Joachim Kuhs

 

Sowjetopfer stören ein Filmfestival

Zum 62. Mal stand das schweizerische Locarno im Zeichen des Leoparden. Schwarze Flecken mit gelbem Hintergrund zierten Hausfassaden, Fahrzeuge und Souvenirs. Alles lud aufdringlich in die Kinos ein. Die meisten Wegweiser führten aber zur zentralen Piazza Grande, die von einer 30 Meter breiten Leinwand versperrt wurde. Davor drängten sich 8.000 schwarz-gelbe Stühle, die während des Internationalen Filmfestivals jeden Abend voll besetzt waren. Bis zum 15. August wurden fast 400 Filme gezeigt, 18 Werke aus 14 Ländern wetteiferten um die Trophäe des Festivals: einen Leoparden, gegossen in Gold, Silber und Bronze.

„Waida? Was ist das?“ wunderte sich am anderen Ende der Telefonleitung eine italienischsprachige Frauenstimme. „Ein polnischer Regisseur in unserem Kino, sagen sie? Nie von ihm gehört.“ Am 10. August sollten im La Sala, einem Kino am Stadtrand, zwei Filme von Andrzej Wajda gezeigt werden: „Katyń“ (JF 41/07) und sein neuestes Werk „Tatarak“. Der 83jährige Oscar-Preisträger wolle persönlich dabei sein, meldete die Tessiner Zeitung. Ein Besuch des Pressezentrums des Festivals brachte ebenfalls wenig. Immerhin war dort der Name Wajda bekannt, ungewiß blieb, ob er tatsächlich nach Locarno kommt. Erst kurz vor der „Katyń“-Aufführung im La Sala war zu erfahren, daß Wajda dem Festival ferngeblieben sei. Aus „gesundheitlichen Gründen“, hieß es später. Oder vielleicht aus Protest?

Im Meer von Plakaten, Prospekten und Postkarten rund um das renommierte Festival ließ sich nur mühsam ein Kärtchen mit dem Schriftzug „Tribute to Wajda. Andrzej Wajda master school of film directing“ herausfischen. Die Ursache für diese zurückhaltende Werbung war sein Film „Katyń“. Dieser dreht sich um den 1940 von den Sowjets verübten Massenmord an polnischen Offizieren in einem Wald bei Katyń. Am 3. August titelte das Giornale del Festival mit Wajda und der euphorischem Schlagzeile „Zum kleinen Festival kommt ein großer Regisseur“.

Am 11. August klang es dann ganz anders: „Wenn der Leopard brüllt, meckern die Schafe“, schrieb der Zeitungskolumnist Claudio Mésoniat. Es ging nicht mehr um eine Symbolfigur des Filmfestivals, sondern um eine mutmaßliche Drohung aus Moskau. Die Organisatoren des Festivals hätten sich der Zensur von „Putins Rußland“ gebeugt, sie hätten alles unternommen, um Waj­das Auftritt so klein wie möglich zu halten. Offenbar mit Erfolg: Sein „Katyń“ wurde nicht auf der Riesenleinwand der Piazza Grande gezeigt, die Pressekonferenzen und Begegnungen mit dem Publikum wurden „vergessen“, die Werbung auf ein Plakat reduziert.

Warum „Katyń“ für den Westen derart unbequem ist, erklärte im Giornale del Popolo ein Ex-Mitglied der italienschen KP, Ferdinando Adornato: Wajda streue Salz in die frische Wunde. Das verursache eine „physiologische Reaktion“. Aber bei wem?

Wenige Kriegsfilme wurde in Locarno gezeigt. Nur „Katyń“ handelte vom Zweiten Weltkrieg. Am 10. August erschien im Kino La Sala eine hochkarätige Delegation aus Bern, angeführt von der Schweizer Bundesrätin und Außenministerin Micheline Calmy-Rey. Die Sozialistin eröffnete eine Diskussion anläßlich des 60. Jahrestages der Genfer Konvention. Diese wurde mit dem Dokumentarfilm des Bosniers Zijad Ibrahimović, „Custodi di Guerra“ (Wächter des Krieges), illustriert.

Obwohl der Streifen vom Balkankrieg handelte, spürte seltsamerweise niemand das Salz in den viel frischeren Kriegswunden. Im Gegenteil: Als „sensibel und bewegend“ charakterisierte Calmy-Rey den Film; ein Dokument, welches das „Leiden zu messen erlaube“, so Paolo Bernasconi vom Roten Kreuz.

Das Festival halte die Begriffe Courage und Freiheit hoch und biete gern ein Forum für Veranstaltungen zur Genfer Konvention, meinte Festivalpräsident Marco Solari.

Vier Stunden später wurde an gleicher Stelle „Katyń“ gezeigt, mit all seinen etwa 22.000 offenbar weniger wichtigen polnischen Opfern. Die hohen Gäste hatten sich da schon lange in Sicherheit gebracht – vor der befürchteten „physiologischen Reaktion“ aus Moskau?         

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