Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Zusammenprall der Kulturen

Das Foto erregt seine Aufmerksamkeit. Einer der Männer mit Kopfbedeckung, etwa um die 50 Jahre alt, winkt. Der Blick ist mürrisch und mißtrauisch. Er will es sehen, das Foto von ihm vor seinem arabischen Lebensmittelgeschäft. In seinem Viertel: Nørrebro („Nördliche Brücke“), ein Stadtteil von Kopenhagen, so berühmt wie berüchtigt. Er will noch mehr. „Löschen“, fordert er scharf. Der Mann greift zu seinem Mobiltelefon, murmelt etwas, das nicht freundlich klingt.

Nørrebro sollte ein Vorzeigeviertel der dänischen Hauptstadt sein, das funktionierende Leben eines skandinavischen Volkes unter einer Vielzahl von Völkern veranschaulichen. Der Traum von Anhängern multikultureller Gesellschaftsformen: In Nørrebro ist er ausgeträumt, einem bösen Erwachen gewichen. Mittlerweile droht er vielmehr zu einem Alptraum zu mutieren: Schießereien, Drogenhandel, Bandenkriege und Gewalt. In Nørrebro, einst als alternatives Viertel angepriesen, regiert heute das Gesetz des Stärkeren, das Gesetz der Straße. Kein Love and Peace. Fressen oder gefressen werden, könnte das Motto des Kopenhagener Problemviertels inzwischen lauten.

„Multikulti?“ Niklas Johansen muß lachen. Mit seinem nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar, seinem leger-weißen T-Shirt und seiner auf den Rücken geschnallten Violine wäre der 19 Jahre alte Abiturient in einem alternativ-multikulturell geprägten Stadtteil ein eher unauffälliger Bewohner. Aber nicht in Nørrebro. Hier ist er ein Fremder. „90 Prozent der Leute sind Moslems“, sagt er. Demnächst möchte er studieren, Musikwissenschaft, an der Royal Music Academy von Kopenhagen. In Nørrebro will er nicht wohnen, meint er bestimmt.

Niklas Johansen hat keine Angst, hält manche Medienberichte über Kopenhagens Problemviertel gar für übertrieben. „Man kann da tagsüber durchaus hingehen“, relativiert er insbesondere die Warnungen des britischen Außenministeriums, das im Frühjahr die Gegend für seine Staatsbürger als No-go Area deklarierte. „Ab und zu testet da mal jemand seine neue Waffe aus“, fügt er dann aber plötzlich an. Er sagt das so normal, als würde jemand auf dem Hinterhof eines Mehrfamilienhauses seinen neuen Lederball beim Torwandschießen ausprobieren.

Hells Angels kämpfen gegen muslimische Jugendbanden

In der Nacht jedoch würde auch er nur ungern durch das Viertel gehen. „Dann wird es gefährlicher“, schildert er. Brände, Morde, Schlägereien, das alles geschehe vorzugsweise, wenn es draußen dunkel ist. Hells Angels und muslimische Banden liefern sich erbitterte Schlachten, tragen ihre Scharmützel mit Messern und Schußwaffen aus „Es geht um Respekt“, meint der Schüler – darum, wer in der Gegend das Sagen hat.

In der Kopenhagener Innenstadt ist die dänische Welt dagegen noch in Ordnung. Man flaniert durch die Fußgängerzonen, schlendert über den Marktplatz, vergnügt sich im attraktiven Stadtpark, dem Tivoli. Aber zwischen den Kopenhagener Seen endet die Idylle: auf der Dronning Louises Bro, dem letzten Außenposten einer touristischen Heile-Welt-Szenerie.

Die Abendsonne malt bereits erste Schatten auf die Nørrebrogade, die jenseits der Brücke verlaufende Hauptstraße von Nørrebro. Immer tiefer führt der Weg in eine andere Welt, weg von der schmucken Innenstadt. Die Schatten werden länger, die Blicke mürrischer, mißtrauischer. Fremde werden mit Argwohn beäugt.

Eine Jugendgruppe versammelt sich vor einem Café: Stimmengewirr, vermutlich in arabischer Sprache. Zehn oder zwölf Leute. „Ich würde da zügig weitergehen und Blickkontakt vermeiden“, rät Niklas Johansen. Beim Vorbeigehen verstummt die Gruppe. Alle Augen sind auf den europäischen Passanten gerichtet. Frostiges Schweigen. Ausdruckslose Mienen im Zwielicht der untergehenden Abendsonne.

Das Straßenbild wird von arabischen Läden dominiert, zumeist Cafés und Lebensmittelgeschäfte. Männer mit muslimischer Kopfbedeckung sitzen davor. Sie beobachten das Geschehen auf der Straße. Sie sehen den überfüllten Linienbus, der Richtung Innenstadt fährt, raus aus Nørrebro. Es wirkt fast wie eine Flucht: raus aus dem Stadtteil, raus, bevor es dunkel wird. Die Sonne ist jetzt hinter den zahlreichen heruntergekommenen und mit Graffiti übersäten Häuserwänden verschwunden. In den Wohnungen werden Rollos heruntergelassen, Vorhänge zugezogen. Nur noch wenige Passanten sind unterwegs. Schnellen Schrittes eilen sie in ihre Wohnungen, oder in Richtung Brücke, den Übergang in Kopenhagens heile Welt. Ein paar Häuserblocks entfernt ertönt der Klang einer Polizeisirene – wieder mal.

„Hippie-Republik“ soll normaler Stadtteil werden

Ein ganz anderes Bild dagegen herrscht in Christianshavn. Der südöstlich der Innenstadt und damit auf der entgegengesetzten Seite zu Nørrebro gelegene Stadtteil befindet sich auf einer künstlichen Insel. Blühende alte Baumbestände schmücken das Eiland, das von einem See umgeben ist. Schilfgras wuchert an den Ufern. Kleine Trampelpfade schlängeln sich durch das grüne Gras ins Inselinnere: zur Freistadt Christiania – da, wo die Blumenkinder wohnen. Keine Gewalt, keine mißtrauischen Blicke. Christiania ist eine alternative Wohnsiedlung auf einem 34 Hektar großen ehemaligen Militärgelände.

1971 von Hausbesetzern in Beschlag genommen, entwickelte sich der Ort zu einem Mekka für Hippies, Aussteiger, Anarchisten und Lebenskünstler. Weil Räumungsversuche scheiterten, wurde Christiania zum sozialen Experiment erklärt – ein Ort, in dem es keine Polizei gibt. Ihre Bewohner betrachten ihn als Freistadt, die sich selbst verwaltet. Vier eiserne Regeln hat man sich auferlegt: keine Gewalt, keine harten Drogen, keine Rockerwesten mit Klubabzeichen und keine Waffen in Christiania.

Rund 800 Menschen leben hier – in schiefen Häusern, zwischen tibetischen Gebetsräumen, buntbemalten Wänden und exotischen Schmuckständen. Stechender Marihuana-Geruch steigt einem in die Nase: „weiche“ Drogen, die ohne Probleme verkauft werden. Man hört indische Musik, den Joint in der einen, die Cola-Büchse in der anderen Hand. Glasige Blicke. Desinteressiert, andere kaum wahrnehmend. Man entschuldigt sich gleich zweimal, wenn man jemanden versehentlich angerempelt hat: keine Gewalt.

An den Parkbänken der Wanderwege bekommt der Garten Eden erste Risse. Müll stapelt sich im Gras. Drogentüten werden vom Wind rings um die Bänke umhergewirbelt. 38 Jahre lang waren Drogenhändler und Hausbesetzer von der dänischen Regierung toleriert worden. Jetzt soll damit Schluß sein. Inzwischen existiert ein Gerichtsbeschluß, wonach dem dänischen Staat das volle Nutzungsrecht über das Gelände zusteht. Die Hippie-Republik soll in einen normalen Stadtteil verwandelt werden – ein Vorhaben, bei dem sich zeigen wird, wie friedliebend die Bewohner wirklich sind. Vor zwei Jahren kam es bereits nach einer Polizei-Razzia gegen die Drogenhändler zu schweren Krawallen. Die Entfernung der Hausbesetzer sowie der bevorstehende Klimagipfel im Dezember dürften jede Menge Munition für weitere Ausschreitungen bieten.

Fotos: Alternativen-Hochburg Christiania: Längst keine heile Welt mehr, Multikulti-Stadtteil Nørrebro: An den Realitäten gescheitert?; Autonomen-Demo im Stadtteil Nørrebro: Hausbesetzerszene; Regenbogenfahne am Rathausplatz: Alternativen gescheitert?

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