Chaostruppe aus Bayern

Es gibt Sätze, da weiß man schon vor dem Punkt, daß sie gelogen sind. Ein Satz von CSU-Chef Horst Seehofer am Montag in München gehört gewiß dazu: „Ich habe nicht den geringsten Groll“, ließ der bayerische Ministerpräsident zum Fall des überraschend zurückgetretenen Wirtschaftsministers Michael Glos vernehmen. Das Gegenteil war richtig. Wenige Monate nach dem Durchmarsch des Ingolstädters an die Spitze der bayerischen Regierung und der Partei und kurz vor der für die CSU wichtigen Europawahl kann sogar Seehofer nicht mehr die Augen davor verschließen: Seine CSU ist die Chaostruppe geblieben, auch wenn die Fürther Landrätin Gabriele Pauli nicht mehr dabei ist. Oder volkstümlich gesprochen: Die Alm ist voll mit schwarzen Problembären. Ganz unabhängig von der Personalie Glos zeichnet sich bereits seit längerem ab, daß die Renaissance der CSU als Partei mit 50 Prozent plus x auf sich warten läßt. Umfragen sehen die einst erfolgsverwöhnte Partei weiter unter 50 Prozent und damit in der Nähe des enttäuschenden Ergebnisses der Landtagswahl. Die Wahl von Seehofer schien die CSU zunächst aus der Starre zu befreien. Mit Seehofer kehrte der Beißreflex gegen die CDU zurück. Die Bayern wurden über Nacht in Berlin wieder als gleichberechtigte Partner in der Großen Koalition wahrgenommen und ließen sich von Merkel nicht mehr mit einer Wurstsemmel abspeisen. Was nicht wiederkam, war die Substanz. Seehofer steht für politisch-mediale Spielchen. Er ist jederzeit bereit, Gegnern und Freunden ein Bein zu stellen und selbst auch über jedes hingehaltene Stöckchen zu springen, wenn es ihm zur Unterhaltung des Publikums passend erscheint. Er galt schon immer als nicht teamfähig, als isoliert. Aber gleichzeitig ist Seehofer jemand, der mit einem Soloauftritt einen ganzen Parteitag umdrehen kann. Die Wirtschaftskrise überdeckte einen Fehler von Seehofer. Er versuchte die in allen Ämtern gescheiterte Strauß-Tochter Monika Hohlmeier zur Spitzenkandidatin für die Europawahl zu machen, womit er die fein austarierten Europa-Hierarchien in der CSU restlos durcheinanderbrachte. Das CSU-Faß drohte beinahe überzulaufen. Parallel muß Seehofer in alter Alleinspieler-Manier vor der Bundestagswahl versucht haben, am Stuhl des unbeliebten Glos zu sägen. Mit dessen marktwirtschaftlicher Orientierung, so die innere Überzeugung des Blüm-Schülers Seehofer, ist in einer Zeit, in der alle nach dem Staat rufen, sowieso kein Staat zu machen. Sicher hätte Seehofer diese Personalie in einem kleinen Gesprächskreis zusammen mit Glos friedlich regeln können. Der 64 Jahre alte Franke hatte schon seit langem keine Freude mehr am Amt. Auch gesundheitlich soll es ihm nicht so gut gegangen sein. Die Nerven lagen blank: Auf eine Auseinandersetzung mit einem Berliner Polizisten, der ihm die Weiterfahrt verwehrte, hätte sich der sonst so besonnene Glos nie eingelassen. Mitte vergangener Woche tat er genau das und wurde zum Gespött der Zeitungen. Man merkte: Da stimmt was nicht mit Glos. Glos wäre nicht zehn Jahre lang Landesgruppenvorsitzender der CSU geblieben, wenn ihm verborgen geblieben wäre, welche Spielchen Seehofer hinter seinem Rücken trieb. Wie Glos dann mit seinem Rücktrittsgesuch den Parteivorsitzenden und Merkel überraschte und desavouierte, dürfte in die CSU-Geschichte eingehen. Was noch zu tun bleibt, ist das Einläuten des Endes der Ära Seehofer. Der hat mit Glos jetzt den letzten über 60jährigen in der CSU-Spitze weggebissen. Die Führungsfiguren sind weit unter 50, teilweise noch nicht einmal 40 Jahre alt wie der neue Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor Freiherr zu Guttenberg. Der Jung-Politiker war schon Generalsekretär, überläßt diesen Posten jetzt aber Alexander Dobrindt, der auch zur CSU-Generation 35plus gehört. Diese Generation wird Seehofers Werk gegen alle über 60 nach der Bundestagswahl, aber sicher vor der nächsten Landtagswahl vollenden. Am 4. Juli wird Seehofer selbst 60.

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