Der mißglückte Spagat

Kein Geringerer als der Dichter Gotthold Ephraim Lessing war es, der in den Jahren zwischen 1774 und 1778 mit der Herausgabe der „Fragmente eines Wolfenbüttelschen Ungenannten“ nicht nur einen der größten Skandale seiner Zeit, sondern auch einen Paradigmenwechsel in der deutschen Wissenschaftsgeschichte auslöste. Denn die anonym erschienenen Schriften Hermann Samuel Reimarus’ stellten mit ihrer bis dato unerhörten Bibelkritik auch den Beginn einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem Buch der Bücher dar. Erkauft hatte Lessing dies mit erheblichem Ärger mit evangelischen Gelehrten, der bis zu einem teilweisen Veröffentlichungsverbot führte. Doch immerhin – zu keinem Zeitpunkt während des Fragmentenstreits war Lessings Leben in Gefahr.

Anders stellt sich die Situation für den Islamwissenschaftler Sven Muhammed Kalisch dar. Rein rechtlich ist der Professor für Religion des Islams an der Universität Münster durch die Meinungsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre geschützt. Doch während Lessing ein in der Öffentlichkeit gefeierter Dichter und Denker war, lebt Kalisch nun unter Polizeischutz, seine Lehrveranstaltungen finden konspirativ statt, und die Studenten sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Alles, weil er im vergangenen Jahr das gleiche getan hat wie Reimarus vor einem Vierteljahrtausend – er hat gezweifelt. Nach einer kritischen Quellenanalyse kam der mit fünfzehn Jahren zum Islam konvertierte Wissenschaftler zu dem Schluß, daß Mohammed nur eine Sagengestalt sei, deren bloße Existenz eher unwahrscheinlich ist.

Pikanterweise betreute Kalisch als Islamwissenschaftler zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren ein Lieblingsprojekt integrationspolitischen Wunschdenkens in Nordrhein-Westfalen: die Ausbildung zukünftiger deutscher Islamlehrer – bisher ein einmaliger Studiengang. Hier sollte der vielbeschworene Spagat zwischen europäischen Freiheitswerten und islamischer Theokratie vollzogen werden.

Nach wütenden Protesten von Islamfunktionären scheint dieser Versuch nun gleich im Ansatz gescheitert. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) kündigte dem Freigeist die Zusammenarbeit auf, und der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) ließ Kalisch kaltstellen. Dieser behält zwar seine Professur, jedoch wird bereits in den nächsten Tagen sein Nachfolger für die Lehre bestimmt.

Diesmal hoffentlich ohne peinlichen Skandal: „Wir werden mit dem Koordinierungsrat Gespräche führen und versuchen, Einvernehmen herzustellen“, hat Pinkwart vorab verkündet und gleichzeitig gezeigt, was der FDP-Mann von der Wissenschaftsfreiheit hält. Ein direktes Mitspracherecht des KRM wie von diesem gefordert soll es laut der Universität Münster allerdings nicht geben.

Und auch die Studenten sind unzufrieden. In einem offenen Brief haben 22 der 31 angehenden Islamlehrer, die Einwandererkindern reflektierendes Denken beibringen sollen, die sofortige Ablösung Kalischs gefordert und mit Exmatrikulation gedroht. Sonst würden sie von den muslimischen Eltern nicht anerkannt werden, argumentierten sie. Wenn diese Studenten jemals ernsthaft einen Spagat versucht hatten – spätestens mit diesem Brief haben sie ihr Bein wieder fest angezogen.

„Das Berufsrisiko des Theologen besteht darin, als Ketzer verbrannt zu werden“, sagte Kalisch gegenüber der Rheinischen Post. Er selbst sieht sich noch immer als Moslem, freilich ohne den Überlieferungen eine absolute Autorität zuzuschreiben. Das macht den Islamwissenschaftler in den Augen vieler Glaubensbrüder zum Apostaten. Übrigens war auch Lessing überzeugter Christ, der wesentliche Ansichten Reimarus’ ablehnte. Er war allerdings der Überzeugung, daß der Mensch nicht bei einem bloßen Schriftglauben stehenbleiben dürfe. Die Erkenntnis des lebendigen Gottes müsse durch Vernunft und Herz geschehen, die schriftliche Offenbarung sei hier nur Hilfe.

Damit hat der Stichwortgeber heutiger Phantasten des Multikulturalismus aber gleichzeitig den Unterschied zum Islam beschrieben. Denn egal, ob Mohammed einst gelebt hat oder nicht – heute lebt er zweifelsohne nicht. Geblieben sind so nur schriftliche Legenden, an deren Gültigkeit man glauben kann – oder auch nicht.

Foto:  Islamkundler Kalisch

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