Von der Bundeswehr verheizt

Die Hände zittern. Enttäuschung schwingt in den Worten von Heinz Dankenbring mit. Und Frust. Mehr als 50 Jahre sind vergangen, seit der 73jährige geschworen hatte, seinem Land treu zu dienen und sein Leben für die Bundesrepublik Deutschland einzusetzen. Heute fühlt sich der Hauptmann a. D. vom Staat „verheizt“.  Nicht, weil er bereits im Kindesalter von neun Jahren die Leichenberge mit ansehen mußte, als im Februar 1945 die alliierten Bomben seine Heimatstadt Dresden zerstörten. Auch nicht, weil er am 17. Juni 1953 miterleben mußte, wie der Volksaufstand gegen das DDR-Regime niedergeschlagen wurde.

Es war etwas, was man nicht sehen, nicht riechen oder schmecken konnte. Heinz Dankenbring meint Strahlen, wenn er vom Verheizen spricht: Röntgenstrahlung, radioaktive Strahlung. „Komm, hau ab“, hatte ihm sein Vater nach dem 17. Juni geraten – ab in den Westen. Über Berlin gelang Dankenbring die Flucht. Drei Jahre später bewirbt er sich bei der gerade gegründeten Bundeswehr. Er wird Radarsoldat, zunächst im schleswig-holsteinischen Uetersen, später im bayerischen Kaufbeuren. Als Techniker ist er für die Wartung und Instandsetzung der Luftraumüberwachungsanlagen zuständig. Von schädlichen Nebenwirkungen durch die Strahlen ahnte Dankenbring damals nichts – wie auch? Die Bundeswehr habe stets betont, daß die Arbeit an den Geräten unbedenklich ist, erzählt er. Aber: „Was sollten die uns damals auch anderes sagen? Sie brauchten Personal für die Anlagen. Niemand hätte sich doch beworben, wenn die gesundheitlichen Risiken bekannt gewesen wären“, ist Dankenbring heute überzeugt.  Schon im August 1958 habe die Post nach einer Messung auf hohe gesundheitliche Risiken hingewiesen und Bleiabschirmungen gefordert. Vergeblich. Einen Monat später erließ die Bundeswehr eine Dienstvorschrift, die Bestimmungen für die Verhinderung von Strahlenschäden enthielt. Doch konkrete Schutzmaßnahmen seien nicht getroffen worden.

Dankenbring bekommt immer wieder Schweißausbrüche, begleitet von Brechreiz. 1969 fragt er sich schließlich: Kann das vom Radar kommen? Die Bundeswehr verneint. Dankenbring leidet inzwischen unter starkem Haarausfall. „Ganze Büschel habe ich verloren“, sagt er. Hautkrebs kam hinzu. Und zitternde Hände. Schließlich stellt ein Epidemiologe fest: „Bei Herrn Dankenbring ist durch die Tätigkeit bei der Bundeswehr eine starke Verstrahlung mit Röntgenstrahlen, mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern, mit Radarstrahlen und mit niedrigfrequenten elektromagnetischen Feldern gegeben.“ Die Folgen der Tätigkeit seien eine Schädigung von Magen und Speiseröhre, Krebs, eine dauernde Schädigung der Haut sowie ein Samenschaden.

1970 seien erste Schutzmaßnahmen getroffen worden, erklärt Dankenbring. Doch erst 1980 waren die Sicherheitsvorkehrungen für das Personal ausreichend genug, um es vor Beeinträchtigungen zu schützen. Neun Jahre später schied Dankenbring aus der Bundeswehr aus. Als Ruheständler ging er von jetzt an seinem Fall intensiver nach, klagte gegen seinen früheren Arbeitgeber, der ihn nicht hinreichend schützte und ihn über die Gefahren im unklaren gelassen hatte.

Sie müssen das nachweisen, hatte ihm der Richter damals gesagt. Das Gericht hatte Dankenbrings Sanitätsakte für den Zeitraum von 1956 bis 1968 angefordert. Doch die Bundeswehr teilte mit, daß die Akte bedauerlicherweise verlorengegangen sei. „Damit war der Prozeß erledigt“, sagt Dankenbring in bitterem Ton. Viele seiner einstigen Kameraden waren wie er als Radarsoldaten beschäftigt. Viele von ihnen sind gestorben, deutschlandweit sind es Hunderte. Heinz Dankenbring ist noch da und kämpft weiter – mit zitternder Hand. Im Jahr 2001 schlossen sich die Opfer zum Bund zur Unterstützung Radargeschädigter zusammen. Gemeinsam planten sie einen Hungerstreik vor dem Kanzleramt. „Da kamen uns die Politiker plötzlich entgegen“, sagt Dankenbring. „Durch die Blume“ habe man ihnen signalisiert: Wir helfen Ihnen. Eine Expertenkommission wurde gebildet, die zu entlarvenden Ergebnissen kam.

 „Die der Kommission vorgelegten Unterlagen zeigen bezüglich Anzahl und Qualität der durchgeführten und dokumentierten Messungen sowohl bei der Bundeswehr als auch der NVA ein sehr unterschiedliches, in weiten Teilen unbefriedigendes Bild.“ Und: „Die Bundeswehr hat der Expertenkommission nicht immer korrekte Meßwerte vorgetragen“, wodurch es teilweise negative Empfehlungen für die Opfer gegeben habe: Viele erhielten keine Entschädigungszahlungen. Nur rund 750 von 3.500 Geschädigtenanträgen sind bisher vor Gericht positiv beschieden worden.

Heinz Dankenbring hatte Erfolg. Die Bundeswehr zahlt ihm heute eine bescheidene Geschädigtenrente von monatlich 300 Euro. Derzeit klagt der Pensionär auf Schmerzensgeld. Weil die Gegenseite immer wieder in Berufung ging, ist sein Fall jetzt beim Bundesgerichtshof  gelandet. „Aber um hier weiter klagen zu können, fehlt mir das Geld“, verrät er sein Dilemma. Erst kürzlich hat er einen Spendenaufruf gestartet. Bis zum 6. April muß er sich entschieden haben, ob er weiter klagen will. „Die Politiker haben uns das Blaue vom Himmel versprochen. Aber gehalten haben sie nichts“, beklagt er. Und fügt frustriert an: „Ich war einst stolz, Offizier zu sein. Heute bin ich es nicht mehr.“

Foto: Radarsoldat Heinz Dankenbring: Von den Strahlen der Luftraumüberwachung gezeichnet

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