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Baltische Tiger in der Krise

Jahrelang waren sie die Musterschüler des neoliberalen Übergangs vom Sowjetkommunismus zur Marktwirtschaft. Mit zweistelligen Wachstumsraten schienen die drei Baltenrepubliken nichts falsch machen zu können. Dank solider Staatsfinanzen — in Estland sind Etatdefizite per Verfassung verboten — hatte man 2007 sogar den Euro einführen wollen, doch das scheiterte knapp an den Inflationszahlen. Eine Flat Tax von 23 Prozent (Estland), 25 Prozent (Lettland) und 33 Prozent (Litauen) gab steuerliche Anreize für Leistungsträger. Bis 2020 wollte Estland Portugal eingeholt und die Erblasten der Moskauer Mißwirtschaft bewältigt haben. Aber die Warnzeichen waren nicht zu übersehen. Angeheizt vom hereinströmenden Auslandskapital — Russen, die ihre Rubel sicher verbunkern, Fondsmanager, die in hochrentierlichen Tigerstaaten anlegen wollten — bildete sich wie in den USA, Großbritannien oder Spanien eine gewaltige Immobilienblase. Gleichzeitig stieg die Inflation auf derzeit zwölf Prozent in Lettland und acht Prozent in Estland und Litauen. Im Vorjahr wurden Lohnzuwächse von 30 Prozent durchgesetzt. Denn dank des EU-Beitritts sind qualifizierte Arbeitskräfte knapp geworden. Allein 100.000 Letten sind seit 2004 ins Ausland abgewandert, vor allem nach England und Norwegen. Die entbehrungsreichen Jahrzehnte der Sowjetbesetzung haben bei vielen Balten den Wunsch nach der sofortigen Befriedigung ihrer Konsumwünsche übermächtig werden lassen. Die Warnung des 2006 verstorbenen estnischen Präsidenten Lennart Meri verhallte ungehört: „Wir werden nicht schnell reich. Schnell kann man nur arm werden.“ Binnennachfrage auf Kredit, hohe Leistungsbilanzdefizite Banken warben aggressiv um Verbraucherkredite, die zu einer hohen Verschuldung der Bevölkerung führten. Jetzt sitzen Swedbank, SEB & Co. auf faulen Forderungen. Die künstlich angeheizte Binnennachfrage löste wie in den USA einen Importboom aus, der hohe Leistungsbilanzdefizite verursachte. In Lettland machte es 2007 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. In Summe belaufen sich die Auslandsschulden dort auf 130 Prozent des BIP. Normalerweise wertet ein Land dann seine Währung ab und alles kommt wieder ins Lot. Nur geht das im Baltikum nicht. Angelsächsisch geschulte Nachwuchsmonetaristen setzten die fixe Bindung von Litas, Lat und Estenkrone an den Euro gesetzlich fest. So leidet die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft an überteuerten Exporten und verbilligten Importen. Mit dem Einbruch der Weltkonjunktur im Zuge der US-Finanzkrise hat es die drei dynamischsten europäischen Wirtschaften am härtesten erwischt. Die Immobilienpreise in Lettland sind schon um 20 Prozent eingebrochen. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. In diesem Jahr werden die Wirtschaften aller drei Baltenstaaten deutlich schrumpfen. Die Stärke und Dauer der Krise ist noch nicht absehbar. Erste Investitionsruinen sind unübersehbar. Sicher wird die Krise heilsame Effekte auslösen. Nicht jedes Stadtviertel braucht ein glitzerndes Einkaufszentrum. Nicht überall müssen Luxuswohnungen gebaut werden. Nicht jeder Bezieher eines Durchschnittsgehalts von 500 Euro kann sich einen neuen Mittelklassewagen leisten. Dennoch werden die Balten mit ihrem Fleiß und hohen Bildungsniveau mittelfristig wieder einen moderaten Wachstumskurs einschlagen. Der Sanierungsbedarf an der Infrastruktur und an Gebäuden ist noch immer beträchtlich. Die Sowjets hatten von 1944 bis 1991 ganze Arbeit geleistet. Damit geht auch ihren befreiten Erben die Arbeit nicht aus. Daher ist der Wirbel um die Prognose des finnischen Soziologen Johan Bäckman, Estland könnte in zehn Jahren Teil der Russischen Föderation sein, wohl nur ein übler Vermarktungstrick: In dieser Woche erscheint Bäckmans russophiles Buch „Der Bronze-Soldat — Hintergrund und Inhalt des estnischen Denkmalstreits“ (JF 13/08). Der Verlag Tarbeinfo plant Ausgaben auf englisch, estnisch und russisch.   Dr. Albrecht Rothacher war bis 2006 Direktor an der Asien-Europa-Stiftung. 2002 erschien sein Buch „Im Wilden Osten. Hinter den Kulissen des Umbruchs in Osteuropa“ (Krämer Verlag, Hamburg). Im Herbst erscheint „Stalins langer Schatten: Medwedews Rußland und der postsowjetische Raum“ (Ares Verlag, Graz).

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