Verzerrt und verfälscht

Als im April dieses Jahres der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) auf einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Sachsenhausen mahnte, sich gleichzeitig auch derjenigen zu erinnern, die zwischen 1945 und 1950 ihr Leben in dem am gleichen Ort errichteten sowjetischen Lager verloren, wurde Protest laut. Der damalige Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen-Komitees (ISK), Hans Rentmeister, bezeichnete die Aufforderung Schönbohms als „Zumutung“, da sich unter den Speziallager-Häftlingen zahlreiche „Mörder“ seiner Kameraden befunden hätten. Inzwischen ist Rentmeister als ehemaliger Leiter der Lichtenberger Kreisdienstelle der Stasi enttarnt und aufgrund dieser Tätigkeit vom Internationale Sachsenhausen-Komitee entlassen worden. Damit sind jedoch keineswegs automatisch auch die Legenden über den Charakter der sowjetischen Speziallager verschwunden, die oft ihren Ursprung in einer allgemeinen Unkenntnis dieses historischen Kapitels haben. Wie kann aber solchen Legenden heute und in Zukunft begegnet werden? Wie läßt sich das Schicksal der Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft besser als bisher vermitteln? Und wie können die Erfahrungen einer allmählich aussterbenden Generation auch an heutige Schüler vermittelt werden? Am vergangenen Mittwoch wurde auf dem Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung „Zukunft braucht Erinnerung! System und Wirklichkeit der Speziallager in der SBZ / DDR 1945-1950“ im Alten Rathaus zu Potsdam kontrovers über diese Fragen diskutiert. Der Historiker Klaus-Dieter Müller – Mitglied der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Folgen politischer Gewaltherrschaft – wies auf den aktuellen Forschungsstand über die sowjetischen Speziallager in Deutschland hin. Die Einrichtung der Lager beruhte auf einem im April 1945 vom sowjetischen Volkskommissar für Inneres, Lawrenti Berija, erlassenen Befehl. „Feindliche Elemente“, welche verdächtig waren, die sowjetische Herrschaft in den Gebieten hinter der Front zu gefährden, sollten vorübergehend vollständig isoliert werden. Dies widerspricht eindeutig der Behauptung, daß die Aufgabe der Lager in der Separierung von NS-Kadern zum Zwecke ihrer baldigen Verurteilung bestanden hätte. Schönbohm kritisiert Straßennamen Die Todesrate in den sowjetischen Speziallagern auf deutschem Boden war außerordentlich hoch: Bis zum Januar 1948 – dem Zeitpunkt der ersten Entlassungswelle von Häftlingen – starben in ihnen rund 35.000 Menschen. Dies entspricht einer Quote von 36 Prozent: Mehr als jeder dritte deutsche Insasse der Speziallager kam zwischen April 1945 und Januar 1948 ums Leben. Noch sind diese in wissenschaftlichen Publikationen aufgearbeiteten Fakten kaum in die Öffentlichkeit gedrungen, wie der Leiter der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, in seinem Vortrag herausstellte. Statt dessen ließen sich problematische Verharmlosungstendenzen schon an den Begriffen erkennen, die zur Kennzeichnung der Lager verwendet würden. So sei bis Mitte der neunziger Jahre noch häufig die Bezeichnung „Umerziehungslager“ verwendet worden. Dieser Begriff verfälsche nicht nur die Realität in den Lagern grob, sondern orientiere sich zudem auch vollkommen an der kommunistischen Diktion. Doch auch die inzwischen gebräuchliche Bezeichnung „Speziallager“ – eine Übernahme des von der Täterseite verwendeten „Spezlag“ – offenbare einen verharmlosenden Charakter. Der Begriff „Todeslager“ stelle schon aufgrund der enormen Todesraten eine weit treffendere Bezeichnung dar, und dies unabhängig davon, ob man diese Raten auf „Unterlassung“ oder auf eine Absicht zurückführe. Auch die Bezeichnung „Vernichtungslager“ sei in diesem Zusammenhang nicht grundsätzlich abzulehnen. Auch Schönbohm wandte sich in seinen Ausführungen deutlich gegen Tendenzen zur Verharmlosung des kommunistischen Unrechtes. Als wesentliche Ursache führte er grundlegende Mängel bei der Geschichtsdarstellung in den Schulen an, wo immer noch häufig Verzerrungen oder Verfälschungen zu beobachten seien. Hinzu komme die ungenügende Wahrnehmung der Opfer des Kommunismus in der Öffentlichkeit. Der Innenminister erinnerte daran, daß in Brandenburg bislang keine Straße und kein Platz an den Pfarrer Oskar Brüsewitz erinnere, der sich aus Protest gegen die Kirchenpolitik des SED-Staates vor 30 Jahren öffentlich verbrannte (JF 33/06). Statt dessen trügen auch 16 Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes viele den Namen von Antidemokraten wie Klara Zetkin oder Ernst Thälmann. Und in Potsdam fordere die PDS die Wiederaufstellung eines 2004 entfernten Lenin-Denkmales – „eines Massenmörders, der ins Museum gehört“, aber „keine öffentliche Huldigungsstätte verdient“, so Schönbohm.

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles