Politisches Tauwetter in Ostasien

Der gelbe Drache scheint Kreide gefressen zu haben. Nach Jahren militärischer Drohungen von Peking gegen Taipeh und nationalchauvinistischer Kampagnen gegen Tokio herrscht plötzlich eitel Sonnenschein. Die gemeinsame Ausbeutung der umstrittenen Erdgasfelder im Ostchinesischen Meer wurde mit Japan vereinbart. Die Klärung der umstrittenen Seegrenze der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) wurde angesichts dramatisch gestiegener Energiepreise hintangestellt. Mit der seit 1949 abtrünnigen chinesischen „Rebellenprovinz“ Taiwan wurden Direktflüge und ein millionenfacher Touristenverkehr verabredet. „Strategische Partnerschaften“ wurden mit Südkorea und Vietnam – den Kriegsgegnern von 1950/54 und 1979 – geschlossen. Eine Offensive der Freundlichkeiten vor den Olympischen Spielen, um im August zumindest aus der Nachbarschaft nur geneigte Gäste zu empfangen? Ganz sicher war die heftige westliche Kritik an der Repression in Tibet für die Pekinger Führung völlig überraschend gekommen. Dann hatte seine nationalistische Boykottkampagne gegen französische Produkte (JF 18/08) als Reaktion auf die Fackellaufproteste alles nur noch schlimmer gemacht. Erst mit dem Erdbeben von Sichuan und den Kotaus einiger EU-Außenminister in Peking gelang es, das leidige Image-Problem der „Spiele des kulturellen Völkermords“ zu überlagern. Sicher wollen die Pekinger Kommunisten die weltweite Huldigung und den Erfolg ihrer teuer erkauften Propagandaschau unbedingt. Um fast jeden Preis suchen sie jetzt ein zweites Image-Desaster zu verhindern. Schon beim Erdbeben von Sichuan mit seinen hunderttausend Toten und Millionen Obdachlosen stellte sich Peking intelligenter an als die paranoide burmesische Generalität bei der Sturmflut Nargis und bekam damit eine bessere Presse – auch wenn die Frage nach den Verantwortlichkeiten für die vielen eingestürzten Schulen und schludrig gebauten Dämme bald wieder abgewürgt werden dürfte. Die internationalen Spenden und Helferteams, die man ins Land ließ, nahmen den fremdenfeindlichen Kampagnen rechtzeitig die Spitze. Der chinesische Volkszorn sah sich durch diese Wiedergutmachung besänftigt. Doch halfen in Ostasien auch externe Umstände. In Taiwan hatte im März Ma Jing-yeou von der nationalistisch-großchinesischen Kuomintang (KMT) gegen die korruptionsgeplagte separatistische Demokratische Partei bei den Präsidentschaftswahlen einen Erdrutschsieg errungen. Ma besteht nicht auf der formalen Unabhängigkeit von Taiwan, das in den letzten hundert Jahren als ehemalige japanische Kolonie (Formosa) nur von 1945 bis 1949 direkt von Peking – eher sehr schlecht als recht – beherrscht wurde. Ma will zunächst nur die Fortsetzung des Status quo, „Respekt“, keine Zwangvereinigung und keine Androhung von Gewalt. Das kann er aus Pekinger Sicht haben, denn die Wiedervereinigung ist in ihrer Doktrin ohnehin überfällig und zwangsläufig, zumal die taiwanesische Wirtschaft mit 70.000 Firmen und 100 Milliarden Dollar Investitionen vom Festland abhängig geworden ist. So trafen sich denn auch zum ersten Mal seit 60 Jahren die beiden Parteichefs Hu Jintao und Wu Poh-hsing in Peking, und dies 80 Jahre nachdem sich Maos Kommunisten von der KMT abgespalten hatten. Jetzt geht es in den Verhandlungen um direkten Luftfracht- und Schiffsverkehr. An den Abbau der mehr als 1.000 Mittelstreckenraketen, die von der Küste von Fukien aus auf Taiwan gerichtet sind, denkt Peking freilich nicht. In Japan wurden die nationalkonservativen Regierungschefs Junichiro Koizumi und Shinzo Abe von Yasuo Fukuda abgelöst. Der 91. Premier (obwohl innenpolitisch im unaufhaltbaren Sinkflug) versucht, den prochinesischen Kurs seines Vaters Takeo Fukuda – der als 67. Regierungschef 1977 in der „Fukuda-Doktrin“ vorrangige Beziehungen Japans zu Asien verkündet hatte – mit panasiatischen Visionen wiederaufzunehmen. Beim Besuch von Präsident Hu Jintao hatte man vereinbart, die strittige AWZ-Seegrenze, die China bis zum Ende des Festlandsockels beansprucht und Japan als Median zwischen dem chinesischen Festland und seiner Okinawa-Inselgruppe reklamiert, auszuklammern. Auch die Frage der japanischen Senkaku-Inseln, die von Peking und Taipeh (Diaoyutai-Inseln) beansprucht werden, blieb außen vor. Dafür soll das von China bereits erschlossene Shirakaba/Chunxiao-Erdgasfeld mit japanischer Kapitalbeteiligung gemeinsam ausgebeutet werden. Mit geschätzten 200 Millionen Kubikmetern ist der Anreiz für die beiden energiehungrigen, rohstoffarmen Industriemächte unwiderstehlich geworden. Die gemeinsame Ausbeutung weiterer vermuteter Vorkommen in jener umstrittenen Meereszone, in der sich vor Jahresfrist noch Kriegsschiffe bedroht hatten, ist beabsichtigt. Als sicheres Zeichen von Tauwetter durfte erstmals seit Kriegsende jetzt auch ein japanischer Zerstörer in der südchinesischen Kwantung-Provinz vor Anker gehen, und im chinesischen Internet wurden die anti-japanischen Seiten unterdrückt. Während die grundsätzlichen Dispute um Seegrenzen ungelöst bleiben und der Rohstoffhunger in Ostasien zunimmt, macht China symbolische Konzessionen. Es ist dann eine offene Frage, wie lange das Tauwetter den Olympischen Sommer überlebt. Dr. Albrecht Rothacher war bis 2006 Direktor an der Asien-Europa-Stiftung (Asef) in Singapur. 2007 erschien sein Buch „Mythos Asien? Licht- und Schattenseiten einer Region im Aufbruch“ (Olzog Verlag, München) Foto: Chinesischer Präsident Hu Jintao (l.) mit japanischem Premier Fukuda: Panasiatische Visionen? www.oeaw.ac.at

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