Die Mitte schläft

Das Wehklagen über den „Werteverfall“ kann Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht nachvollziehen. „Die Gesellschaft und mit ihr die Werte waren immer einer Veränderung unterworfen.“ Deshalb könne er die Neupositionierung der CDU auf großstädtische Wählermilieus, die ehedem eher links verortet wurden, natürlich nachvollziehen. Auch verstehe er die Kritik an der „modernen Familienpolitik“ seiner Ministerkollegin Ursula von der Leyen  (CDU) überhaupt nicht, die ihm der Journalist Karl Feldmeyer vorhielt.

Der langjährige FAZ-Parlamentskorrespondent moderierte am Montag dieser Woche die Buchvorstellung des früheren brandenburgischen CDU-Vorsitzenden und Innenministers Jörg Schönbohm (72), der seine im Berliner Landt Verlag erschienenen Erinnerungen mit dem poetischen Titel „Wilde Schwermut“ (Erinnerungen eines Unpolitischen. 456 Seiten, gebunden, Abbildungen, 29,90 Euro) in der Landesvertretung Brandenburgs in Berlin vorstellte.

So geriet „der liebe Wolfgang“ in dem vermeintlichen Trio der Konservativen auf dem Podium zunehmend zum Fremdkörper. Bockig entzog er sich immer wieder den Fragen Feldmeyers, wenn es pikant zu werden drohte. Etwa wenn es um dem Gesinnungsdruck einer Political Correctness und die geistige Stickigkeit ging. Allein die Erwähnung des Namens Martin Hohmann verdüsterte sogleich die Miene Schäubles. Während sein früherer CDU-Bundesvorstandskollege Schönbohm noch entschuldigend die tragische Dynamik der hysterischen medialen Empörungsmaschinerie vorschob, steuerte er zielstrebig lieber ins Seichtere und nuschelte Anekdoten aus der gemeinsamen politischen Zeit mit seinem Freund Schönbohm ins Mikrofon.

Daß mit dessen Ausscheiden aus dem CDU-Präsidium der letzte Dinosaurier konservativer Gesinnung das Feld räumte, konnte dennoch niemandem verborgen bleiben. Selbst hinter das klare Bekenntnis zur Nation, das Schönbohm für das wiedervereinigte Deutschland einforderte – nicht nur, „um in Europa ernst genommen zu werden“, sondern auch um den Migranten und Mitteldeutschen eine gemeinsame Perspektive als Gegensatz zur Flucht in Parallelgesellschaften oder DDR-Nostalgie zu bieten –, setzte Schäuble sogleich wieder kritische Fragezeichen: „Entscheiden kann der Nationalstaat ohnehin kaum noch etwas“, war sich ausgerechnet der neue Herr über den Hunderte Milliarden Euro umfassenden deutschen Fiskus sicher.

Damit war dann spätestens jeder Widerstandswille gebrochen, und dem Publikum – neben alten politischen Weggefährten wie Rupert Scholz auch jede Menge Hauptstadtjournalisten, von denen anders als der Spiegel-Autor Jan Fleischhauer und der Historiker Michael Stürmer profilierte Intellektuelle wie Peter Scholl-Latour, Heimo Schwilk, Peter Furth oder Detlef Kühn nicht nur „aus Versehen“ konservativ geworden sind – blieb nichts anderes mehr übrig, als fatalistisch dem Buffet entgegenzufiebern, um das vollends zur großväterlichen Plauderstunde werdende Podiumsgespräch zu ertragen.

So erlitt die kritische „wilde Schwermut“, die über die Lebensbetrachtungen des Generals, früheren Heeresinspekteurs, Staatssekretärs und Innenpolitikers hinaus dem Buch Jörg Schönbohms den besonderen Reiz verleiht, an der Diskursverweigerung des zahmen Vertreters der „neuen Mitte“ Schiffbruch.

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