Der Hauch der Geschichte zu Besuch

Die vergangenen zwanzig Jahre haben in der Mitte Berlins tiefe Spuren hinterlassen. Dem Bahnhof Friedrichstraße etwa ist nicht mehr anzusehen, daß er einst ein schwerbewachtes Nadelöhr in den Westen war. Nur noch die kleine Abfertigungshalle, der sogenannte „Tränenpalast“, der sich nun im Schatten eines neuen Hochhauses duckt, legt noch Zeugnis von der Geschichte des Ortes ab.

Auch an den drei Männern, die weltpolitisch den Boden für diese Veränderungen bereitet haben, ist die Zeit naturgemäß nicht spurlos vorübergegangen. Davon konnten sich all jene ein Bild machen, die zusammen mit dem ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, dem früheren US-Präsidenten George Bush und Altbundeskanzler Helmut Kohl am vergangenen Sonnabend auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung in den Berliner Friedrichstadtpalast gekommen waren, um den „Sieg der Freiheit“, den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, zu feiern.

Die wenigsten der Teilnehmer, darunter viele aus der ehemaligen Ministerialbürokratie der Regierung Kohl, waren gekommen, um den kurzen „Statements“ der drei ehemaligen Staatsmänner oder der als „europapolitisch bedeutend“ gepriesenen Rede von Bundespräsident Horst Köhler zu lauschen. Angezogen hatte sie der häufig bemühte „Hauch der Geschichte“, der immer eng mit den handelnden Personen verknüpft ist und der an diesem Tag noch einmal spürbar war.

Den vitalsten Eindruck hinterließ George Bush, obwohl der 85jährige mittlerweile auf einen Stock angewiesen ist. Das Gesicht des 78 Jahre alten Gorbatschow dagegen wirkte seltsam maskenhaft – fast so, als habe sich das Unbehagen darüber, daß ihn eine Laune der Geschichte wider Willen zum Totengräber des sowjetischen Imperiums und zum Helden vieler Deutscher gemacht hat, in seine Züge gemeißelt.

Der 79jährige Helmut Kohl wiederum nährte bei den Teilnehmern die Gewißheit, daß die drei Männer, die vor zwanzig Jahren Weltgeschichte schrieben, kaum noch einmal zusammenkommen werden. Seit Anfang des Jahres sitzt Kohl nach einem „Unfall“, den viele für einen Schlaganfall halten, im Rollstuhl. Ihm war die immense Willenskraft anzumerken, deren es bedurft hatte, damit sich der „Kanzler der Einheit“ aufraffen konnte, um an den Feierlichkeiten zum Mauerfall teilzunehmen. Er gab sich bescheiden, auch wenn ihm die Freude darüber, vielleicht ein letztes Mal im Mittelpunkt zu stehen, deutlich anzusehen war. „Ich habe nichts Besseres, als stolz zu sein auf die deutsche Einheit“, sagte Kohl.

Foto: Gorbatschow, Bush und Kohl im Berliner Friedrichstadtpalast: Spuren hinterlassen

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles