Fortschrittsopfer auf Geisterfahrt

Am U-Bahnhof Hallesches Tor in Berlin-Kreuzberg fanden sich Anfang November 500 Demonstranten ein, um gegen wachsende Gewaltkriminalität zu protestieren. Anlaß waren die schweren Verletzungen, die am 18. Oktober einem 33jährigen zugefügt worden waren. Der Mann hatte sich gegen 0.30 Uhr von Freunden verabschiedet und die U-Bahn bestiegen. Zwei junge Männer folgten ihm. Als er die Frage, ob er homosexuell sei, bejahte, schlugen sie auf ihn ein. Am Bahnhof Hallesches Tor verließen sie den Zug. Als das Opfer nach der Polizei rief, kehrten sie um und versetzten ihm drei professionelle Schläge gegen den Kopf. Die Ärzte diagnostizierten einen doppelten und gesplitterten Kieferbruch. Er mußte operiert werden, mehrere Metallplättchen wurden ihm in den Kiefer geschraubt und das Gebiß verdrahtet. Zu der Kundgebung hatte das Schwule Überfalltelefon aufgerufen. Projektleiter Bastian Finke sagte, homosexuelle Gewaltopfer dürften „nicht länger als ‘Fortschrittsopfer’ einer falschen Politik in Kauf genommen werden“. Gerade staatliche Institutionen stünden in der Pflicht, diese Gewalt mit Nachdruck zu verurteilen und nicht „aus falscher Rücksichtnahme gegenüber Lobbygruppen, die Haßgewalt gegen die sexuelle Orientierung nur unter Bedingungen verhandeln wollen, oder Interessengruppen, beispielsweise Religionsgemeinschaften, die Homosexualität weiterhin als ‘Sünde’ erklären — die Augen zu verschließen“. Der Überfall sei nur „die Spitze einer Vielzahl von Übergriffen, die jedes Jahr in Berlin stattfinden“. Im August waren im Tiergarten innerhalb kurzer Zeit drei Männer überfallen worden. Einer erlitt so schwere Kopfverletzungen, daß er in ein künstliches Koma versetzt werden mußte. Im Juli trug ein 41 Jahre alter Familienvater ebenfalls einen doppelten Kieferbruch davon. Er hatte nach einem Kneipenbesuch mit dem Fahrrad eine Abkürzung durch den Park genommen, als sich eine Gruppe Jugendlicher, die auf der Lauer gelegen hatte, mit dem Ruf „Schwule Säue!“ auf ihn stürzte. Die Polizei in Berlin verzeichnet einen deutlichen Anstieg solcher Gewaltdelikte, nicht zu reden von den leichteren Übergriffen. Bei den Tätern handelt es sich überwiegend um junge muslimische Männer. Medien und Politik zeigen sich in dem Maße zurückhaltend, wie der Zusammenhang mit der Herkunft und dem kulturell-religiösen Hintergrund der Täter evident ist. Im April 2007 wurde auf der Internetseite der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, die jüngst ihre Moschee in Berlin-Pankow eröffnet hat (JF 44/08), Homosexualität auf den Verzehr von Schweinefleisch zurückgeführt: „Der Mensch ist, was er ißt“, denn „ein schamloses Tier wie das Schwein prägt oder unterstützt die Ausprägung gewisser Verhaltensweisen des Konsumenten“. Das hinderte Politik und Medien nicht daran, den Moscheebau weiterhin zu unterstützen. Die Eröffnung wurde vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, dem Berliner Integrationsbeauftragten Günter Piening und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (alle SPD) überschwenglich gefeiert. Das arabischsprachige Magazin Al-Salam, das in Berlin ausliegt, rief vor Monaten gar zur Tötung von Homosexuellen auf. Garniert wurde der Artikel mit abstoßenden Fotos von Hautkrankheiten. Am 3. Oktober war ein klärendes Gespräch zwischen Funktionären des Schwulen- und Lesbenverbandes und Vertretern der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt der Religion (Ditib) in einer Berliner Moschee geplant. Der Empfang war kühl, es blieb beim Austausch von Monologen, der nach zwanzig Minuten beendet war. Ein „Runder Tisch“, den der Integrationsbeauftragte Piening Ende Oktober organisierte, blieb ebenfalls ergebnislos. Die muslimische Seite mochte keinem Text zustimmen, der sich an einer Erklärung des Berliner Innensenators Ehrhart Körting orientierte und das Al Salam-Elaborat verurteilte. Eine Nachfolgeveranstaltung lehnte Piening ab. Der Vorwurf wurde laut, er habe ohnehin nur eine Alibi-Veranstaltung geplant. Immerhin waren die prominenten Islamismus-Kritikerinnen Seyran Ateş und Necla Kelek gar nicht eingeladen und das Schwule Überfalltelefon erst nach Protesten zugelassen worden. Ein CDU-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, Sascha Steuer, kritisiert im Berliner Tagesspiegel unter dem Titel „Die Übergriffe machen uns Angst“, daß der rot-rote Senat keine Reaktion zeige. „Der Senat ist in der Pflicht, die Migranten in eine Entscheidungssituation zu bringen, wenn nötig auch zu provozieren. Es muß deutlich werden: Homosexualität, aber auch Gleichberechtigung von Frauen und Männern, sind in Berlin selbstverständlich; wenn Ihr Euch damit anfreundet, ist es gut — wenn nicht, solltet Ihr Euch entscheiden zu gehen.“ Es ist nicht nur Angst vor körperlichen Attacken. Ratlos registriert die Szene, daß Politik und Presse sie schulterzuckend als „Fortschrittsopfer“ abzuschreiben beginnen. Dabei gilt Berlin als „Schwulenhauptstadt“ Deutschlands und Europas. Der Christopher Street Day wird hier als gesellschaftliches Großereignis begangen, wer gesellschaftlich dazugehören will, darf die alljährliche Aids-Gala in der Deutschen Oper nicht verpassen. Sogar das Polizeipräsidium hißt die Regenbogenflagge, um nicht als „homophob“ zu gelten. Doch der große Befreiungsmarsch, auf dem man sich glaubte, stellt sich als Geisterfahrt heraus. Selbst die Plazierung homosexueller Politiker und Medienleute zählt nicht viel. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schweigt. Der berufsschwule grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck ritt auf der Mahnwache am 4. November vor allem eine neue Attacke gegen die Kirchen: „Auch die Kirchen und (!) die islamischen Gemeinschaften müssen sich strikt gegen Gewalt gegenüber Homosexuellen aussprechen.“ Der (offen homosexuelle) Chef der Linkspartei, Klaus Lederer, konterte die Ausweisungsforderung des CDU-Abgeordneten Steuer mit der Frage: „Soll katholischen Bischöfen, die sich mit Sympathie gegenüber Schwulen auch schwertun, die Staatsbürgerschaft entzogen werden?“ Der gleichfalls homosexuelle Integrationsbeauftragte Piening verwies darauf, daß die islamische und die christliche Theologie die Homosexualität doch ganz ähnlich einschätzten. Allerdings sind es keine Katholiken, die die Leute zusammenschlagen. Beck, Lederer und Piening suchen sich gezielt leichte Opfer für ihre Entlastungsangriffe. Sie wissen, daß sie dafür nicht die geringsten Konsequenzen zu befürchten haben. Bei Imamen müßten sie unter Umständen mit dem Zorn von Glaubensanhängern rechnen. Doch nicht persönliche Feigheit bestimmt primär ihr Verhalten. Sie sehen ganz realistisch, daß es weder ihrer Karriere nützen würde noch macht- und sachpolitisch aussichtsreich wäre, sich aus einer homosexuellen Interessenlage heraus den Machtverhältnissen entgegenzustemmen. Andere Interessen wiegen schwerer. Die weitgehende Gleichstellung der Homosexuellen setzte sich im Zuge einer gesellschaftlichen Umwälzung durch, die mit Begriffen wie: Emanzipation, Demokratisierung und Verwirklichung der Menschenrechte beschrieben wird, so als habe es sich um eine rationale politische Bewegung im Geiste der Aufklärung gehandelt. In Wahrheit war es eine Kulturrevolution und antibürgerliche Revolte, die zum Sieg der massendemokratischen Mentalität führte. Im Mittelpunkt stand die Bejahung des kurzfristigen Genusses und einer hedonistischen Lebenshaltung. Instanzen, die der Entfaltung des Ich entgegenstanden, wurden abgeräumt. Die Ablehnung von Verbindlichkeiten und die Verinnerlichung des pluralistischen Prinzips führte zum Kult um die Minderheiten. Die Homosexuellen wurden Galionsfiguren dieses Kults, denn sie schienen „den Bruch mit der bürgerlichen Denk- und Lebensform am radikalsten vollzogen zu haben“. (Panajotis Kondylis) Der Zustrom aus fremden Kulturen wurde begrüßt, weil er den Pluralismus zusätzlich auffächerte und das kulinarische Angebot vergrößerte. Das gilt auch unter Homosexuellen. Eine einschlägige Zeitschrift zitierte 2003 einen türkischstämmigen Homosexuellen-Aktivisten aus Berlin über das Verhalten der Deutschen: „Männer, die anders aussehen, also Türken oder Afrikaner, werden oft wie Südfrüchte behandelt, die man gerne pflückt, ißt und die Kerne wegschmeißt.“ Von einer Autorität und Ordnung stiftenden Instanz degenerierte der Staat zum Instrument zur Befriedigung dieser Massenbedürfnisse. Gegentendenzen wurden mit Hilfe des NS-Vorwurfs leicht überwunden. Die politische Schwulenbewegung wirkte daran mit. Blättert man in den Jahrgängen der einschlägigen Presse (Männer aktuell, Siegessäule), stellt man fest, daß das gängige politische Vokabular unbedarft übernommen wurde. 1992 wurde etwa vor einer Herrschaft der „Heterovolksschaft“ durch „SS-Opas vom Schlage eines Franz Schönhuber“ gewarnt. Notfalls sollten die Homosexuellen die Türken zu Hilfe holen. Noch 2007 wurde der Rechtsanwältin Seyran Ateş, Verfasserin des Buches „Der Multi-Kulti-Irrtum“, die Frage gestellt: „Schwule und Lesben werden diskriminiert. Türken auch. Warum sich nicht zusammentun?“ Ateş mußte erst einmal die Kategorien zurechtrücken: „Diese Minderheiten sind gar nicht vergleichbar. Homosexualität ist ein Fundament menschlichen Daseins, eine konservativ-muslimische Einstellung ist eine politische Haltung.“ Anders ausgedrückt: Die Schwulenbewegung hat dem falschen Konflikt entgegengezittert. Die Regenbogenflagge vor dem Polizeipräsidium symbolisiert keine Stärke, sondern die Schwäche der Szene. Sie steht für eine Polizei und einen Staat, die von Gewalttätern bestimmter Herkunft nicht mehr ernst genommen werden braucht, weil sie nur noch Vollzugsorgane temporärer Stimmungen, Moden, veränderter Kräfteverhältnisse und Minderheitenansprüche sind. Da die muslimische Minderheit inzwischen eindeutig stärker ist als die homosexuelle, sind Staat und Politik aus ihrem Selbstverständnis heraus gar nicht mehr in der Lage, letztere wirksam zu schützen. Die emanzipatorische Geisterfahrt läßt sich in das Bild eines Kahn voll fröhlich-närrischer Leute fassen, die unter großem Juchhe immer neue Gäste eingeladen haben, an der allgemeinen Freude teilzuhaben und sie zu steigern — je exotischer, desto besser. Viele wilde Gesellen kamen an Bord, die nun ein großes Gedränge veranstalten. Die Schwächsten fallen zuerst ins Wasser, die anderen werfen ihnen einen furchtsamen Blick nach und hoffen, selber an Bord bleiben zu dürfen. Die liberal-hedonistische Revolution beginnt ihre Kinder zu fressen. Für die Homosexuellen mag es ein kleiner Trost sein, daß sie zwar zu den ersten gehören, aber keinesfalls die letzten sein werden. Foto: Homosexuelle demonstrieren in Berlin gegen Angriffe durch Rechtsextremisten: Falscher Konflikt

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