Spagat zwischen Mondlandung und Müllkippe

Bis zu den brutalen November-Anschlägen schien das 1,15-Milliarden-Land aus westlicher Sicht weitgehend ruhig. Der Konflikt mit Pakistan um Kaschmir war regional begrenzt. Ausschreitungen gegen Christen oder Sikhs wurden als lokale Ereignisse abgetan. Doch dann starben in Mumbai (Bombay) 163 Zivilisten und Sicherheitskräfte durch die Hand radikaler Islamisten (JF 50/08). Bis dahin wurde Gewalt traditionell eher gegenüber den politischen Führern ausgeübt. Sogar Meldungen über lokale Anschläge finden nun internationale Beachtung. Dem Reisenden, der sich trotz Terrorgefahr zu den Touristenattraktionen wagt, bietet sich ein verwirrendes Bild. Der Berliner Werbespruch „arm, aber sexy“ wandelt sich in Indien zu „arm, aber Handy“. Natürlich verfügt nicht jeder Bettler über eines der über 400 Millionen indischen Mobiltelefone. Verblüffend ist es aber schon, wie schnell sich eine Reisegruppe herumspricht, die einmal abseits der üblichen Besichtigungspunkte aussteigen kann, ohne gleich von Souvenirhändlern und bettelnden Kindern bedrängt zu werden. Spätestens die Rückkehr zum Bus wird zum Spießrutenlauf durch verkrüppelte Bettler, deren Zudringlichkeit von den Ramschanbietern übertroffen wird. Die Buschtrommel hat die Kunde von möglichen Touristeneinnahmen offenbar auch ohne SMS-Einsatz verbreitet. Die Kinder können bestimmt auch nicht lesen, wenn sie zur üblichen Schulzeit auf der Straße betteln müssen. Das heißt nicht, daß der Reisende keine Schüler zu Gesicht bekommt. Die national bedeutsamen Sehenswürdigkeiten, etwa der Stadtpalast des Maharadschas von Rajasthan in Jaipur, scheinen zum Pflichtprogramm für Klassenausflüge zu zählen. Adrett gekleidete Jugendliche offenbaren auf ihren uniformierten Hemden oder Kitteln den Namen ihrer Public School. Hinter dieser irreführenden Bezeichnung verbirgt sich eine Privatschule im englischen Stil, deren Besuch monatlich etwa 100 Euro kostet; für den Durchschnitts-Inder unerschwinglich. Betrieben werden die indischen Privatschulen überwiegend von christlichen Gemeinschaften, obwohl nur zwei Prozent der Inder Christen sind. Vereinzelt finden sich aber auch „Lord Krishna“-Schulen oder Bildungseinrichtungen, die auf eine muslimische Trägerschaft hindeuten. Auf dem flachen Land kann der Indien-Reisende ebenfalls Schulen entdecken, schon weil der Unterricht meistens im Freien stattfindet oder die Schulgebäude allein aus einer Überdachung bestehen. Unterrichtsteilnahme ist für die sechs- bis 14jährigen offiziell Pflicht und in den ersten fünf Jahren auch kostenlos. Spätestens danach steigt die Zahl der Schulabbrecher. Allerdings zeichnen sich die öffentlichen Schulen auch durch eine dürftige Bildungsvermittlung aus. Zudem steht der schlecht entlohnte Beruf des Lehrers in keinem hohen Ansehen, Die Folge: Mehr als ein Viertel der indischen Männer können nicht lesen und schreiben, bei den Inderinnen sogar mehr als die Hälfte. Zum Kinobesuch, der großen Leidenschaft der indischen Massen, reicht es freilich. Bei mehr als drei Stunden reiner Spielfilmlänge wird jeder Bollywood-Streifen samt Unterbrechungen zu einem nächtefüllenden Ereignis. Mit mehr als 1.000 Spielfilmproduktionen pro Jahr übersteigt die indische Filmwirtschaft ihr kalifornisches Vorbild bei weitem. Die Filme bieten die übliche Kino-Traumwelt mit einer landestypischen Beimischung von Gesang und Tanz. Ob die Massenproduktion von Illusionen als dauerhaftes Besänftigungsinstrument der indischen Massenarmut dienen kann, bleibt jedoch fraglich. Etwa die Hälfte der über eine Milliarde Inder muß mit einem Einkommen von weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Am anderen Ende der Einkommensskala wächst die Zahl der indischen Millionäre; und dazwischen die Gruppe der Bezieher mittlerer Einkommen. Die Wachstumsraten der Wirtschaft lassen seit einige Jahren Indien als Schwellenland erscheinen, das den Anschluß an die Großen der Weltwirtschaft erreichen könnte. Vor diesem Hintergrund kontrastiert das alltägliche Bild der Armut um so erschreckender. Die fast vorstadtgroßen Armutsquartiere mit den primitivsten Plastikhütten vertragen sich immer weniger mit den emporschießenden modernen Wohnvierteln. Noch mehr erschüttert der Dreck und Unrat, der vor allen in den innerstädtischen Straßen einen Fußweg zum Abenteuer macht. Mülleimer scheinen unbekannt, der Abfall landet im Rinnstein. Dort dient er den „heiligen Kühen“ (meist freigelassene, weil nicht mehr ertragreiche Milchkühe), denen der chaotische Straßenverkehr (selbst auf Autobahnen) stets ausweicht, als erste Anlaufstelle bei der Futtersuche. Die hinterlassenen Kuhfladen werden allerdings umgehend entsorgt, weil sie getrocknet ein begehrtes Brennmaterial bieten. Schneller als die Kühe sind die ebenfalls frei herumtobenden Affen und – vorwiegend nachts – die Ratten, deren stetig anwachsende Population zweifach gesichert ist: Zum einen sind auch sie als heilige Tiere geachtet, zum anderen fehlen ihre natürlichen Feinde, die Katzen, die als Unglücksbringer in Indien keine Daseinsberechtigung haben. Was vom Unrat übrigbleibt, wird von Kindern in Plastiksäcken eingesammelt, an Annahmestellen gewogen und mit ein paar Rupien entlohnt. Wieder ein Grund mehr, der Schule fernzubleiben. Zu einem Kinderreichtum bei armen indischen Eltern führt dies allerdings nicht. Den Baby-Boom verhindert schon die eklatant hohe Kindersterblichkeit. Allein 400.000 indische Kinder sterben Jahr für Jahr an Durchfall, weil die hygienische Grundversorgung fehlt. Das paßt nicht zu den Bildern, die Bollywood liefert, auch nicht zu den voreilig gepriesenen indischen Computer-Spezialisten und erst recht nicht zu indischen Mondfahrtplänen. Da ist der allgegenwärtig vorzufindende Zwiespalt von Handy-Werbung und Dreckhaufen noch erträglicher. Schon heute werden die ersten der 28 indischen Bundesstaaten kommunistisch oder islamistisch regiert. Da könnte der Ruf nach „sozialer Gerechtigkeit“ immer wahrscheinlicher und wohl zunehmend auch innerindisch militanter werden. Foto: Straßenszene in der Altstadt von Jaipur: Mülleimer scheinen unbekannt, der Abfall landet im Rinnstein

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