LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Die zweite Front

Schnell, geplant und aus dem Hinterhalt gingen 10 bis 15 Vermummte in der Nacht auf den 4. Dezember gegen die Polizeiwache in der Hamburger Lerchenstraße vor. Es ist der schwerste Anschlag der vergangenen Jahre. Eine Polizistin wurde mit Hilferufen aus dem Gebäude gelockt und von den Angreifern aus Verstecken heraus mit einem Steinhagel eingedeckt. Anschließend zündeten die Täter zwei Streifenwagen an und zerschlugen Fenster der Wache mit Steinen. Aufgrund der Heimtücke und massiven Gewalt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen versuchten Totschlags. Der Staatsschutz hat sich eingeschaltet. Daß niemand ernsthaft verletzt wurde, bleibt angesichts der Brutalität ein Zufall. Eine Großfahndung im für Unruhen und Gewalt gegen Polizisten bekannten angrenzenden Schanzenviertel verlief ergebnislos.

Gewalt gegen Polizei, politisch Andersdenkende sowie Unruhen im Umfeld von Demonstrationen sind in dem einstigen Arbeiterquartier zwar seit Jahren regelmäßig zu beobachten. Der offenbar gut vorbereitete Sturm auf eine Wache ohne erkennbaren Anlaß ist dagegen neu. Der Prozeß der „Gentrifizierung“, sprich der Zuzug Wohlhabender in das angesagt „alternative“ Quartier, reicht gewaltbereiten Linken als Anlaß für Ausschreitungen. Weil Preise und Mieten steigen, kassieren Gäste schickerer Gastronomie schon mal Schläge und bekommen den Frust der „Autonomen“ ab. Ein von diesen als Kulturzentrum ausgegebenes, abbruchreifes einstiges Theater, die „Rote Flora“, bildet immer wieder Ausgangs- und traurigen Endpunkt von illegalen Aktionen und Gewalt im Viertel. Die wenigen Hinweise, die sich aus einem Bekennerschreiben zum Angriff auf die Wache ergeben, verweisen einmal mehr auf die „Rote Flora“.

Das Schreiben, das der Polizei vorliegt, bezieht sich ansonsten auf einen Vorfall in Griechenland – den Tod eines 15jährigen, der vor einem Jahr durch eine Polizeikugel starb. Dennoch versuchen die „Kapuzenträger“, die sich auf Griechisch „Koukoulofori“ nennen, in ihrem Tatbekenntnis einen dünnen Argumentationsfaden Richtung deutscher Polizei zu knüpfen. Von „Mißhandlungen“ und „rassistischem Terror“ seitens der Wache ist die Rede.

Während die Ermittler nach wie vor nach Verdächtigen suchen, halten neue Brandanschläge die Stadt in Atem. Vergangenes Wochenende brannten wieder Dienstfahrzeuge, diesmal im hafennahen und bisher vergleichsweise ruhigen, da von Gewerbe geprägten Stadtteil Hammerbrook. Zwei Autos des Zolls brannten aus. Es waren Zivilfahrzeuge, die anhand der Nummernschilder als Behördenwagen zu identifizieren waren, so die Polizei. Auch diesmal gehen Ermittler von Brandstiftung aus. Einen Zusammenhang zu den Attacken der Vorwoche konnte die Polizei bis Redaktionsschluß nicht ermitteln. Ob es sich um Trittbrettfahrer oder politisch motivierte Folgetaten handelt, bleibt noch zu klären. Die nächtlichen Brände weiten sich jedoch aus – unabhängig vom Motiv. Sogar in umliegenden Gemeinden hat die Polizei mit Brandserien zu kämpfen – ob im ländlichen Lüneburg oder Trappenkamp, Altpapier- und Müllcontainer brennen, in Trappenkamp gleich dreimal, Tatzeit wieder nachts, wieder ein Donnerstag. Die Grenze zwischen krimineller Brandstiftung und mehr oder weniger linksextrem politischer beziehungsweise einem linken Milieu zuordbaren Feuerattacken verschwimmt. Je mehr Taten, desto mehr Arbeit für die Ermittler. Konnte die Polizei der Hansestadt bei früheren Brandserien noch Verdächtige festnehmen, fällt ihr dies nun schwerer. Mangels Täter überlegen Kriminologen, was sie per Ferndiagnose zum Psychogramm der Feuerleger beitragen können. Von viel Emotion, wenig gesellschaftlich oder politisch konkretem Unterbau und einem klaren Feindbild Polizei ist in solchen Analysen die Rede.

Begonnen hatten die Brandsatz-Attacken auf Autos in Hamburg im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen den G8-Gipfel, das Treffen führender Wirtschaftsnationen in Heiligendamm 2005. Danach wurden Autos von Politikern und Führungskräften aus Wirtschaft und Medien zerstört. Inzwischen richten Feuerleger ihren Haß nächtlich gegen jedermann: Mitte November brannten ein Kleinbus und ein Wohnmobil aus. Die Polizei geht daher davon aus, daß Trittbrettfahrer die ursprünglich politisch begründete Gewalt nachahmen. Es brennen weiterhin auch Autos beispielsweise von Werbeagenturen, ein Wettbewerb um die Straßenhoheit zeichnet sich ab: Autonome haben eine Hemmschwelle dauerhaft eingerissen, legen in Konkurrenz zu sogenannten „Erlebnisorientierten“, sprich Jugendlichen, die das Feuer ohne Risiko lockt, Brandsätze auf Reifen und hinter eingeschlagene Scheiben.

Der schwarz-grüne Senat gerät unter Druck: Die Hamburger Kriminalitätsstatistik dokumentiert seit 2007 einen deutlichen Anstieg bei den einzelnen Brandstiftungsdelikten. Allein 2008 brannten 108 Fahrzeuge, in diesem Jahr sind es bereits mehr als 100. Die Fälle, in denen der Staatsschutz ermittelt, tauchen in der Statistik nicht einmal auf.

Foto: Löscharbeiten nach dem Angriff auf eine Polizeiwache: Hemmschwelle dauerhaft eingerissen

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