Joachim Kuhs

 

Die neuen Scheichs im Schnee

Mehr als drei Viertel der grönländischen Bevölkerung sprachen sich Ende November in einer Volksabstimmung für eine größere Selbständigkeit vom Mutterland Dänemark aus. Damit wurde ein Autonomiegesetz angenommen, das der rechtsliberale dänische Premier Anders Fogh Rasmussen und sein grönländischer Amtskollege, der Sozialdemokrat Hans Enoksen, am 6. Mai in der Hauptstadt Nuuk (Godthåb) beschlossen hatten. Die 1814 durch den Frieden von Kiel an Dänemark gefallene Arktis-Insel verfügt bereits seit 1953 (verstärkt seit 1979) über weitgehende Autonomie. Für die gut 58.000 Bewohner — etwa 88 Prozent Eskimos (Inuit), der Rest meist Europäer — bringt die Neuregelung vor allem die Anerkennung ihres Eigentumsrechts an den regionalen Naturschätzen. Dem Entwurf zufolge soll Grönland pro Jahr die ersten 750 Millionen Kronen (etwa 100 Millionen Euro) aus künftigen Öleinnahmen behalten dürfen; alles andere geht zur Hälfte nach Nuuk und Kopenhagen. Im Gegenzug laufen die dänischen Subventionen von derzeit umgerechnet 460 Millionen Euro pro Jahr aus, die zwei Drittel der grönländischen Wirtschaft ausmachen. Während die größte Insel der Erde den Dänen einst reiche Einkünfte durch ihre großen Fischbestände verschaffte, ist sie inzwischen ein sozialpolitisches Faß ohne Boden, mit dem im Mutterland vor allem Probleme wie Korruption, Armut und Alkoholismus assoziiert werden. Darüber hinaus erkennt das neue Gesetz die Grönländer als eigenes Volk und Grönländisch als offizielle Landessprache an. Die Zuständigkeiten für das Polizeiwesen, die Justiz und die Meeresumwelt liegen fortan direkt in Nuuk. Bei allen allein Grönland betreffenden Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik wird der Insel ein Mitspracherecht gewährt. Ein Politikum von internationalem Rang ist das Referendum vom 25. November deshalb, weil es die Insel einer vollen Unabhängigkeit näherbringt und den Start freigibt für das Ringen um den Zugriff auf die strategisch bedeutenden Öl- und Gasvorkommen vor ihren Küsten. Diese werden im Gefolge der Erd­erwärmung immer besser zugänglich und damit lukrativer für eine mögliche Ausbeutung. In der sich anbahnenden Auseinandersetzung drohen die Eskimos zum Spielball zwischen den dänischen Ansprüchen und den Interessen der EU einerseits und US-Begehrlichkeiten andererseits zu werden. Als 1982 rund 53 Prozent der wahlberechtigten Inselbevölkerung für den Austritt aus der EG gestimmt hatten und dieser Schritt 1985 vollzogen wurde, mußte Brüssel bereits eine machtpolitische Niederlage hinnehmen. Während man im vom Staatsbankrott bedrohten Island (JF 45/08) gerade dabei ist, die eigene strategische Position in dieser Weltregion durch einen möglichen EU- und Euro-Beitritt des Landes zu verbessern (und auch Rußland mit seinem Milliardenkredit um größeren Einfluß buhlt), setzt die US-Außenpolitik in Grönland zum Gegenschlag an. Der zu den Verfechtern einer weitgehenden Souveränität gehörende grönländische Theologe, langjährige Inselpremier und zeitweilige Präsident des Inselparlaments Jonathan Motzfeldt erinnerte Ende November in einem Interview mit der dänischen Zeitung Politiken daran, daß die Monroe-Doktrin Grönland schon seit langem in die Interessenssphäre der USA einschließe. Lieber näher an Brüssel oder an Washington? Im Hinblick auf die bevorstehenden Kämpfe mahnte der Sozialdemokrat an, daß die dänische Vormacht einer amerikanischen vorzuziehen sei, da diese Grönland nicht so „schlucken“ werde, wie es die Vereinigten Staaten tun würden. Eine völlige Abkopplung Grönlands von Dänemark und der EU würde auch die europäischen Ambitionen hinsichtlich etwaiger Ausbeutungsansprüche im Bereich des Nordpols gefährden. Denn neben Finnland und Schweden (sowie indirekt auch das Efta-Mitglied Norwegen) bietet nur die teilautonome Insel im hohen Norden einen direkten Zugang zu den Rohstoffschätzen der Arktis. Als potentielle Widersacher sind Kanada sowie die USA und Rußland zu nennen. Das diplomatische Gezänk um unklare Seegrenzen zwischen Rußland einerseits und Norwegen und den USA andererseits, aber auch zwischen Dänemark und Kanada, gibt einen Vorgeschmack auf die kommenden Auseinandersetzungen (JF 24/08). Noch gehört der größte Teil der Arktis laut internationalem Seerecht niemandem. Doch da sich in dieser Region laut EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner bis zu 25 Prozent der noch unentdeckten Öl- und Gasvorräte der Erde befinden, ist das bisherige Desinteresse Vergangenheit. „Trotz rauher Bedingungen werden das Schmelzen des Eises und neue Technologien den Zugang zu den arktischen Ressourcen Schritt für Schritt erhöhen“, heißt es in einem unlängst veröffentlichten Strategiepapier der EU-Kommission für die Entwicklung einer gemeinsamen Arktispolitik. Die schon jetzt gut entwickelte Öl- und Gasförderung der EU-Industrie auf hoher See müsse an den Einsatz in noch rauherem Klima und tieferem Wasser angepaßt werden, so die Vorgabe Brüssels. Denn „die arktischen Ressourcen könnten helfen, die EU-Versorgungssicherheit mit Energie und anderen Rohstoffen zu erhöhen“.

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