Petersburger Kontinuitäten

Am Montagmorgen vergangener Woche lag der Spiegel voll daneben: "Zeichen von Hysterie" seien nach der Duma-Wahl in Rußland zu erkennen. "Der Kampf um die Putin-Nachfolge" verschärfe sich, "aussichtsreicher Favorit für das Präsidentenamt" sei Premier Wiktor Subkow. "Im Gespräch für das höchste Staatsamt sind nach wie vor auch Vizepremier und Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow sowie Walentina Matwijenko, die Gouverneurin von St. Petersburg", orakelte das früher besser informierte Hamburger Magazin.

Nur wenige Stunden später wurde dann der wirklich aussichtsreichste Kandidat für die Präsidentschaftswahl am 2. März kommenden Jahres bekanntgegeben: Dmitrij Anatoljewitsch Medwedew, derzeit Vizeregierungschef und seit 2002 auch Vorsitzender des Aufsichtsrats der größten russischen Unternehmens Gasprom. Der 42jährige wurde wie der 55jährige Putin in Leningrad geboren. Doch während letzterer aus einfachen Verhältnissen stammt, waren Medwedews Eltern Akademiker. Schon vor dem Gorbatschow-Tauwetter hörte Medwedew ganz "unsowjetischen" Hardrock von Black Sabbath, Deep Purple oder Led Zeppelin – die Leidenschaft für deren Vinylplatten und die englische Sprache hat sich bis heute erhalten. Auch familiär beweist er Beständigkeit: Seit 1989 ist er mit seiner Schulfreundin Swetlana Linnik verheiratet, 1996 kam ihr Sohn Ilja zur Welt. 1987 machte Medwedew sein Jura-Examen an der Leningrader Universität, 1990 promovierte Medwedew über das Zivilrecht und war danach bis 1999 als Dozent an der Juristischen Fakultät der Petersburger Universität tätig.

Kein "liberaler Reformer" im westlichen Sinne

Daneben beriet er unter Bürgermeister Anatolij Sobtschak das Komitee für Außenwirtschaft seiner Heimatstadt, dessen Leiter Putin war. Aus dieser Zeit stammt auch Medwedews Zusammenarbeit mit dem späteren Bevollmächtigen des russischen Präsidenten für den Kaukasus, Dmitrij Kosak. Medwedew galt schon als Student als talentierter Jurist, der sich selbst im römischen Recht gut auskannte und dem eine akademische Bilderbuchkarriere sicher schien.

Doch als Putin 1999 Ministerpräsident wurde, holte er Medwedew nach Moskau und machte ihn zum Vizechef des Regierungsapparates. Anfang 2000 wechselte Putin ins Präsidentenamt, Medwedew in die Präsidialverwaltung, deren Leiter er 2003 wurde. Gleichzeitig übernahm Medwedew führende Posten im Gasprom-Konzern, seit 2002 ist er dort Aufsichtsratschef.

Aus dieser Tätigkeit kennt er auch gut den deutschen Gasprom-Aufsichtsrat Burckhard Bergmann. Letzterer warnt davor, den bedächtig auftretenden Medwedew zu unterschätzen. Man dürfe dessen Höflichkeit und Sachlichkeit nicht mit Schwäche verwechseln: "Wir haben bei Gasprom kontroverse Diskussionen. Er läßt die Menschen zwar reden, aber er führt die Diskussion dann zum Ergebnis", verriet der Vorstandschef von Eon-Ruhrgas dem Internetportal Spiegel Online. Medwedew sei "ein Garant für Stabilität und für die Fortsetzung der Wirtschaftspolitik".

Ein "liberaler Reformer" im westlichen Sinne ist er aber wohl dennoch nicht. Denn zweifellos gehört Medwedew zum "engeren Kreis" um Putin, und zwar zu jenen, die als Analytiker die strategischen Konzepte erarbeiten. Dennoch wäre Putin wohl ein Mann vom Schlage des jetzigen Ministerpräsidenten Subkow noch lieber gewesen.

Und die Entscheidung für Medwedew fiel offenbar auch erst nach den Duma-Wahlen am 2. Dezember. Trotz der Zwei-Drittel-Mehrheit für die Partei "Einiges Rußland" hatte man im Kreml mehr erwartet – die Wahlbeteiligung von etwas über 60 Prozent gab zu denken. Daher schien es geraten, die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten Medwedew gleich von vier Parteien zu erreichen. Daß Medwedew Putin schon einen Tag nach seiner angekündigten Nominierung als künftigen Regierungschef vorschlug, dürfte Leser dieser Zeitung (JF 07/07) nicht überraschen.

Prof. Dr. Wolfgang Seiffert war Direktor des Kieler Instituts für osteuropäisches Recht. Bis 2002 lehrte er an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

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