Viertel nach zwölf

Montagmittag in der Stadtbibliothek von Berlin-Neukölln, dem Stadtbezirk mit dem höchsten Ausländer- bzw. Migrantenanteil: Etwa einhundert Besucher sind zu der Buchvorstellung des Bremer Politologen Stefan Luft gekommen, der an der Seite von Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sein neuestes Werk vorstellt, das den „Abschied von Multikulti“ einfordert und „Wege aus der Integrationskrise“ aufzeigt (siehe Seite 20). Und die scheinen nirgends dringlicher als hier. Luft versucht die Zuhörer aufzuwecken, indem er, Herwig Birg zitierend, auf das Jahr 2050 verweist: In deutschen Großstädten gebe es dann 27 Prozent „Ausländeranteil“. Der Anteil in Neukölln dürfte bis dahin wohl bei fast einhundert Prozent liegen. Die Problematik der Neuköllner Parallelgesellschaften war im März 2005 in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, als Buschkowsky in einem Interview mit dieser Zeitung das Scheitern von „Multikulti“ verkündet hatte (JF 11/05). Unter Buschkowsky, der „unregierbare Elendsgebiete“ als Folge der „multikulturellen Gesellschaft“ prognostiziert hatte, arbeiten mittlerweile neun „Quartiersmanager“. Diese rasant wachsende Berufsgruppe des social engineering soll Bezirke mit hohem Ausländeranteil vor dem „Umkippen“ bewahren. Einer von ihnen ist Gilles Duhem. Für ihn ist das Buch ein „Wegweiser für die ganze Republik“, denn mittlerweile sei es „Viertel nach zwölf“. Begrifflich ist er schon weiter: Bewußt spreche er nicht von Migranten, sondern von „Mitbewohnern“, um die Zuwanderer so aus den „ethnischen Kolonien“ herauszuholen. Das führt zu der bemerkenswerten Wortmeldung eines sichtlich irritierten Mitarbeiters der Friedrich-Ebert-Stiftung: Für ihn sei das neu, in seinem Umfeld habe er immer zu hören bekommen, daß „ethnische Kolonien“ positiv zu betrachten seien, da sie die Neuankömmlinge erst einmal auffingen.

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