„Die Gleichgültigkeit ist ungeheuerlich“

Die weißen Holzkreuze und ihre schwarzgekleideten Träger waren am vergangenen Sonnabend auf dem Berliner Alexanderplatz nicht zu übersehen. Schon beim Aussteigen aus der Stadtbahn ist das erste zu sehen. Irritiert läuft man weiter; unten auf dem Platz das nächste, bei der berühmten Weltzeituhr drei weitere. Die Kreuze strahlen im herbstlichen Sonnenschein. Einige Passanten fragen verwundert, was das denn bedeuten solle. Ein Mann sagt im vorbeigehen: „Das Kreuz gehört andersrum, Alter.“ Aber der Kreuzträger nimmt die Provokation gelassen. „Sie müssen sich beeilen, die Kundgebung beginnt in ein paar Minuten“, sagt er. Der Mann ist vom Bundesverband für Lebensrecht (BVL) und steht mit einem Kreuz als Wegweiser für all jene, die zur diesjährigen Demonstration „Tausend Kreuze für das Leben“ wollen. Am Neptunbrunnen neben dem Roten Rathaus sammeln sich Hunderte Menschen. Sie sind aus allen Ecken Deutschlands gekommen und oft die ganze Nacht gefahren, um an der Demonstration teilnehmen zu können. So auch das junge deutsch-amerikanische Ehepaar Toenjes, das aus dem Schwarzwald angereist ist. „Wir sind gekommen, weil wir Lebensschutz als eines der wichtigsten Themen überhaupt betrachten“, sagt die dreißigjährige Andrea Toenjes. Ihr sei es unbegreiflich, daß so viele Menschen in einem Rechtsstaat umgebracht würden. „Die Gleichgültigkeit der Gesellschaft ist ungeheuerlich“, sagt sie. Für Christopher Toenjes ist Abtreibung nur ein Symptom einer dekadenten und gottlosen Gesellschaft. „Sie ist nicht das eigentliche Problem. Vielmehr müßte man die Ursachen bekämpfen, die zum großen Teil im Hedonismus und der Spaßgesellschaft liegen“, sagt der 26jährige Amerikaner. Beinahe alle Demonstranten tragen an diesem Tag trotz des heißen Wetters dunkle Kleidung, denn die Kundgebung sollte schließlich ein „Trauermarsch für die tausend Kinder sein, die pro Werktag in Deutschland abgetrieben werden“, sagt der Organisator Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz und Vorstandsmitglied des BVL. Zum Beginn der Kundgebung erzählt eine Frau ihre Geschichte. Auch sie hat abgetrieben. Danach sei sie depressiv geworden und habe mehrmals Selbstmord versucht, bis sie schließlich „Vergebung bei Gott fand“. Nach der bewegenden Geschichte übernimmt die BVL-Vorsitzende und Ärztin Claudia Kaminski das Wort. Sie betont, daß die Absicht der Demonstration keineswegs die Anklage oder Verurteilung der Frauen sei, die abgetrieben haben. Statt dessen wolle man den ungeborenen Kindern eine Stimme verleihen. „Wer sonst tut das, wenn nicht wir Christen?“ fragt sie. „Frauen treiben oft ab, weil das Umfeld sie nicht genügend unterstützt. Sie werden immer öfter von ihren Partnern mit der Entscheidung alleine gelassen“, sagt Kaminski. „Unser Appell ist deshalb: Lassen wir sie nicht im Stich! Wir müssen ihnen so helfen, daß sie sich für das Kind entscheiden können.“ Denn jedes Kind habe das Recht auf Leben, egal ob geboren, ungeboren, gesund oder behindert. Das Publikum applaudiert. Aber nicht alle sehen begeistert aus. Hinten, einige Meter von den Lebensschützern entfernt, bildet sich eine zweite, viel kleinere Gruppe. Eine Handvoll junger Frauen und noch weniger Männer halten ein lilafarbenes Transparent. Darauf steht auf englisch: „May the fetus you save be gay – Keep your rosaries off my ovaries“. Die Nachfrage bei einem der umstehenden Polizisten, ob die Gegendemonstration denn angemeldet sei, provoziert eine unsichere Gegenfrage: Was der Text auf dem Plakat überhaupt heiße, will der Polizist wissen. Nach der Übersetzung des Slogans, „Möge der von euch gerettete Fötus schwul sein – Haltet eure Rosenkränze fern von meinen Eierstöcken“, bilden plötzlich etwa zehn Polizisten eine menschliche Mauer zwischen den Lebensrechtlern und ihren Gegnern. Aus der Erfahrung von 2004 wissen die Polizisten nämlich, wozu die Gegendemonstranten fähig sind: Damals bewarfen sie die Teilnehmer der „Tausend Kreuze“-Demonstration mit Farbbeuteln und störten die Kundgebung mit Zwischenrufen. Auch dieses Jahr gehören die Gegendemonstranten zu der linken antichristlichen Gruppe Neue Caritas. In ihrer Selbstdarstellung im Internet schreiben sie über „fundamentalistische Christen“ und deren Veranstaltungen: „Wir wissen, daß die Veranstaltungen und die organisierenden Gruppen zu kritisieren sind. Wie wissen nur nicht genau, wieso und wie. Von einem linken Standpunkt aus wollen wir uns deshalb einer Kritik des christlichen Fundamentalismus annähern.“ Weiter heißt es: „Fundamentalismus als Wahn, Religion als Opium für das Volk und Gott als (tote) Idee aufzufassen, erklärt nicht das Vorhandensein dieser Gruppen. Auch finden wir die Abqualifizierung dieses Spektrums als Verrückte wenig praktikabel.“ Sie deuten christlichen Fundamentalismus als Reaktion auf die moderne Gesellschaft und wollen dies mit allen Mitteln bekämpfen. Sie rufen explizit auf, die Demostration „Tausend Kreuze für das Leben“ zu stören. Abtreibung oder nicht, das sei die alleinige Entscheidung der einzelnen Frau, fordern sie: „Antifeminismus bekämpfen. Christlich-fundamentalistischen Tugendterror zurückweisen.“ Die Angriffe im Jahr 2004 hatten die Lebensrechtler nicht eingeschüchtert. Diesmal sind sogar noch erheblich mehr Menschen zum Trauermarsch gekommen. Als um 13 Uhr die Kreuze an die Teilnehmer verteilt werden, finden alle tausend einen Träger. „Im Jahr 2004 blieben etwa 200 übrig, weil zu wenige Menschen da waren“, sagt ein Organisator. Eines der Kreuze landet schließlich in den falschen Händen. Provokant stellt eine Gegendemonstrantin es falschherum hin – quasi als Zeichen des Teufels. Zusätzlich treten weitere Gegendemonstranten das Kreuz. Dieses Schauspiel ereignet sich allerdings erst, als der Umzug der Lebensrechtler bereits auf die Straße gezogen ist. Somit bekommen die meisten von ihnen das alles gar nicht mit, was der Aktion um so weniger Bedeutung verleiht. Nur eine Ordnerin sieht, was geschieht, rennt hin und stellt sich der Demonstrantin. Schließlich bekommt sie Hilfe von der Polizei, die das Kreuz aufgrund zweckentfremdeter Nutzung beschlagnahmt. Hunderte Meter lang, mit tausend in der Sonne strahlenden weißen Kreuzen, marschieren die Lebensrechtler schweigend vom Roten Rathaus bis hin zur Hedwigskathedrale. Hinter ihnen laufen Polizisten und dahinter die Gruppe Neue Caritas. Auf Anfrage, wie viele Gegendemonstranten es nun gebe, antwortet ein Polizist lachend: „Es sind genau 16 Stück.“ Damit wirkt ihre Demonstration hinter den tausend Kreuzträgern beinahe lächerlich. Weniger lustig finden die Passanten den Trauermarsch. Der Umzug scheint sie zu beeindrucken: Sie halten an und lesen die verteilte Broschüre, um zu sehen, worum es geht. „Ich sah auch einige Frauen starr nach vorne blicken oder wegschauen, als wir an ihnen vorbeimarschierten“, sagt Cornelia Jäkel, 34, die aus Bad Sobernheim aus der Nähe von Mainz gekommen ist. „Ich glaube, daß es sich bei diesen Frauen um Betroffene handelte.“ Auch Andrea Toenjes hat ähnliches beobachtet. „Viele Frauen schauten demonstrativ nach vorne oder fast ängstlich weg. Ich vermute, daß diese Frauen auf irgendwelche Weise durch den Trauermarsch berührt wurden. Vielleicht waren sie auch Betroffene. Nun kann man nur hoffen, daß eine Auseinandersetzung und schließlich ein Heilungsprozeß einsetzt“, sagt sie. „So viele Menschen in Deutschland leiden unter den Folgen von Abtreibung. Es ist die Zeit gekommen, daß dieses Land endlich aufwacht“, sagt Jäkel. Die BVL in Internet: www.bv-lebensrecht.de
Weitere Bilder von der Demonstration sind auf der Seite www.jungefreiheit.de zu sehen. Foto: Junge Demonstrantinnen auf ihrem Weg durch Berlin (oben); Polizisten kümmern sich um einige Gegendemonstranten; BVL-Vorsitzende Claudia Kaminski: Hoffnung auf einen Heilungsprozeß

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