Jummah Mali al Tobawieh, Angehöriger der doch eigentlich unterdrückten Tobou-Minderheit, ist ein älterer Mann in weißer arabischer Tracht. Beinahe ein Zwerg. Kaum zu glauben, daß bis heute noch alle Angst vor ihm haben. Selbst Rebellenvertreter verbeugen sich ehrfürchtig. Früher habe er nicht wenige mit seinen Berichten hinter Schloß und Riegel gebracht, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Ein junger „Legionär“ erscheint, um Mimik und Gestik des Chefs zu erläutern. „Die Nato richtet einen Genozid in Libyen an. Warum tötet Ihr unsere Kinder?“, fragt er anklagend. Der junge Mann mit Namen Hamed Tschaimy hat Schweißperlen auf der Stirn, die Augen quellen hervor. Zeigefinger gen Himmel. Jummah Mali grinst zufrieden. Alle Erzählungen, Gaddafi führe einen Krieg gegen das eigene Volk, wischt er beiseite. „Macht doch eine freie Wahl – der Revolutionsführer wird jedes Ergebnis akzeptieren“, meint er entschlossen. Die Rebellion sei von außen gesteuert. Es gehe um die Reichtümer Libyens und die Aufweichung der starken islamischen Kultur zugunsten des „dekadenten Kapitalismus“.

Die gestellten Fragen werden nicht einmal beantwortet. Gegenfragen und Parolen. Aber immerhin eines wird deutlich unter der glühenden Sonne der Sahara: Wenn es selbst hier, im Rebellengebiet, noch so viele Befürworter des Diktators gibt – um wie viel stärker dürfte seine Position dann in den „grünen Wuesten-Hochburgen“ von Sirt und Sabha sein? Darüber können auch die jüngst verkündeten Erfolge der Rebellen nicht hinwegtäuschen: Die nun für erobert erklärten Städte Sawijah, Suara, Garjan (Tripolitanien), Mursuk (Fessan) und Brega (Cyrenaika) waren schon einmal in ihrer Hand. Damals, Ende Februar 2011, als alles begann.

Eine Überraschung hat der junge Gaddafi-Eiferer Hamed Tschaimy dann doch noch zu bieten: „Ihr Deutsche seid gut, Ihr führt keinen Krieg gegen uns. Aber Briten und Franzosen – wir hassen sie so sehr!“ Er verzerrt das Gesicht: „Am liebsten würde ich mich dort in die Luft sprengen.“       

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