Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein erster Schritt in Bronze

Vier Tage vor der Kanzlerwahl. In der CDU-Bundesgeschäftsstelle tagt die Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der Vertriebenen und Flüchtlinge in der CDU/CSU (OMV). Jeder Delegierte erhält ein Paket mit folgenden Unterlagen: 18 Seiten Grußworte, 18 Seiten Bericht der Geschäftsstelle, 18 Seiten alte Pressemitteilungen, 23 Seiten alte Zeitungsausschnitte, drei Broschüren. Die Delegierten der Versammlung sind überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Abends erscheint dann noch die designierte Kanzlerin Angela Merkel und hält eine Rede, für die sie viel Applaus erhält. Unter anderem sagt sie mit Blick auf das Andenken der Vertriebenen, sie werde sich „für ein sichtbares Zeichen in Berlin“ einsetzen. Das ist sehr vage. Daß sie ein Zentrum gegen Vertreibung errichten will, hat sie nicht explizit gesagt. Trotzdem geben sich die OMV-Funktionäre zufrieden. „Wer, wenn nicht ‚unsere‘ Kanzlerin, kann das leisten?“ scheint die überwiegende Überzeugung Unions- und Vertriebenenkreisen zu sein. Doch während noch in den Sternen steht, ob unter Angela Merkel ein Zentrum gegen Vertreibungen entsteht, hat eine private Initiative für ein erstes sichtbares Zeichen gesorgt: In Berlin erinnert jetzt eine Bronze-Tafel an Flucht und Vertreibung der Deutschen. Bereits seit geraumer Zeit verfolgt der Vorsitzende der überparteilichen Organisation Die Deutschen Konservativen e.V., Joachim Siegerist, das Ziel, ein Vertriebenen-Denkmal zu errichten – auch ohne Hilfe des Staates. Und bei der einen Tafel, die jetzt in Berlin angebracht worden ist, soll es nach dem Willen von Siegerist nicht bleiben. Deswegen sind Förderer seines Hamburger Vereins im ganzen Land unterwegs und halten Ausschau nach geeigneten Plätzen, an denen eine entsprechende Bronzetafel angebracht werden könnte, die Siegerist hat entwerfen lassen. Briefmarke diente als Vorbild Die Tafel ist schlicht. Sie zeigt eine Gruppe von Flüchtlingen. Das Motiv lehnt sich an eine bekannte Briefmarke aus den fünfziger Jahren an, die damals millionenfache Verbreitung fand. Dazu der Schriftzug „Unseren Vertriebenen“. Im Juli hatte die Konservative Deutsche Zeitung (DZ) erstmals über den Prototypen der 54-Kilo-Platte berichtet. Im Frühjahr haben die Initiatoren in einer Berliner Gießerei eine erste Bronzeplatte geordert. Dann geschah eine ganze Weile nichts. Es zeigte sich nämlich, daß es gar nicht so einfach ist, einen oder mehrere markante Plätze in Deutschland zu finden, an denen es technisch und politisch möglich ist, die Tafel aufzustellen. Der Ort muß hochfrequentiert sein, damit viele Leute auf die Platte aufmerksam werden. Und außerdem muß natürlich auch der Eigentümer einverstanden sein. Doch dann wurden die Initiatoren von der Dynamik der Ereignisse überholt. Plötzlich erfuhren sie von der Gießerei, daß sich eine Privatperson nach der Bronzetafel erkundigt habe. Der Spender, der ungenannt bleiben möchte, besitzt ein Haus im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. In einer Gegend, wo traditionell Rot-Grün und Linkspartei gewählt wird, ließ er die erste Platte anbringen: an der Greifswalder Straße, auf der sich ein paar hundert Meter weiter ein gigantisches Thälmann-Denkmal befindet, das die „Wende“ von 1989/90 unbeschadet überstanden hat. Das private Vertriebenen-Denkmal dürfte daher auf einige Anwohner provozierend wirken. Täglich laufen nun Tausende von Passanten an dem privaten Vertriebenen-Denkmal vorbei. Der ehemalige Innensenator und Bundestagsabgeordnete Heinrich Lummer (CDU), der auch Ehrenpräsident der Deutschen Konservativen ist, war auch bereits vor Ort und hat sich ein Bild von der Platte und dem Standort gemacht. Er zeigte sich hoch zufrieden. Auf das Zentrum gegen Vertreibungen, das der Bund der Vertrieben in Berlin errichten möchte, konnten sich Union und SPD in den Koalitionverhandlungen übrigens nicht einigen.

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