Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

So viele Kinder bekommen, wie sie wollen

In der an sich traurigen Skala europäischer Fertilitätsquoten nimmt sich Frankreich auf dem dritten Platz hinter Island und Irland eigentlich gut aus. Immerhin knapp zwei Kinder bringt die westliche Nachbarin im Durchschnitt zur Welt – Deutschland dagegen nimmt mit knapp 1,3 Kindern vor Italien und Spanien den drittletzten Platz auf der EU-Rangliste ein. Seit einigen Jahren hat Frankreich einen Anstieg der Geburtenrate zu verzeichnen; seit 1999 ist das Land um etwa 1,7 Millionen auf 59,5 Millionen Einwohner gewachsen. Das Alter der Erstgebärenden steigt wie in Deutschland, liegt jedoch mit 29,6 Jahren etwa zwei Jahre unter dem Durchschnittsalter der Frauen hier. Scheidungen und die Anzahl Alleinerziehender ähneln den deutschen Zahlen, Abtreibungen werden gar etwas häufiger vorgenommen. Mehrfache Mütter kehren in ihren Erwerbsberuf zurück Das Plus an Geburten in Frankreich resultiert weniger aus einem signifikant niedrigerem Anteil kinderlos bleibender Frauen, sondern aus einer Mehrzahl an Familien, die sich für ein drittes Kind entscheiden. Solche Unterschiede in der Gebärmentalität sind kaum monokausal zu erklären. Es seien die flächendeckenden Écoles maternelles, jene vorschulartig strukturierten kostenlosen und ganztägigen Kindergärten, die 99 Prozent aller dreijährigen Kinder in Frankreich besuchen, sagen die einen, während andere die Selbstverständlichkeit hervorheben, mit der auch mehrfache Mütter bald nach der Niederkunft wieder in ihren Erwerbsberuf zurückkehren. Der – vergleichsweise niedrige – offizielle Migrantenanteil in Frankreich verzerrt allerdings den Vergleich zwischen deutscher und französischer Geburtenstatistik. Dort gilt das ius soli (Recht des Bodens) – die französische Staatsbürgerschaft erhalten automatisch alle Kinder, die auf französischem Staatsgebiet geboren werden. In Deutschland galt seit 1913 das ius sanguis (Recht des Blutes) – die deutsche Staatsbürgerschaft wurde an alle Kinder verliehen, deren Eltern oder mindestens ein Elternteil selbst deutsche Staatsbürger sind. Dieses „Abstammungsprinzip“ wurde aber inzwischen durch die Reform der Staatsangehörigkeitsrechts aufgeweicht. Zwischen 1950 und 2000 hat die Bevölkerungszahl Frankreichs um etwa 17 Millionen Menschen zugenommen. Doch daß etwa ein Fünftel des jährlichen Kindersegens von Zuwanderern kommt und die (durch die französische Kolonialgeschichte als inländisch geltenden) Einwohner afrikanischer oder maghrebinischer Herkunft traditionell gebärfreudiger sind, erklärt die neue Lust am Kinde nur zu einem Teil. Jüngst hatte der Wirtschaftsfachmann Yves-Marie Laulan in seinem bislang nur in Frankreich erschienenen Buch „Deutschland – Chronik eines angekündigten Todes“ zu einer tiefenpsychologischen, historisch unterfütterten Erklärung angehoben (JF 10/05 sowie 23/05), um die eklatante Gebärverweigerung der Deutschen zu begründen: Durch den verlorenen Krieg befinde sich Deutschland – und damit wäre ja auch der Kindermangel in Italien und Spanien erklärbar – in einer Art moralischen Dauerflaute, es fehle an geistiger Orientierung, um hoffnungsfroh an der Zukunft bauen zu können. Das Beispiel Mitteldeutschland mit seiner breiten Krippenstruktur und der berufstätigen Mutter als Normalfall zeigt, wie sehr man sich hier trotz quasi-französischer Betreuungsverhältnisse und ähnlicher Frauenerwerbsbiographien im demographischen Niedergang befindet. Den Babyboom in Frankreich will die bürgerliche Regierung von Dominique de Villepin mit einer neuen Familienoffensive anfeuern. Denn auch mit 1,98 Kindern befindet sich die demographische Entwicklung auf einem absteigenden Ast: In Europa wären 2,1 Kinder pro Frau zur „Bestandssicherung“ notwendig. Bis 2008 sind 46.000 neue Krippenplätze geplant Die Beschlüsse der jährlichen Familienkonferenz unter Vorsitz Villepins haben sich nicht nur eine weitere Geburtensteigerung, sondern auch eine verstärkte Öffnung des Arbeitsmarktes für Mehrfachmütter zum Ziel gesetzt – dies obwohl bereits die Hälfte aller Zweifachmütter und ein Drittel aller Frauen mit drei Kindern erwerbstätig sind. Künftig sollen Eltern ab dem dritten Kind die Wahl haben zwischen einem Familiengeld in Höhe von 750 Euro monatlich für ein Jahr und der alten Regelung, die ab dem zweiten Kind 512 Euro monatlich über einen dreijährigen Zeitraum gewährte. Zudem sollen bis 2008 46.000 neue Krippenplätze geschaffen und der Kostensatz erhöht werden, der für außerhäusliche Betreuung steuerlich absetzbar ist. Des weiteren soll die Familienkarte, die kinderreichen Familien eine Vergünstigung von bis zu 50 Prozent auf Bahnfahrten gewährte, statt von der Staatsbahn SNCF künftig von den Familienkassen ausgegeben werden, wobei man weitere öffentliche und private Einrichtungen für ein derartiges Rabattsystem gewinnen möchte. „Wir müssen noch weitergehen, um es den französischen Familien zu ermöglichen, so viele Kinder zu bekommen, wie sie wollen“, begründete Familienminister Philippe Bas – selbst vierfacher Vater – den neuen Vorstoß der Regierung. Was deutsche Kommentatoren neidvoll berichten, findet dabei Vorbilder hierzulande, und seien es längst vergessene familienpolitische Maßnahmen aus der Adenauer-Ära: Der „Wuermeling-Paß“ (boshaft auch als „Karnickel-Karte“ bezeichnet) ermöglichte Sprößlingen kinderreicher Familien Bahnfahrten zum halben Preis, bis er in den neunziger Jahren unter der Ägide von Bundesfamilienministerin Claudia Noltes (CDU) abgeschafft wurde. Überhaupt war die Förderung erst ab dem zweiten (in Frankreich wird für das erste Kind kein Kindergeld gezahlt) und verstärkt dem dritten Kind eine erfolgreiche Anreizstruktur von Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling (1953-1962), der durch großzügige Steuererleichterungen und Geldzuwendungen vor allem größere Familien unterstütze. Nicht zuletzt dadurch erhöhte sich die Geburtenziffer in Deutschland von 780.000 jährlich bei Wuermelings Amtsantritt auf sagenhafte 1,4 Millionen 1964. Das nun in Frankreich beschlossene erhöhte („budgetierte“) Erziehungsgeld, wenn die Entscheidung für nur ein Jahr „Elternzeit“ getroffen wird, gibt es hierzulande auch heute noch, statt 307 Euro monatlich über zwei Jahre erhalten Eltern dann 460 Euro über den Zeitraum von zwölf Monaten. Was die übrigen Transferleistungen für Familien angeht, bleibt Deutschland zwar unangefochtener Weltmeister; zahlreiche französische Lösungen jedoch erweisen sich als pragmatischer. Dazu zählen etwa die vier Monate, die sich eine französische Mutter (mit niedrigem Lohnersatz) bei Krankheit des Kindes von der Arbeit freistellen lassen kann, Umzugsbeihilfen, wenn ab dem dritten Kind eine größere Wohnung nötig wird, sowie finanzielle Leistungen zum Schulbeginn: Realistische 250 Euro gibt hier der Staat pro Schulkind.

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