Effis Rettung

Ein Gefühl der Befreiung überkam sie. ‘Ruhe, Ruhe’.“ So stirbt Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Buch von 1895, einem der wichtigsten Gesellschaftsromane der deutschen Literaturgeschichte. Der Tod kommt als Befreier, und die Heldin folgt ihm. Durch die Eltern ohne Zustimmung verheiratet, hat sie ihr Herz an einen anderen Mann verloren, der schließlich im Duell mit dem Ehemann stirbt. Was bleibt da noch als der Gang ins Dunkel? Zahlreiche Schauspielerinnen folgten Effis Leidensweg: Marianne Hoppe (1939), Ruth Leuwerik (1955), Angelika Domröse (1968) und Hannah Schygulla (1974) – jedesmal ein Ereignis. Nun läuft, 35 Jahre nach Fassbinders letztem Versuch, erneut eine Verfilmung an. In der Titelrolle: Julia Jentsch. Diese Wahl dürfte kaum überraschen. Passen die bekanntesten Rollen der Jentsch doch exakt zu diesem Schema: junge Frau, die Wiederstand leistet, um Freiheit kämpft, zuletzt scheitert. So ergeht es ihr in „Sophie Scholl. Die letzten Tage“, „Schneeland“ (beide 2005) oder in „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004). Auch auf der Bühne zerbrechen ihre Heldinnen im tragischen Kampf: Elektra, Antigone, Desdemona, Brunhilde oder Lulu. Kritik und Publikum sind sich einig: Hier ist eine Schauspielerin am Werk, die um die Abgründe der tiefsten Verzweiflung weiß und dies zum Ausdruck bringen kann. Julia Jentsch wurde 1978 in Berlin als Tochter eines Juristenehepaars geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Danach winkte ein Engagement an den Münchner Kammerspielen, wo sie bis 2006 im Ensemble blieb. Zahlreiche Film- und Theaterpreise schmücken seitdem ihr Regal. Der Wert von klassischen Dramen liegt für Jentsch in deren überzeitlicher Bedeutung: „Bestimmte Gefühlslagen, Konflikte, in die wir geraten, und Fragen, die wir uns stellen, bleiben trotz aller Veränderung um uns herum aktuell. Die Brunhilde aus den Nibelungen treffen wir auch heute auf der Straße, nur sieht sie heute anders aus.“ Gerade die Distanz der alten Werke erleichtert ihr „den Blick in die heutige Welt“. Was für eine Perspektive auf das Heutige ermöglicht „Effi Briest“? Für Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Günther Rohrbach stecken im Roman zwei Themen von hoher Aktualität: Zwangsverheiratung und Ehrenmord. So wird der Roman Fontanes zur klassischen Version von Fatih Akins „Gegen die Wand“ (2004). Zwar ein Kostümfilm, aber nicht so korsett­eng wie seine Vorläufer, sondern durch Jane-Austen-Verfilmungen inspiriert, voll vibrierender Erotik. Das Wichtigste: Effi Briest folgt am Schluß dem Ruf des Todes nicht. Er ist nicht länger ihr Befreier, stattdessen gelangt sie zur Selbstbestimmung. Schließlich starb auch Effis Vorbild, Elisabeth von Ardenne, geborene von Plotho, erst 1952 im stolzen Alter von 98 Jahren. Da findet es Julia Jentsch nur konsequent, daß der neue Film nicht mehr „Effi Briest“, sondern nur noch „Effi“ heißt.

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