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Knallhart

Nerven hat er. Das soll ihm erst einmal jemand nachmachen: Die Finger zum Victory-Zeichen gespreizt und mit wehender Fahne auf der Bühne in der Wahlnacht in Rom ins Mikrophon zu brüllen: „Ragazzi, wir haben gewonnen“. Und sofort zu versprechen, daß er Italien eine volle Legislaturperiode führen werde. All dieser überschwengliche Siegestaumel bei einem Vorsprung von gerade einmal 0,1 Prozent. Aber dies ist bezeichnend für Romano Prodi. Il „Professore“, wie er genannt wird, wirkt immer freundlich-umständlich mit seinem Pantoffel-Charme und seiner nuscheligen Aussprache. Wenn es jedoch gilt, seine eigenen Machtinstinkte zu befriedigen, läßt der gewitzte Politiker seine Maske fallen, dann wird er knallhart und rüde. Dabei war er als großer Versöhner in diesem häßlichen Wahlkampf angetreten, wollte das gespaltene Land wieder vereinen. Doch nun pocht er auf seinen Wahlsieg von 25.000 Stimmen mehr und lehnt rigoros eine Große Koalition ab. Der Politiker Prodi ist ein Phänomen. Ohne Hausmacht überrollte er die breite Mitte-Links-Koalition Unione aus über einem Dutzend Parteien, die ihrerseits wieder in Bündnissen wie L’Ulivo und Margherita zusammenarbeiten. Prodi rief sich selber zum Spitzenkandidaten in den ersten „Vorwahlen“ nach US-Vorbild im Oktober letzten Jahres aus – ohne daß die stets uneinige heterogene Opposition wußte, wie ihr geschah. Doch er gewann. Der 66jährige Prodi stammt aus Bologna in der Emilia. Als achtes von neun Kindern eines Akademikerpaares studierte er bis 1961 Jura in Mailand und anschließend Ökonomie in Bologna und London. Ab 1971 war er Volkswirtschaftsprofessor in Bologna. Er ist dennoch ein politisches „Urgestein“ der 1994 im Korruptionssumpf untergegangenen Democrazia Cristiana (DC). Er kennt sich daher bestens aus mit den Finten in der italienischen Politik. 1978 war er bereits Industrieminister unter dem gewieften DC-Premier Giulio Andreotti. Von 1984 bis 1995 – mit Unterbrechung zwischen 1989 und 1993 – war er Präsident der italienischen Staatsholding IRI, deren Betriebe er als Sanierer nur teilweise mit Erfolg gesundschrumpfte. Nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der PCI Italien – der größten kommunistischen Partei in der EG – kam Prodi den Ex-Kommunisten, die nur ihr Etikett in PDS (Partei der linken Demokraten) gewechselt hatten, als Gallionsfigur gerade recht, um Silvio Berlusconi zu bekämpfen, der mit seiner Forza Italia 1994 siegreich in die italienische Politik eingestiegen war. Mit dem Mitte-Links-Bündnis Ulivo („Olivenbaum“) trat Prodi 1996 gegen Berlusconi an – und gewann. Unter seiner Regierung wurde Italien in den Kreis der Euro-Länder aufgenommen. Doch dann scherten die Altkommunisten (PRC) aus und Prodi mußte gehen. Anstatt Neuwahlen auszurufen, wurde kurzerhand der „Linksdemokrat“ Massimo D’Alema auf den Sessel des Ministerpräsidenten gesetzt. Prodi selber wurde Chef der EU-Kommission in Brüssel. Diese Jahre hinterließen ein zwiespältiges Echo. Doch noch als EU-Präsident meldete Prodi unaufgefordert seinen Anspruch als Oppositionsführer auf das Mitte-Links-Lager an. Allerdings gelang es ihm bisher nicht, eine eigene, große linke Partei zu schmieden. Mit seinem hauchdünnen Sieg hat Prodi das Land nun fast an den Rand einer Staatskrise gebracht. Ob er länger als in seiner ersten Amtszeit agieren kann, hängt vor allem von seinen linken Koalitionären ab.

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