Auf unbestimmte Zeit verschoben

Wird am 9. November dieses Jahres – dem zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls –feststehen, wie das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmals auf der Berliner Schloßfreiheit aussehen wird? Oder muß die Entscheidung auf ungewisse Zeit verschoben werden? Mittlerweile spricht einiges für die zweite Variante. Denn am Dienstag vergangener Woche wurde der öffentliche Wettbewerb um die Gestaltung des Denkmals, den das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung ausgeschrieben hatte, vorzeitig beendet. Die meisten der 532 eingereichten Entwürfe konnten die aus zehn Fach- und neun Sachpreisrichtern zusammengesetzte Jury nicht überzeugen. Eine Auswahl von zwanzig Arbeiten für eine zweite Runde des Wettbewerbs war damit nicht möglich.

Kritisiert wurde von der Jury, daß viele Entwürfe den „hohen Anforderungen an dieses einzigartige Denkmal an einem historischen Ort“ in keiner Weise Rechnung getragen hätten.  Zahlreiche Arbeiten seien „naiv“, „beschämend“ und zum Teil schlichtweg „verheerend“ gewesen. Aus diesen Gründen spricht sich eine Mehrzahl der Jury-Mitglieder inzwischen dafür aus, statt des offenen Wettbewerbs nunmehr einen Einladungswettbewerb zu veranstalten, der sich nur an renommierte Künstler und Architekturbüros richten soll. 

Bei einer Reihe von bisherigen Teilnehmern hat diese Ankündigung Empörung ausgelöst. Sie verweisen darauf, daß „ein elitäres Verfahren“ den demokratischen Intentionen, auf denen die Idee des Freiheits- und Einheitsdenkmals beruhe, massiv widerspreche. Zudem gibt es Kritik an der Ausschreibung, die zu ungenau gewesen sei. So hätten sich manche Künstler gefragt, woran tatsächlich konkret erinnert werden soll, wenn die Jury nicht nur eine Symbolisierung der Friedlichen Revolution von 1989, sondern auch die Darstellung eines kompletten Traditionsstrangs bis zur bürgerlichen Revolution von 1848 wünsche. Daher müsse eine Reihe von Entwürfen zwangsläufig mangelhaft erscheinen.

Diese Auffassung wird auch von Jürgen Engert geteilt, der als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft e.V. über Jahre hinweg intensiv für die Denkmalsidee warb. Bei einem so wichtigen nationalen Projekt müsse grundsätzlich jeder zur Wettbewerbsteilnahme berechtigt sein, sagte Engert. Deshalb genüge es nicht, wenn lediglich fünf oder sechs Teilnehmer der ersten Runde bei einem neuen Wettbewerb die Chance erhielten, sich ein zweites Mal zu beteiligen.

Die Schwierigkeiten bei der Suche nach einer geeigneten Gestaltung des Freiheits- und Einheitsdenkmals zeichneten sich bereits früh ab. So war in zahlreichen öffentlichen Diskussionen darauf hingewiesen worden, daß es in der Bundesrepublik kaum ein größeres Denkmal gebe, das eine positive Erinnerung an historische Ereignisse des eigenen Landes vermittle. Die große Mehrzahl staatlicher Denkmäler und Gedenkstätten erinnert vielmehr an Krieg und Diktaturen. 

Dies zeigte sich auch in einem bereits 2007 von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veranstalteten Wettbewerb „geschichts-codes“, der die gleiche Ausrichtung wie sein abgebrochenes Pendant hatte. Damals wurden lediglich 55 Entwürfe eingereicht. Immerhin wurde von den Mitgliedern der damaligen Jury – Gabriele Basch, Ulrike Poppe, Peter Brand, Heinz-Jürgen Kristahn und Christoph Links – ein 1. Preis zu drei 3. Preisen vergeben.

Der Siegerentwurf von Bernadette Boebel von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe bestand aus einem Stahlring, der aus zwei getrennten Teilstücken bestand, die jedoch von anderen Standorten des Betrachters auch als geschlossenes Ganzes wahrgenommen werden können. Kritiker verwiesen indes neben der großen Schlichtheit auf die starke Interpretationsbedürftigkeit des Entwurfs sowie auf einen mangelnden Bezug zu den Freiheitskämpfen in der ehemaligen DDR.

Auch das Verhältnis zwischen den beiden geplanten Denkmalen in Berlin und Leipzig wirft weiterhin grundsätzliche Fragen auf. In der Stadt der Montagsdemonstrationen soll am 9. November der erste Gestaltungswettbewerb beginnen. Seitdem gibt es regelmäßig Diskussionen über die Frage, in welcher Form beide Denkmale aufeinander verweisen könnten. Bislang bleibt allerdings unklar, ob sich eine solche Absicht in der Ausschreibung zu einem weiteren Berliner oder zum ersten Leipziger Wettbewerb überhaupt wiederfinden wird.

Einig sind sich Initiatoren, Juroren und Bundesregierung momentan lediglich in der Ansicht, daß die nächsten Entscheidungen von keinem Termindruck abhängig gemacht werden sollen. Um ein wirklich von breiten Teilen der deutschen Bevölkerung angenommenes Denkmal errichten zu können, dürften auf keinen Fall qualitative Abstriche gemacht werden, betonten in der vergangenen Woche Engert, Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) übereinstimmend. 

Vor den nächsten Entscheidungen kann sich nun zunächst einmal die Öffentlichkeit ein eigenes Bild von den bisher eingereichten Entwürfen machen. Zwischen dem 6. und dem  31. Mai sind die 532 Arbeiten im Berliner Kronprinzenpalais Unter den Linden täglich von 10 bis 20 Uhr zu besichtigen.

Foto: Stahlring-Entwurf von  Bernadette Boebel aus einem früheren Wettbewerb: Alles eine Frage des Standpunktes

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